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06.01.2010

13:59 Uhr

Tumminellis Designkritik

Der Mailänder Dom als Waffe

VonPaolo Tumminelli

Nach dem Angriff auf Berlusconi ist die Nachfrage nach den Mini-Modellen der Kathedrale nicht zu bremsen. Abzuwarten bleibt, ob Flugzeugpassagieren künftig die Mitnahme von Architekturminiaturen untersagt wird.

Der Mailänder Dom in Originalgröße. ap

Der Mailänder Dom in Originalgröße.

Die Leute diskutieren gerne, ob Kindern der Umgang mit Spielzeugwaffen verboten werden sollte, in der virtuellen Welt genauso wie im realen Leben. Es überrascht, wie leicht die Gesellschaft dabei einer altgedienten Symbolik zum Opfer fällt. Entspricht doch das Bild des mit Pistole oder Maschinengewehr bewaffneten Bösewichts eher dem Denken von Filmemachern als der Wirklichkeit.

Tatsächlich müssen wir am Flughafen erleben, dass Coca-Cola als potenzielle Waffe eingestuft wird, wenn sie sich in einem Gefäß befindet, das mehr als einen zehntel Liter fasst. Selbst Marzipan unterliegt der strengen Antiterror-Verordnung, hat die süße Paste doch die Konsistenz von Sprengstoff. Nun muss selbst Oma Marie fürchten, mit Softdrink und Kuchen in der Tasche den Terminator als Sinnbild der Gewalt zu ersetzen. Die echten Terroristen dagegen dürften derweil innovativ designte Waffen für ihre Anschläge gefunden haben.

Weder Pistole noch Cola-Flasche verwendete der Täter bei dem jüngst geschehenen Überfall auf Italiens Regierungschef Berlusconi. Der Attentäter schlug zu mit einer Miniatur des Mailänder Doms. Skurriler kann ein solcher Angriff nicht sein. Die Symbolik ist unverkennbar: Mailand ist die Stadt Berlusconis, die er mit Immobiliengroßprojekten ausdehnte, bevor er sie zur Hauptstadt des neuen Italiens ausrief: Milano, Mode, Medien, Macht. „Milano da bere“, Eine Stadt zum Trinken, so zelebrierte ein Yuppy-Werbespot für Amaro Ramazzotti Ende der 80er-Jahre, während der Mailänder Sozialist Bettino Craxi in Rom regierte und der craxianische Berlusconi sein Imperium festigte.

Gerade der gotische Dom Mailands repräsentiert den Erfolg Berlusconis. 418 Jahre dauerte der Bau - deshalb gilt der Spruch „Fabbrica del Duomo“ landesweit für unvollendete Projekte. Doch seit Berlusconi regiert, thront das Bauwerk, weißer denn je, auf einem makellos sauberen Platz.

An Arglist dürften Ministerpräsident und Leibwächter kaum gedacht haben, als der Mann sich näherte, die Dom-Miniatur aus Metall in der Hand. Zumal in Mailand. Die Konsequenzen sind bekannt.

Die große Überraschung kam später. Damit der symbolstarke Dom für Berlusconi nicht zum Kreuz würde, haben die Medien darauf verzichtet, ein Bild der ungewöhnlichen Waffe zu veröffentlichen. Man weiß aber, dass es sich dabei um eine der kitschigen Miniaturen handelt, die man in der Nähe des Doms erwerben kann. Im Handumdrehen ist ein Mythos entstanden: Das billige Souvenir avancierte zum Trend-Geschenk. In drei Tagen wurde ein Jahreskontingent verkauft, schnell musste in China (!) nachgeordert werden.

Würde man von der Schwere der Tat absehen, wäre der Angriff nach Marketingregeln ein Erfolg - wenn auch ein zweifelhafter. Abzuwarten bleibt, ob Flugzeugpassagieren künftig die Mitnahme von Architekturminiaturen untersagt wird.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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