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18.01.2001

16:20 Uhr

Türkei ruft Botschafter zurück

Frankreich erkennt Völkermord an Armeniern an

Trotz scharfer Proteste der Türkei hat das französische Parlament den Völkermord an den Armeniern aus dem Jahr 1915 anerkannt. Dies führte dazu, dass die türkische Regierung ihren Botschafter aus Paris zurückrief.

ap PARIS/ANKARA. Ungeachtet scharfen Protests der Türkei hat das französische Parlament den Völkermord an den Armeniern aus dem Jahr 1915 anerkannt. Die Nationalversammlung verabschiedete am Donnerstag einstimmig ein Gesetz, das der Senat bereits gebilligt hat. Die Regierung in Ankara sprach von einem "schweren Fehler vor der Geschichte und der Menschheit" und rief umgehend ihren Botschafter in Paris zu Konsultationen zurück.

Bei Massakern und der Zwangsumsiedlung der armenischen Bevölkerung aus Ost-Anatolien in die Wüstengebiete Syriens und Mesopotamiens waren 1915 im ottomanischen Reich hunderttausende Menschen ums Leben gekommen, nach armenischen Angaben rund 1,5 Mill.. Hunderttausende Franzosen sind armenischer Abstammung, etwa der Sänger Charles Aznavour, der Filmregisseur Henri Verneuil und der in Deutschland spielende Fußball-Weltmeister Youri Djorkaeff.

Die Initiative zur Anerkennung des Völkermords war nicht von der französischen Regierung ausgegangen, sondern von der Fraktion der Sozialistischen Partei. Parlamentsminister Jean-Jack Queyranne sprach sich am Donnerstag nochmals gegen die Resolution aus. Die moderne Türkei dürfe nicht für Taten zur Zeiten des ottomanischen Reichs verantwortlich gemacht werden. Der Senat hatte das Gesetz nach langem Zögern im vergangenen November gebilligt.

Die Türkei hatte vor der Abstimmung noch einmal Druck auf Paris gemacht. Ministerpräsident Bulent Ecevit empfing am Mittwoch den französischen Botschafter und warnte vor einer Krise in den Beziehungen beider Länder. Regierungssprecher Rustu Kazim Yucelen sagte nach dem Votum der französischen Abgeordneten, Frankreich habe einen schweren Fehler begangen. Die Türkei könne nicht für einen Völkermord verantwortlich gemacht werden, den sie nicht begangen habe. In dem von der Nationalversammlung verabschiedeten Text heißt es kurz: "Frankreich erkennt öffentlich den armenischen Völkermord von 1915 an."



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