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09.01.2001

17:36 Uhr

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UMTS-Vergabe in Schweden mit Schönheitsfehlern

Schwedens Vergabe von UMTS-Mobilfunklizenzen zeigt zumindest aus Sicht der leer ausgegangenen Unternehmen immer deutlichere Anzeichen von Schönheitsfehlern. Mittlerweile klagen drei Unternehmen gegen den Ausgang des so genannten Schönheitswettbewerbs, bei dem die Nationale Post - und Telekommunikationsbehörde PTS die Lizenzen im vergangenen Dezember ohne Auktion vergeben hatte.

vwd STOCKHOLM. Die Liste der Kläger liest sich wie ein Who is Who der europäischen Telekommunikationsbranche: Die schwedische Telia AB, Stockholm, klagt ebenso wie Telenordia, die Tochter von British Telecommunications plc, London, und Telenor AS, Oslo. Das Konsortium Reach Out Mobile - Sonera Oy, Helsinki, Telefonica SA, Madrid, und Industrie Kapital AB - gehört seit kurzem ebenfalls zu den Anfechtern der PTS-Entscheidung.

Die Behörde hatte am 16. Dezember die vier Lizenzen an Europolitan und Tele2 sowie an Konsortien unter der Führung von Orange Sverige und Hi3G Access vergeben. Europolitan gehört zur Vodafone Group plc, Newbury. Tele2 ist der Mobilfunkarm der schwedischen NetCom AB, der beim Kampf um die schwedischen Lizenzen von der Societe Europeenne de Communication unterstützt worden war. Zum Konsortium der France-Telecom-Tochter Orange Sverige gehören Bredband Mobile, das schwedische Internetunternehmen Framtidsfabriken, das Bauunternehmen Skanska, NTL sowie die Mediengruppe Schibsted.

Vornehme Zurückhaltung unter den Verlierern legten hingegen die Deutsche Telekom AG, Bonn, und ihre Partner im Joint Venture Mobility4Sweden - der Technologiekonzern ABB und der Breitbandanbieter Utfors - an den Tag. Die Deutschen ließen die Einspruchsfrist ungenutzt verstreichen. Man könne zwar die Gründe der Entscheidung der PTS nicht nachvollziehen, ließ ein Sprecher wissen. Nach eingehender Prüfung sehe man jedoch von juristischen Schritten ab. Schweden sei ein sehr interessanter und bedeutender Markt, den man auch weiter beobachte, hieß es versöhnlich aus Bonn.

Ganz andere Töne legte hingegen die bei der Lizenzvergabe leer ausgegangene Telia an den Tag: Sie war als erstes gewichtiges Telekommunikationsunternehmen in Europa bei der Vergabe von UMTS-Lizenzen im eigenen Land leer ausgegangen, weil die PTS ihr technisches Können in Frage gestellt hatte. CEO und President Marianne Nivert scheint über diese Schlappe so verärgert zu sein, dass sie trotz des am Montag bekannt gewordenen Joint Ventures mit NetCom AB nicht von der eingereichten Klage abrücken will. Dabei hat sie sich über die NetCom-Tochter Tele2 bereits jetzt den Zugang zum UMTS-Markt gesichert.

Wie Lars Johan Jarnheimer, CEO und President von NetCom, wissen ließ, soll auch eine mögliche Revision der PTS-Entscheidung und die nachträgliche Zuerkennung einer UMTS-Lizenz an Telia die Kreise der neuen Partner nicht stören. Wenn künftig beide Partner über eine entsprechende Lizenz verfügen sollten, könnte eine der beiden Lizenzen in einer "anderen Konstruktion" genutzt werden, sagte Jarnheimer. Das Joint Venture Telia NetCom, an dem beide Unternehmen zu gleichen Teilen beteiligt sind, wird bestehende Infrastruktureinrichtungen von beiden "Elternteilen" mieten, aber auch neue eigene errichten.

Telia und NetCom werden dann als so genannte mobile virtuelle Netzwerkbetreiber fungieren und Kapazitäten aus dem gemeinsamen Netzwerk für konkurrierende Dienste nutzen. Die neuen Partner rechnen damit, dass die Kosten für den Netzwerkausbau unter den tatsächlichen Prognosen der beiden Einzelunternehmen liegen werden. NetCom hatte mit Investitionen von rund 17,8  Mrd. SEK gerechnet, Telia sieben  Mrd. bis elf  Mrd. SEK veranschlagt.

Unterdessen sorgt eine neue Analyse von Forrester Research BV, Amsterdam, über das Schicksal der UMTS-Technologie für Aufsehen in der Branche. Die Marktforscher gehen davon aus, dass die hohen Investitionskosten und die abbröckelnden Umsätze je Mobilfunknutzer zu einer starken Konsolidierung der Branche führen könnten. Dass in etwa zehn Jahren schon die nächste Mobilfunktechnologie auf den Markt kommen könnte, mache die Sache nicht leichter. Vor allem neue Anbieter in den nationalen Märkten werden es laut Analyse schwer haben, weil ihnen jeder Kundenstamm fehle.

Für Schweden haben die Forrester-Analysten in einer Modellrechnung für das Jahr 2005 einen durchschnittlichen Umsatz je Nutzer von 568 Euro errechnet. 2000 generierte jeder Schwede mit mobilem Telefonanschluss noch 662 Euro Umsatz pro Jahr. Bis 2002 dürften die durchschnittlichen Umsätze in dem skandinavischen Staat auf 734 Euro zulegen, bevor sie in den Jahren 2003 und 2004 auf 699 Euro beziehungsweise 648 Euro zurückgehen werden.

Noch härter vom Verfall der Umsätze betroffen sind laut Forrester Dänemark mit einem Minus von 28 % (490 Euro im Jahr 2000, 354 Euro in 2005), Finnland mit minus 29 % (476 Euro; 339 Euro) und Norwegen mit minus 31 % (524 Euro; 360 Euro). Am härtesten soll es europaweit jedoch Luxemburg treffen, wo die durchschnittlichen Umsätze je Nutzer auf 196 Euro von 379 Euro sinken sollen, was einem Minus von 48 % entspräche.

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