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19.04.2006

11:00 Uhr

Tumminellis Designkritik

Dänische Romantik

VonPaolo Tumminelli

Warum die Hifi-Kompaktanlage Beosound 4 von Bang & Olufsen das falsche Produkt zur falschen Zeit ist – und sie trotzdem Erfolg haben wird.

Wollen sie die Beosound 4 einmal offen und einmal geschlossen betrachten, dann klicken Sie das Pluszeichen an. Grafik: HB

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Bang & Olufsen – für Kenner B&O – ist ein gern zitiertes Beispiel für Unternehmen, die durch „Design“ zu Erfolg gekommen sind. Als Synonym für gute Form und gutes Design erreichte die dänische Manufaktur, ohne Rücksicht auf Herstellungskosten, eine ästhetische sowie funktionale Perfektion. Trotz der steigenden Konkurrenz aus Fernost hat das Unternehmen überlebt und es dabei geschickt geschafft, aus der Marke B&O ein weltweit anerkanntes Luxusprodukt zu machen – mit exklusiven Show-Rooms und kompetentem Service.

Ein Luxusprodukt ist etwas, dessen Wert man nicht erklären kann und muss. Nur so kann man die neue BeoSound 4 verstehen: Eine HiFi-Kompaktanlage mit CD-Player, die für knapp 2 000 Euro weder Fernbedienung noch Lautsprecher bietet. Alles ist auf Sonderwunsch natürlich erhältlich, was den Preis schnell verdoppeln würde. Nur eine Besonderheit bietet sie umsonst: die magische, sensorgesteuerte Bewegung der Glastür.

Von früheren Beo-Modellen bekannt, ist dies ein beliebtes Design-Merkmal, das bei Vorführungen stets für den gewünschten Aha-Effekt sorgt. Doch diese Funktion ist nicht nur überflüssig, diese Art von Luxus ist mittlerweile auch nicht mehr „In“.

Bang & Olufsen fällt hier mit der BeoSound 4 der eigenen Markenpositionierung zum Opfer. B&O hat immer das richtige Design zur richtigen Zeit hervorgebracht. Doch heute, gibt es keinen stilistischen Kanon mehr, dem man sich anpassen muss. Marken wie Bang & Olufsen laufen daher Gefahr, in eine Identitätskrise zu geraten, wie sie bereits 1980 vom Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt vorausgesagt wurde.

Seiner Theorie nach, ist Design unsichtbar. Er postulierte „ein Design von morgen, das unsichtbare Gesamtsysteme, bestehend aus Objekten und zwischenmenschlichen Beziehungen, bewusst zu berücksichtigen imstande ist.“ In der Unterhaltungselektronik ist die Hardware inzwischen so klein, dass sie ganz verschwinden kann. Es sind die Systeme, die Erlebnisse und nicht die Gegenstände, die neu designt werden müssen. Mit einem neuen Produkt, das keine ästhetische wie funktionale Grundlage hat, und dessen physische Präsenz überflüssig geworden ist, erklären sich die Dänen zu Romantikern. Das passt nicht zu einem Unternehmen, das als System-Denker eine Vorreiter-Rolle spielt.

Nach Ansicht des kanadischen Designstrategen Bruce Mau ist heute „Design unsichtbar, bis es versagt“. Dass die BeoSound 4 noch sichtbar ist, zeugt von designstrategischem Versagen. Und dennoch: Ein unternehmerischer Fehler ist dies längst nicht. Bis sich in der gegenwärtigen globalen Luxus-Kundschaft der Gedanke durchsetzen wird, statt in überflüssige Status-Symbole in unsichtbare Lebensqualität zu investieren, wird B&O das schmucke Produkt wohl noch gut verkaufen können.

Paolo Tumminelli ist Design-Professor an der Fachhochschule Köln.

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