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25.06.2000

13:07 Uhr

Überzeugter Realpolitiker

Kuhn gilt als Vordenker der Grünen

"Man kann mit der Sonne auch Kohle machen." Es sind Sätze wie dieser, mit denen Fritz Kuhn es versteht, ein Leitmotiv seines politischen Selbstverständnisses zu illustrieren.

Reuters MÜNSTER. Der Baden-Württemberger steht wie kaum ein anderer in seiner Partei für den Anspruch, Umweltschutz und Wirtschaftspolitik miteinander zu verbinden. Mit einer programmatischen Bewerbungsrede riss er am Samstag in Münster die Delegierten des Bundesparteitages der Grünen mit, die ihn schließlich mit knapp 74 % der Stimmen zum neuen Parteivorsitzenden in der Doppelspitze mit Renate Künast wählten. Sein etwas schlechteres Ergebnis im Vergleich mit Künast dürfte auf die Vorbehalte der entschiedenen Linken gegen den überzeugten Realpolitiker zurückzuführen sein.

Knapp umriss Kuhn das künftige Profil der Grünen: als Partei der ökologischen Modernisierung, der sozialen Innovationen, der gesellschaftlichen Modernisierung und als europäische Menschenrechtspartei. Der FDP sagte er den Kampf an. Sie stehe für Entpolitisierung und gleiche Luft in Dosen: "Wenn man sie aufmacht, ist nichts drin."

Der 44-jährige Sprachwissenschaftler Kuhn war bisher Chef der Grünen-Fraktion im baden-württembergischen Landtag. Für das Parteiamt hat er diesen Posten bereits im Frühjahr geräumt. Die Partei hatte es bei einem Parteitag im März abgelehnt, die Unvereinbarkeit von Abgeordnetenmandat und Parteiamt für die Parteispitze zu lockern.

Kuhn gilt vor allem den Realpolitikern in seiner Partei als Vordenker für eine Fortschreibung der Grünen-Identität. Wie kaum ein Anderer hat er sich die Wirtschafts-, Finanz- und Technologiepolitik auf die Fahnen geschrieben. Ökologie müsse auch als ökologisches Wirtschaften begriffen werden.

Aus Sicht vieler Parteilinker haftet ihm ein Makel an - er gilt als ein enger Vertrauter von Außenminister Joschka Fischer, dessen Einfluss in der Partei Linke gerne beschnitten sähen. Gemäßigte Linke aber erkennen an, dass Kuhn als eigenständiger Kopf kaum nur Vollzugsorgan Fischers sein wird.

Von den Jungsozialisten wechselte Kuhn 1979 wegen der Atompolitik zu den Grünen. Nach dem Studium der Germanistik und Philosophie war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Augsburg, Berater der Grünen-Landstagsfraktion in Baden-Württemberg und 1984 bis 1988 erstmals Abgeordneter im Landtag. 1989 erhielt Kuhn eine Professur für sprachliche Kommunikation an der Stuttgarter Merz-Akademie, von der er seit seiner Rückkehr in den Landtag 1992 beurlaubt ist.

Weggefährte Schlauchs

Damals führte er in Stuttgart kurze Sondierungsgespräche mit der CDU über eine schwarz-grüne Landesregierung. Auf dem Parteitag erteilte er Koalitionsüberlegungen mit der CDU vorerst eine Absage. "Schwarz-grüne Nachtigallengesänge höre ich wenig", wenn er sich die CDU inhaltlich ansehe, sagte Kuhn.

Als neuer Parteichef in Berlin trifft Kuhn mit einem Weggefährten und Freund zusammen: dem Fraktionschef Rezzo Schlauch, der zu Gunsten Kuhns 1992 auf den Vorsitz der Landtagsfraktion verzichtete. 1988 hatte Kuhn eine Kandidatur für den Bundesvorstand noch abgelehnt. In einem offenen Brief schrieb er damals an seine Parteifreunde, es sei nicht gerade eine verlockende Perspektive, in einer Partei Berufspolitiker zu werden, die explizit keine Berufspolitiker haben wolle.

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