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06.01.2003

07:00 Uhr

Tschetschenien

Generation Gewalt

VonMathias Brüggmann , Luisa Magomadowa, Handelsblatt

Sie haben nur Leid, Elend und Krieg erlebt. Jetzt wollen junge Tschetschenen Rache nehmen - viele auch als Selbstmordattentäter. Russland könnte ein zweites Israel werden.

Sajfuddin, das heißt übersetzt "Schwert des Islams". Und Sajfuddin, 25, der für einen Tschetschenen außergewöhnlich blonde Mann mit den entschlossenen Augen, sieht sich als genau als jenes Schwert. Er sei ein Smertnik, ein Selbstmordattentäter, sagt er, und der Koran sei sein Leitmotiv. Den bei islamistischen Fundamentalisten erwarteten Rauschebart trägt er zwar nicht, aber "wir dienen Allah und tun alles für das Aufblühen des Islams. Für einen gläubigen Moslem ist das Sterben als Märtyrer im heiligen Krieg eine große Ehre."

Sajfuddin ist Teil der "Generation P.", wie ein russischer Schriftsteller die Jugend der Nach-Perestroika-Ära, also auch der Putin-Jahre, nennt. Nur entstammt er eben der tschetschenischen P-Generation, ist ein Smertnik. Unter dem Kremlherrn Wladimir Putin hat sie nur Krieg, Leiden, Angst und Hass erlebt - und den Russen Rache geschworen. Jetzt könnte Russland zu einem zweiten Israel werden - ein Porträt der Generation Gewalt.

Als Sajfuddin 16 Jahre alt war, marschierten die Russen zum ersten Mal in Grosny ein, seiner tschetschenischen Heimatstadt. Damals begann er gerade sein Studium der Orientalistik und einen Nebenkurs in Journalistik. "Ich war Romantiker, schrieb Verse und Gedichte und sah um mich herum nur Leid und Tod", erinnert sich der junge Mann mit dem rotwunden Gesicht. Der eiskalte Wind in den Wäldern des Kaukasus hat sich in Jahren des Kampfes gegen "die Okkupanten", wie er die Russen nennt, in seine Haut gefressen. Mit 17 nahm er erstmals eine Maschinenpistole in die Hände.

Heute ist er das "Schwert des Islams", nicht mehr Kämpfer, sondern Selbstmordattentäter, und sein größter Traum ist es, "für Allah in tausend kleine Stücke gerissen zu werden und zu ihm aufzusteigen. Um meinen Weg zum Kämpfer des Dschihads zu Ende zu gehen, musste ich Smertnik werden", sagt der trainierte Hüne mit den breiten Schultern - und sein Gesicht verklärt sich. Kamikaze, das bedeute Selbstaufopferung und sei nur in Ausnahmefällen zulässig - wie eben seiner Meinung nach jetzt: "Ungläubige sind gewaltsam in unser Land eingedrungen. Da waren wir zum Kampf gezwungen, denn sie wollen die Moslems aus der Welt drängen."

Jetzt wartet Sajfuddin auf den Befehl seines Militär-Emirs, des Kommandeurs seiner Einheit. Was genau er dann tun wird und wo, ob er sich in einer Menschenmenge mit einer Bombe um den Bauch in die Luft sprengt und andere mit in den Tod reißt oder etwas anderes tut, darüber redet er nicht. Denkbar aber sei eine Aktion wie die Geiselnahme im Moskauer Musicaltheater. Deren Anführer, der dabei von russischen Spezialeinheiten getötete gleichaltrige Mowsar Barajew, ist für ihn ein Held. Barajew habe aber mehr aus Rache denn aus islamischer Überzeugung gehandelt, merkt Sajfuddin an. Die tschetschenischen Jugendlichen, die ihre ermordeten Verwandten rächen wollten, stellten die deutliche Mehrheit der Smertniki.

"Das Problem sind die Kinder des Krieges", sagt Dschabrail Gakajew, Tschetschene und Historiker an der Russischen Akademie der Wissenschaft. "Sie haben keine Bildung und stellen die soziale Basis für die Rebellen." Auch der Arzt Hasan Baijew analysiert, "Gewalt gebiert Gewalt. Ein Volk wird in einen Rachefeldzug getrieben, und in diesen zwei Kriegen ist eine neue Jugendgeneration herangewachsen." Baijew war während des Tschetschenien-Feldzugs berühmt geworden, weil er sowohl prominente kaukasische Feldkommandeure durch seine Operationen rettete wie auch russische Offiziere. "Mit diesen Menschen kann der Kreml ganz sicher nicht mehr über Frieden verhandeln", befürchtet der inzwischen in die USA ausgewanderte Baijew.

Die tschetschenische Generation P., die Kinder des Krieges, entladen ihren Hass gegen die russische Armee mit Gewalttaten: So legen sie immer wieder Minen auf Strecken, kurz bevor diese von Militärfahrzeugen befahren werden. Wer mitmacht, kassiert: Die Rebellen zahlen den Jugendlichen 100 Dollar für das einfache Auslegen der Minen und bis zu 5 000 Dollar, falls sie mehrere Russen töten.

Doch bei vielen ist Zahlen nicht nötig: "Das ist Dschihad, ein heiliger Krieg", prahlt Hussein, ein Rotschopf, der mit seiner neunköpfigen Familie in einem Flüchtlingslager in der Nachbarrepublik Inguschetien lebt. "Die Russen werden uns nicht in Ruhe lassen und jeden Tschetschenen umbringen", schimpft er. "Wenn wir gebraucht werden, gehen wir an die Front." Bisher habe seine Mutter ihn noch nicht ziehen lassen, räumt er kleinlaut ein. Ein älterer Bruder sei schließlich bereits von russischen Soldaten umgebracht worden.

Hussein ist erst 17, auch wenn sein Gesicht eher dem eines 40-Jährigen gleicht. Die nächtlichen Bombardements und immer neue Razzien russischer Soldaten in der Wohnung im Heimatdorf Alchan-Jurt, Flucht und Unterschlupf in Ruinen haben sich in seine Haut gegraben. Eines Tages, da ist er sicher, wird auch er Kämpfer oder Selbstmordattentäter.

Längst wollen nicht nur die jungen Männer töten. Auch viele Frauen kämpfen. Wurden sie zunächst als Scharfschützinnen eingesetzt, so sind inzwischen die Bilder von Frauen gefallener Kämpfer um die Welt gegangen, die als "Todeswitwen mit Dschihad-Gürteln" Sprengsätze um ihre Bäuche geschnürt hatten.

Fatima Tajmaschanowa, die wegen Hilfe bei einem Bombenattentat noch 13 Jahre inhaftiert sein wird, rechtfertigt ihre Tat: "Die Scharia", sagt sie über das islamische Recht, "erlaubt Frauen Rache, wenn keine Männer mehr in ihren Familien leben."

Als erste tschetschenische Selbstmordattentäterin ging Elsa Gasujewa in die Geschichte des Kampfes gegen die Russen ein, der bereits seit 300 Jahren andauert: Vor einem Jahr sprengte sie sich im tschetschenischen Städtchen Urus-Martan in die Luft - mit dem örtlichen Kommandanten der russischen Armee, General Gejdar Hadschijew. Dessen Einheit hatte Gasujewas Mann und zwei ihrer Brüder getötet. In Tschetschenien herrscht noch das Gesetz der Blutrache.

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