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15.01.2003

09:30 Uhr

Ungarn

Terrorangst im Trainingslager

VonReinhold Vetter, Handelsblatt

Ein Dorf in Ungarn wird zum Übungsgelände für die Zeit nach Saddam. Die US-Armee trainiert dort 5 000 Exiliraker. Die Einwohner aber fürchten sich vor Anschlägen.

Auf dem Schreibtisch von Bürgermeister Tibor Mercz stehen zwei Wimpel. Der eine trägt das Wappen seiner Heimatgemeinde Taszar, der andere die amerikanische Flagge "Stars and Stripes". "Das ist schon eine schwere Last", sagt er bedächtig, "wenn die Amerikaner jetzt hier bei uns Iraker trainieren." Bei all dem Rummel und den strengen Sicherheitsvorkehrungen werde das Leben in dem 1 000-Seelen-Nest nicht mehr seinen gewohnten Gang gehen. Mercz schaut so traurig auf die beiden Wimpel, als müsse er gleich in den Krieg ziehen.

Dabei geht es nur um ein Trainingszentrum. Noch in diesem Monat wird die amerikanische Armee damit beginnen, Exiliraker auf ihren Stützpunkt am Rande des südungarischen Dorfs Taszar zu holen. Sie sollen nach dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein zivile Verwaltungsstrukturen im Irak aufbauen und den Kontakt zu den Einheiten der US-Army halten. Auf Bitte des amerikanischen Verteidigungsministers hatte die ungarische Regierung am 20. Dezember zugestimmt, dass bis zu 5 000 Iraker in Taszar ausgebildet werden können - und die Bevölkerung in Schrecken versetzt: Das Dorf fürchtet Terroranschläge.

Immerhin hat die US-Armee zusätzliche Sicherheitsoffiziere eingestellt. Mit Hochdruck bereiten sich die Amerikaner auf ihre Aufgabe vor. Es sind vor allem Militärfahrzeuge, die an diesem Tag am Büro von Bürgermeister Mercz vorbeifahren.

Durch das Kulturhaus von Taszar, dessen Plastikambiente stark an sozialistische Zeiten erinnert, schallen amerikanische Töne. Das Gebäude ist jetzt Sitz von Brown & Roots Services. Das Unternehmen versorgt weltweit US-Stützpunkte und hat im Raum Taszar schon 500 ungarische Hilfskräfte angeheuert. Die Toiletten im Kulturhaus sind jetzt englisch ausgeschildert, schon am Eingang warnt ein gelbes Schild mit der Aufschrift "Attention - Wet Floor" vor Rutschgefahr. Das Essen im hauseigenen Restaurant sei miserabel, lästert einer der ungarischen Übersetzer.

Vor Überfremdung haben die Leute in Taszar und den umliegenden Gemeinden keine Angst, wohl aber "vor terroristischen Überfallen, sollte es zu einem Krieg gegen den Irak kommen", sagt der Bürgermeister. Das ungarische Wochenmagazin "HVG" lässt Saddam Hussein auf dem Titelblatt mit dem Finger auf eine ungarische Landkarte deuten. Verteidigungsminister Ferenc Juhasz beschwichtigt zwar, "der internationale Terrorismus richtet sich doch heute gegen verwundbare zivile Ziele und nicht gegen militärisch gesicherte Einrichtungen". An den Stammtischen aber wird gefrotzelt: "Vor 400 Jahren haben die Türken Ungarn besetzt, jetzt kommen die Araber."

Die Amerikaner nehmen die Gefahr ernst. Der Stützpunkt und der angegliederte Flughafen werden scharf bewacht. Fahrzeuge müssen Betonsperren umkurven, um das Gelände zu erreichen. Empört weist der Dienst habende ungarische Wachoffizier die Bitte um ein Interview als Zumutung zurück. Auch den Dorfpolizisten Zsolt Kovacs hat man zum Schweigen vergattert. "Ich unterliege jetzt militärischer Geheimhaltung", sagt er freundlich aber bestimmt. Ungarische und amerikanische Soldaten und Militärpolizisten bilden zwei Sicherheitsringe um die Basis. Die Regierung hat einen Sicherheitsplan ausgearbeitet, der Militär, Polizei, Sicherheitsdienste, Grenzschutz, Feuerwehr, Unfallhilfe und Zoll einbezieht.

Seit gut sieben Jahren nutzt die US-Armee den noch aus sozialistischen Zeiten stammenden Stützpunkt - zunächst vor allem, um insgesamt 37 000 amerikanische Soldaten und 260 Güterzüge mit militärischem Gerät auf den Weg nach Bosnien zu bringen. Noch heute fahren die riesigen Laster der Bosnien- Schutztruppe SFOR durch den Ort. In einem Schaukasten im Kulturhaus hängen vergilbte Photos von damals. "Ich kann mich noch erinnern, wie die ersten US-Soldaten aus Heidelberg kamen", berichtet der Presseverantwortliche der Bezirksverwaltung in Kaposvar, Antal Koncsek. Und nicht ohne Hinweis auf seine Offiziersausbildung verkündet er düster: "Wenn ich die Vorbereitungen der Amerikaner und der Briten sehe, spüre ich als Soldat, dass es Krieg geben wird."

Koncsek glaubt, dass sich das amerikanische Militär vor allem wegen der guten Erfahrungen seit 1995, der Abgelegenheit des Stützpunkts und der Kooperationsbereitschaft der ungarischen Regierung, entschieden habe, die Iraker in Taszar zu trainieren. Verteidigungsminister Juhasz berichtet, dass auch die US-Basis bei Stuttgart zur Diskussion gestanden habe. Ungarn sei in den letzten Jahren kein wirklich guter Partner für andere Nato-Staaten gewesen. "Ich sehe Taszar jetzt als Test für die Bereitschaft Ungarns, am Kampf gegen den Terrorismus teilzunehmen."

In Kaposvar, der nahe gelegenen Bezirkshauptstadt, laufen die Fäden beim Ratsvorsitzenden Istvan Gyenesei zusammen, der auch für die öffentliche Sicherheit in der Region verantwortlich ist. Ungarn habe darauf bestanden, dass die Iraker per Flugzeug an- und abtransportiert werden und die Basis grundsätzlich nicht verlassen dürfen, berichtet er. Und was sollen sie in ihrer Freizeit machen. Gyenesei schmunzelt und sagt: "Der Alkohol interessiert sie nicht, dafür aber die Frauen. Das werden die Amerikaner organisieren." Bürgermeister Mercz hofft, dass sie auf die Frauen aus Taszar verzichten werden.

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