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17.03.2003

07:45 Uhr

Unblutiger Ausgang des Irakkonflikts würde die Börsen beflügeln

Kriegsgefahr dominiert Wall Street

VonTobias Moerschen (Handelsblatt)

Der drohende Irakkonflikt bestimmt das Auf und Ab an den Börsen. Ein Alleingang von US-Präsident George W. Bush und ein lang andauernder Krieg droht die Kurse tiefer zu drücken. Dagegen würde Iraks Diktator Saddam Hussein den Börsianern einen großen Gefallen tun, wenn er freiwillig ins Exil ginge.

NEW YORK. Der amerikanische Präsident Franklin Roosevelt wurde im Jahr 1943 gefragt, wie lange amerikanische Soldaten nach einem Sieg über die Nazis Deutschland besetzen würden. Seine Antwort: "Mindestens ein Jahr. Vielleicht zwei." Roosevelt irrte sich gewaltig: Amerikanische Truppen sind bis heute als Verbündete in Deutschland stationiert. Steven Roach, Chefökonom der US-Investmentbank Morgan Stanley, warnt vor einer ähnlichen Fehleinschätzungen bei dem drohenden Irakkrieg. "Die Besetzung Deutschlands gilt zwar als Erfolgsmodell", sagt Roach, "aber die Geschichte zeigt, wie sehr die Vereinigten Staaten die Kosten damals unterschätzten".

Spekulationen um Dauer, Verlauf und Folgen eines Irakkrieges bestimmen momentan das tägliche Auf und Ab der US-Börsen. Die Banker an der Wall Street verfolgen gebannt jede neue Wendung im diplomatischen Schlagabtausch vor den Vereinten Nationen und im Sicherheitsrat und leiten daraus Kauf- oder Verkaufsempfehlungen ab. Allerdings weichen die Prognosen der verschiedenen Strategen stark voneinander ab.

Klar scheint immerhin: "Eine Klärung des Irakkonflikts dürfte eine ?Erleichterungsrally? auslösen, die mitzumachen sich lohnt", sagt Matthew Merritt, Chefstratege der Citigroup-Tochter Salomon Smith Barney. Optimisten verweisen immer wieder auf die Kursentwicklung nach dem ersten Irakkrieg Anfang der 90er Jahre. Damals kletterten die Kurse kräftig, sobald sich die eindeutige militärische Überlegenheit der Amerikaner und ihrer Bündnispartner gegenüber dem Irak erwiesen hatte.

Doch selbst die Optimisten räumen ein, dass das Kurspotenzial diesmal wohl kleiner einzuschätzen ist. "Wir sollten nicht gierig werden", sagt Salomon-Stratege Merritt. Die Gründe, die Vorsicht gebieten, sind vielfältig. Sorgen bereitet den Börsianern das umfassende, unklar definierte Ziel der Amerikaner. Bei dem ersten Irak-Krieg Anfang der 80er Jahre wollten sie die Irakis nur aus einem kleinen, besetzten Land (Kuwait) vertreiben. Jetzt strebt US-Präsident George Bush den Sturz des Despoten Saddam Hussein an, die Entwaffnung seiner Streitkräfte und möglichst auch noch eine Lösung des Konflikt zwischen Israel und Palästina.

Für Skepsis sorgt auch die geringe internationale Unterstützung für den Kurs der USA. Bislang ist noch unklar, ob Bush mit oder ohne Mandat des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen losschlagen wird. "Ein Alleingang der Amerikaner könnte zu einer ernsten Spaltung zwischen Amerika und Europa führen", sagt David Bowers, Chefstratege des US-Wertpapierhauses Merrill Lynch. Bowers warnt eindringlich vor den Risiken einer unilateralen Irakpolitik der USA für die Finanzmärkte. Er stellt die Abhängigkeit der Vereinigten Staaten von Kapitalimporten heraus. Weil die Amerikaner mehr importieren als exportieren und außerdem die Staatsausgaben die Staatseinnahmen bei weitem übersteigen, sind sie auf milliardenschwere Investments aus dem Ausland angewiesen.

Sollten sich die Beziehungen der USA zu dem Rest der Welt verschlechtern, könnten ausländische Investoren diesen Geldhahn zudrehen. Das würde heftige Ausschläge an den Währungs-, Aktien- und Anleihemärkten auslösen. "Ein Rutsch des Dollars, steigende Zinsen und erneuter Druck auf die Aktienbörsen wären möglicherweise der Preis für einen Alleingang im Irakkonflikt", sagt Bowers.

Derzeit scheint weder ein solches Horrorszenario, noch ein aus Investorensicht positive Konfliktlösung ausgeschlossen. Letzterem entspräche ein unblutiger Regimewechsel im Irak, den die USA zudem im Einklang mit den Vereinten Nationen erreichen würden. Geradezu optimal entspricht diesen Kriterien eine Flucht Saddam Husseins ins Exil. "Diese Möglichkeit ist für mich noch nicht abgehakt", sagt Byron Wien, US-Stratege von Morgan Stanley. Er erwartet eine Börsenrally, wenn der Irakkonflikt auch nur einigermaßen glimpflich gelöst wird.

Mitglieder der amerikanischen Regierung, darunter der Hardliner Donald Rumsfeld an der Spitze des Verteidigungsministerium, haben dem irakischen Diktator bis zuletzt die Option einer Exillösung offen gehalten und sogar öffentlich nahe gelegt. Fragt sich nur, ob Saddam Hussein dem amerikanischen Präsidenten - und zahllosen Börsianern - diesen Gefallen wirklich tun wird.

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