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17.01.2003

08:16 Uhr

Umbau der bürokratischen Arbeitsverwaltung zum kundenfreundlichen Dienstleister gewinnt an Fahrt

Gersters leise Revolution

VonHelmut Hauschild (Handelsblatt)

Der Widerstand in den Arbeitsämtern gegen die Pläne von BA-Chef Florian Gerster nimmt ab. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat in Deutschlands meistkritisierter Behörde ein Stimmungswandel eingesetzt. Statt ziellos aus dem Füllhorn sozialpolitischer Wohltaten zu verteilen, wird jetzt auf die Kosten geachtet.

Florian Gerster Foto: dpa

Florian Gerster Foto: dpa

BERLIN. Die Revolution des Florian Gerster beginnt in einem Wald tief in der bayerischen Provinz. Dort, nahe dem Örtchen Lauf in einer Führungsakademie der Bundesanstalt für Arbeit (BA), werkelt seit Monaten fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ein auserwähltes Häuflein Gerster-Getreuer am Masterplan für den radikalen Umbau von Deutschlands meistkritisierter Bürokratie - den Arbeitsämtern. Gerster, von Bundeskanzler Gerhard Schröder vergangenen April persönlich zum "Revolutionsführer" erkoren, soll als Vorstandschef einer neuen BA schaffen, woran bisher jeder seiner Vorgänger gescheitert ist: die Metamorphose einer behäbigen Behörde zum kundenfreundlichen Dienstleister.

Unterstützt von Unternehmensberatern wie McKinsey arbeiten in Lauf 25 Projektgruppen daran, wie das beinah aussichtslos erscheinende Unterfangen gelingen kann. Die Palette ihrer Themen reicht von neuer Programatik ("Kundenschnittstelle Arbeitnehmer") bis zu so technischen Aufgaben wie dem Aufbau eines betriebswirtschaftlichen Controlling. Die Zeit drängt. Lieber heute als morgen möchte die Regierung Ergebnisse sehen. Eine neue Rekordarbeitslosigkeit will Schröder nämlich unbedingt vermeiden. Die Arbeitsämter müssten schneller neue Jobs vermitteln, fordert der Kanzler.

Die neue Führungsmannschaft der BA hat sich deshalb das Ziel gesetzt, die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit in diesem Jahr um eine Woche zu senken. So will sie unter anderem erreichen, dass die Arbeitsverwaltung mit ihren 90 000 Bediensteten trotz weiter steigender Arbeitslosenzahl erstmals seit 1987 ohne Bundeszuschuss auskommt. Doch dazu bedarf es erst einmal eines Denkens in Kostenstrukturen. "Bisher war das ein Fremdwort", bekennt Werner Marquis, Sprecher des Landesarbeitsamts Nordrhein-Westfalen. Jetzt aber, glaubt er, wird das anders. Neue Steuerungsinstrumente würden den Fokus auf die Ausgaben statt nur auf die Arbeitslosenzahl legen. Fortbildungen und Lohnkostenzuschüsse könnten dann zielgenauer vergeben werden. "Wir öffnen nicht mehr das sozialpolitische Füllhorn bis alle darin ersaufen, sondern wir fragen: Was bringt es?".

Gersters Credo von der "einnahmeorientierten Ausgabenpolitik" ist jedoch schwerer umzusetzen als anzukündigen. Frank-Jürgen Weise, Finanzvorstand der BA und zuständig für die Organisationsreform: "Es wird mindestens einige Jahre dauern, bis jede Führungskraft die Möglichkeiten des Controlling auch wirklich nutzt". Um die Arbeitsmarktpolitik besser zu steuern, will Weise die Arbeitsämter in vier verschiedene Typen untergliedern. Typ eins mit wenig Arbeitslosen und vielen offenen Stellen werde dann beispielsweise vor allem auf Weiterbildung setzen. Aufgabe von Typ vier mit wenig Jobs und vielen Arbeitslosen sei es dagegen, die "Marktfähigkeit" der Arbeitslosen zu erhalten.

Weise, bis vergangenes Jahr Vorstandschef der börsennotierten Microlog Logistics AG, staunt vor allem über die riesige Bürokratie der Arbeitsverwaltung. Die Flut der Verwaltungsvorschriften habe den Mitarbeitern die Verantwortung aus den Händen geschlagen, beobachtet er. Das soll sich ändern. Statt Runderlassen gibt es jetzt Zielvereinbarungen, die der Vorstand mit den Präsidenten der Landesarbeitsämter und diese wiederum mit den Arbeitsamtsdirektoren schließen. Darin stehen zum Beispiel eindeutige Kostenziele. Wer sie aus eigener Schuld verfehlt, muss mit Sanktionen bis zur Ablösung rechnen. Im Gegenzug sollen die Arbeitsämter freie Hand bekommen, wie sie die Vorgaben erreichen.

Die neue Freiheit kommt an bei den Beschäftigten. Landesarbeitsamts-Sprecher Marquis spricht lobend von mehr Gestaltungsfreiheit. Doch für wirklichen Bürokratieabbau braucht Gerster eine Bundesregierung, die Schneisen in das Paragrafendickicht schlägt. Wirtschaftsstaatssekretär Gerd Andres (SPD) verspricht, bis Jahresende werde eine neue Organisation der Bundesanstalt für Arbeit Gesetz, vor allem aber werde das dritte Sozialgesetzbuch entrümpelt. So gibt es zum Beispiel allein 15 verschiedene Bemessungsgrundlagen für die Berechnung des Arbeitslosengeldes, die die Arbeitsämter von der Jobvermittlung abhalten.

Gerster will verhindern, dass die BA wie bisher von der Politik mit immer neuen Programmen und Modellprojekten zugeschüttet wird. Das hat ihm bei den Beschäftigten, bei denen er zunächst wegen seiner radikalen Forderung nach Stellenabbau unten durch war, inzwischen Respekt eingebracht. "Der Gerster lässt sich nicht kleinkriegen", beobachtet anerkennend ein Arbeitsvermittler, der die Verunsicherung durch immer neue Vorgaben der Politik beklagt. Die Arbeitgeberseite im Aufsichtsgremium der BA ist mit dem Umbau bisher ebenfalls zufrieden. Christoph Kannengiesser, Vorsitzender des Verwaltungsrats der BA, spricht von einer "ersten positiven Zwischenbilanz". Kannengiesser: "Soweit eine so große Behörde zu Hochdruck fähig ist, wird mit Hochdruck gearbeitet".

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