Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.01.2003

07:20 Uhr

Umweltschützer finden lobende Worte

Stahlkocher entdecken die Nachhaltigkeit

VonSusanne Bergius

Die deutsche Stahlindustrie will durch nachhaltiges Wirtschaften, das Wachstum mit ökologischer und sozialer Verantwortung verbindet, ihr Überleben sichern. Die Stahlkocher stehen nicht nur unter politischem Druck. Auch an der Börse zahlt sich Nachhaltigkeit zunehmend aus.

BRÜSSEL. Die deutsche Stahlbranche hat das nachhaltige Wirtschaften entdeckt. "Nachhaltiges Wirtschaften hat für uns einen sehr hohen Stellenwert", sagt Dieter Ameling, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, im Gespräch mit dem Handelsblatt. "Wir wollen den Politikern und Meinungsträgern beweisen, dass man mit Stahl einen nachhaltigen Werkstoff wählt und unsere Produktion in Deutschland deshalb eine Daseinsberechtigung hat." Es sei falsch, einen Strukturwandel einzuleiten, der die energieintensive Altindustrie wegfege, kritisierte Ameling entsprechende Vorschläge des Sachverständigenrates des Bundesumweltministeriums. Er warnte vor Folgen und Risiken für die Automobil- und Maschinenbauindustrie und die Volkswirtschaft. Die Stahlindustrie trage dazu bei, deren Leistungsfähigkeit und Arbeitsplätze zu sichern.

Überdies habe die Branche die Staubemissionen seit 1960 um 90 % und den Kohlendioxid-Ausstoß um die Hälfte gesenkt. "Die Stahlindustrie im Umweltschutz Hervorragendes geleistet", urteilt der Klimaforscher und Umweltpolitiker Ernst Ulrich von Weizsäcker. Nun müsse die Branche einen Schritt weiter gehen und sich am Prinzip der Nachhaltigkeit orientieren.

Die Wirtschaftsvereinigung reagierte bereits. Ende 2001 veröffentlichte sie ein "Leitbild Nachhaltigkeit Stahl". Das Arbeitsprogramm formulierte ökonomische, ökologische und soziale Ziele erst vage. Vergangenen Oktober legte der Verband dann 21 Indikatoren vor, an denen sich die Branche messen lassen will. "Jetzt arbeiten wir an den Zielen", sagt Ameling. Sie sollen bis März formuliert sein. Der Verband will im Sommer zudem Empfehlungen geben, welche neuen Managementformen für nachhaltiges Wirtschaften erforderlich sind.

Als Vorbild gilt der für seine Nachhaltigkeitspolitik mehrfach ausgezeichnete kanadische Hersteller Dofasco. Er ist der einzige Stahlproduzent im viel beachteten Nachhaltigkeitsindex Dow Jones Sustainability Group Index (DJSGI). Dieses Jahr wurde der Konzern wegen seiner Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltprogramme zum dritten Mal in Folge zum vorbildlichsten Unternehmen im Grundstoffsektor ernannt. "Das Beispiel wird Schule machen", sagt Ameling.

Er sähe es gerne, wenn die deutschen Hersteller dieses Jahr Nachhaltigkeitsberichte veröffentlichten. "Aber das ist Illusion. Vielleicht schaffen wir es in zwei bis drei Jahren." Die Aufnahme von VW in den Nachhaltigkeitsindex Aspi Eurozone, BMW in das Kursbarometer FTSE-4-Good sowie der beiden und Daimler-Chrysler in den DJSGI übe Druck auf die Stahlkocher aus, Transparenz und Vergleichbarkeit zu ermöglichen. So ist Thyssen-Krupp seit August Mitglied von "Econsense", des Forums der deutschen Wirtschaft für Nachhaltigkeit. Der Salzgitter-Konzern will es werden.

Die Branche hat sich verpflichtet, den CO2-Ausstoß bis 2012 pro Produkteinheit um 22 % im Vergleich zu 1990 zu senken. Sie geht weit über das im Klimavertrag von Kyoto vereinbarte Maß hinaus, lässt sich aber nicht auf absolute Ziele ein. Bei Hochkonjunktur könnten daher die Emissionen eventuell absolut steigen, obwohl Kyoto die absolute Senkung der Treibhausgase vorschreibt. "Sollte der Stahlbedarf stärker steigen, als wir erwarten, kann man uns nicht dafür bestrafen," meint Ameling.

Der Verbandschef nennt Stahl ein nachhaltiges Produkt, denn es sei langlebig und der Primärrohstoffverbrauch gering. Zwar schafft die Branche es noch nicht ganz, "von den Zinsen der Ressource Erde zu leben, ohne das Kapital selbst anzugreifen", wie ihre Definition nachhaltigen Wirtschaftens lautet. Aber sie produziere vergleichsweise ressourcenschonend, lobt von Weizsäcker. Fast die Hälfe des Rohstoffbedarfs wird durch Recycling von Stahlschrott gewonnen, der zu hundert Prozent wiederverwertbar ist.

Auch die Zulieferer, Bergbaubetriebe in Brasilien, Australien, Kanada und Schweden hätten inzwischen ein "nachhaltiges Bewusstsein", sagt Ameling. "Wir wollen ja die Akzeptanz unserer Produkte", fügt er hinzu. Unter ökologischen Aspekten schneide der Eisenerzabbau im Vergleich zu anderen Bergbauprodukten mit Abstand gut ab, bestätigt Andreas Bernstorff von Greenpeace.

Jedoch gehört auch der weltgrößte Bergbaukonzern Rio Tinto zu den Zulieferern deutscher Stahlkocher. Rio Tinto gerät immer wieder in die Schlagzeilen. So handelte sich der Konzern 1998 eine Missbilligung des britischen Parlaments ein: Verstöße gegen Menschen- und Arbeitsrechte, Verursachung von Umweltschäden und Missachtung einheimischer Bevölkerung lauteten die Vorwürfe.

Zur Nachhaltigkeit gehören auch soziale Aspekte. Hier besteht ein Zielkonflikt in der Stahlbranche, räumt Verbandschef Ameling ein. Die Folgen ausgefeilter Produktionstechniken seien zweischneidig. Sie senkten die Unfallhäufigkeit, aber Produktivitätssteigerungen bedeuteten auch Arbeitsplatzverluste. Zudem könnten die Konjunkturabhängigkeit und die geringe Rentabilität der Branche Investitionen in nachhaltiges Wirtschaften behindern.

Quelle: Handelsblatt

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×