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03.01.2007

12:34 Uhr

Tumminellis Designkritik

Wunderbare Unvernunft

VonPaolo Tumminelli

Es werde Luxus! Am kommenden Sonntag stellt Rolls Royce in Detroit den Phantom Drophead Coupé als Serienmodell vor. Selten war Dekadenz so panzerartig und elegant zugleich. Ein Lob für ein Auto, das niemand braucht.

Das neue Phantom Drophead Coupé von Rolls Royce. Grafik: Handelsblatt

Das neue Phantom Drophead Coupé von Rolls Royce. Grafik: Handelsblatt

Über Sinn und Unsinn von Luxusautos kann man streiten. Eine Grenze für Luxus lässt sich schon bei der Bezeichnung kaum festlegen. Wer sich heute edlen Schmieden wie Pininfarina oder Zagato zuwendet, um dort für einen siebenstelligen Eurobetrag ein Auto nach Maß fertigen zu lassen, der betrachtet den Drophead Coupé für gut 400 000 US-Dollar fast als alltägliches Prêt-à-porter.

Luxus beginnt dort, wo das Gerede über Preis-Leistung-Verhältnis sein Ende hat. Eine romantische Unvernunft treibt zum Luxus, egal wie teuer ein Gegenstand sein mag. Von Luxus gibt es im Design zwei Arten: Jene, die nur ein erzogenes Auge erkennt – eine Form snobistischen Understatements. Und jene, die allen sofort auffällt. Rolls Royce gehörte stets zur zweiten Kategorie. Neben dem unbestrittenen Ruhm des britischen Fabrikanten hat allein die markante Tempelform des Kühlergrills samt Emily-Figur, dem „Spirit of Ecstasy“, die RR-Marke zur Auffälligkeit verdammt. Weil diese – vor allem im Ausland – hoch in Trend liegt, erfreut sich die BMW-Marke guter Geschäfte. Vier Jahre nach Markteinführung hat sich das Phantom im kollektiven Bild fest als Königsauto etabliert. Die heutige Phantom-Limousine kaufen am liebsten Hotels in Dubai oder Hong Kong.

Jetzt kommt der Drophead Coupé auf den Markt. Um es vorwegzunehmen: Das Wort unvernünftig, gar unnötig passt diesem Cabrio am besten. 5,6 Meter Länge, dabei trotz Leichtmetallbau über 2600 Kilos für lediglich vier Plätze, dazu ein noch unbekannter (oder unkalkulierbarer?) Verbrauch bei lediglich 240 km/h Höchstgeschwindigkeit – die besten Voraussetzungen für ein wahres Luxusauto! Ja, einen DHC – der Kennerjargon für Drophead Coupé – braucht niemand. Er stellt vielmehr in seiner Dekadenz den Gipfel des statussymbolischen Automobilmythos des 20. Jahrhunderts dar.

Aber: Dieser Rolls Royce ist kein Marketing-Gag, sondern ein echtes Automobil. Fast nie wird ein Showcar (der DHC ist als 100 EXperimental seit 2004 bekannt) unverändert in die Produktion gebracht. Hier aber wurde aus Traum Wirklichkeit. Fast nie werden hochwertige, gar natürliche Materialien im fühlbar natürlichen Zustand, angewandt – und schon gar nicht unter der Haut. Hier aber jede Menge: egal ob Alu, Edelstahl, verschiedene Hölzer, Wolle oder Sisal. Fast nie werden teure Alternativen umgesetzt. Hier aber treten sogar die hinten angeschlagenen Türen wieder auf: eine Kostbarkeit technisch wie ästhetisch.

Auch unübliche Handarbeit wurde eingesetzt, es dürften mehrere hundert Stunden sein – vom Rahmenschweißen bis zum optionalen Motorhaubenbürsten. Trotz panzerartiger Masse zeigt das New Classic Design noch Eleganz der Linien, das gigantische Stoffverdeck ist wohlproportioniert, eine beruhigende Geometrie aller Details begleitet das Auge. Einiges bleibt ja verrückt, wie die wahlweise gebürstete Motorhaube aus Edelstahl und die Verdeckabdeckung aus ölbehandeltem Teakholz. Aber die Designer um Ian Cameron waren fein genug, um auf Spielchen des 100 EX – wie etwa die spießig beleuchtete Kristall-Emily – zu verzichten.

Mit dem Drophead Coupé macht das Automobildesign keinen Schritt nach vorne, der Brite ist aber wahrlich kein Spielzeug: Es ist eines der wenigen Autos einer sterbenden Rasse, dessen Kauf und Erhalt sich noch lohnt.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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