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22.01.2002

19:00 Uhr

Tschechiens Premier ist für seine rethorischen Ausfälle berüchtigt

Zeman übertrumpft Haider

Vonb Joachim Weidemann

Wie eine Dampfwalze rollt Tschechiens sozialdemokratischer Premier Milos Zeman in den Wahlkampf. Dabei hat der 57-jährige Zeman, der sein Amt als Parteichef bereits an Vladimir Spidla abgetreten hat und zu den Neuwahlen im Sommer nicht mehr kandidieren will, nichts zu verlieren.

HB PRAG. Und so zeigt sich der Politiker, bekannt für markige Sprüche und stoische Ruhe, nicht wählerisch. Jüngste Ziele seiner Angriffe: der österreichische Populisten Jörg Haider und dessen Freiheitlichen (FPÖ) sowie die Sudetendeutschen.

Haider als "Postfaschisten" zu bezeichnen und als "politisches Tschernobyl" ist keineswegs neu. Zeman hatte für den damaligen FPÖ-Chef schon 1999 ähnliche Worte gefunden - damals im Einklang mit anderen europäischen Politikern. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Umso mehr schmerzt die Österreicher jetzt Zemans Vergleich der Temelin-Petition Haiders mit Hitlers Anschluss-Referendum in Österreich 1938. Österreich sei "nicht Hitlers erstes Opfer gewesen, sondern sein erster Verbündeter", so Zeman. Derartige Entgleisungen sind nicht der einzige Ausrutscher des Pragers.

Weiteres Angriffsziel ist der berühmt-berüchtigte US-Anwalt Ed Fagan, der zurzeit die Gegner des Kernkraftwerks Temelin vertritt. Was die Österreicher wohl sagen würden, so fragte Zeman, wenn sich auch Prag "irgendeinen Fratz" (tschechisch: fakan) zum Anwalt nehmen würde, um Wien wegen der gefährlichen Alpentunnel zu belangen? Nicht dass Zeman diese Worte ernst meinen würde. Nur weiß er, dass das Wortspiel "Fagan - fakan" der tschechischen Wählerklientel gefällt.

Auch vor dem Ausland hat sich Zeman nur selten Zügel angelegt - und schon gar nicht, wenn es um die Sudetendeutschen ging. In der letzten Amtszeit Helmut Kohls ließ er diesen wissen, dass Prag sich sicher "mit der nächsten sozialdemokratischen Regierung besser verstehen werde." Anlass des Streits waren auch damals die Sudetendeutschen. In diese Kerbe hieb Zeman jetzt erneut: Pauschal urteilte er, die Sudetendeutschen seien "Hitlers fünfte Kolonne" gewesen, nachdem die "Zerstörung der einzigen demokratischen Enklave Mitteleuropas" beschlossen worden war.

Das stieß bei der CSU natürlich auf helle Empörung. Diese unverschämten Äußerungen erforderten eine Entschuldigung Zemans, erklärte CSU-Landesgruppenvorsitzende Michael Glos.

Doch während sich Tschechiens Intellektuelle in Schmerzen winden und Nachbarregierungen sich beschweren, bleibt Zeman gelassen. Für eine eventuelle Nachfolge von Präsident Vaclav Havel aber, wie sie in Prag diskutiert wird, dürfte er sich disqualifiziert haben.

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