Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.01.2007

13:04 Uhr

Tumminellis Designkritik

Der neue Stromlinienford

VonPaolo Tumminelli

Das Designkonzept Airstream – Fords Highlight auf der diesjährigen Automesse in Detroit – setzt auf den amerikanischen Pioniergeist, auf dem die Ovalmarke basiert. Das Modell ist in jeder Hinsicht, auch stilistisch, eine Neuerscheinung.

Zur Vollansicht bitte die bildlupe anklicken.

Fords Designkonzept "Airstream": Details wie beim Flugzeug. Grafik: Handelsblatt

Egal, wer heute im Automarkt in Führung geht, Amerika hat das Automobil geprägt. Daimler-Benz mag das Auto erfunden haben, erst Ford machte daraus ein wertvolles Kulturgut: private Mobilität. Gleich nach der Karre, mit der Pioniere das neue Land erkundeten, kam das Modell T, die erste Ikone des Automobiljahrhunderts. Auf dem millionenfach produzierten Schwarzen basiert, ganz nach Henry Fords Vorstellung, der bürgerliche Wohlstand Amerikas und somit auch der unsere.

Noch ein Beispiel: Der schweizerisch-österreichische Paul Jaray mag die Stromlinienform erfunden haben, diese wird aber erst durch das amerikanische Streamlining – später einfach Styling genannt – zu einem weltweit kulturrelevanten Thema, dem Design.

Aus der frühen Streamline-Ära, den 30er-Jahren, stammt ein weiterer amerikanischer Meilenstein: der Airstream-Wohnwagen. In seiner glänzenden Metallhülle galt er zunächst als Symbol einer freien Gesellschaft in permanenter Bewegung, später wurde er auch zum Synonym für die Ausgrenzung von Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben. Selbst dieses Bild trägt zur Festigung des amerikanischen Unabhängigkeitsgefühls bei, wie die Lebensgeschichte des Jimmy „Rabbit“ Smith Jr. zeigt. Als Eminem wurde der im Wohnwagen aufgewachsene Rapper reich und berühmt.

Ein Mythos kann jederzeit wiederbelebt werden. Dies versucht nun Ford zusammen mit der noch aktiven Firma Airstream. Jay Mays und Freeman Thomas, Chefdesignstrategen der Ovalmarke, zeigen wieder einmal, wie man gekonnt mit der Historie spielt. Sie sind die Initiatoren der Remakewelle der 90er-Jahre, aus der Produkte wie der VW New Beetle und der Ford T-Bird stammen.

Der Airstream ist in jeder Hinsicht, auch stilistisch, eine Neuerscheinung, wie damals der Audi TT – auch von Thomas. Beim Designkonzept handelt es sich um ein Crossover mit einem Elektromotor, der von einer Brennstoffzelle gespeist wird, vom aerodynamischen Raketendesign – zum Glück – keine Spur: Der Kastenwagen steht ziemlich klobig da. Die glänzende Karosserie strahlt mit vielen Flugzeugdetails. Die rot gepolsterte, loungeartige Innenausstattung ist weniger automobilistisch als wohnlich. Ganz im Stil des Australiers Marc Newson entworfen, soll der Wohnraum „spacy“ wirken, von Stanley Kubricks „Space Odyssey“ inspiriert. Das Ergebnis liegt jedoch meines Erachtens zwischen dem 50er Diner-, 60er Puff- und 70er Disco-Stil. Eine Lavalampe ist jedenfalls vorhanden.

„Showcars“ müssen schrill sein, damit man über sie redet (!). Wichtiger beim Airstream ist jedoch: Er macht Schluss mit einem Trend, der seit dem „9-11“ anhält. Als Reaktion auf die Terroranschläge mutierten amerikanische Autos rasch zu unangenehm beeindruckenden Panzern: massiv, scharfe Kanten, kleine Fenster – wie die erfolgreichen Bösewichte Hummer und Chrysler 300.

Der Airstream wirkt zwar auch wie ein massives Projektil-Automobil. Allerdings ist er netter: Die funktionale Asymmetrie der Türen und Fenster, die subtile grafische Anspielung und nicht zuletzt die grundlegende Leichtigkeit sind sympathisch. „Abenteuer und Optimismus“ soll der Wagen verbreiten – und das tut er auch. Genau das braucht Ford – und nicht nur Ford.

Paolo Tumminelli ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×