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11.03.2003

14:00 Uhr

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Bayer im Kreuzverhör

VonKatharina Kort , Annette Kiefer, Handelsblatt

Im texanischen Corpus Christi läuft der erste Lipobay-Prozess. Für Bayer geht es um mehr als nur hohen Schadensersatz: Bei einer Niederlage drohen zusätzlich Milliardenstrafen.

Für den Abschluss des Prozesstages hat sich Mikal Watts noch eine kleine Gemeinheit aufbewahrt: Der Staranwalt zitiert ein internes Dokument des Chemiekonzerns Bayer: "In diesem Sommer haben wir eine sehr aufregende Gelegenheit. Wir haben die Chance, Baycol zu einem Milliarden-Medikament zu machen." Dann wendet er sich an Lawrence Posner, bei der Bayer Bayer-Tochter-US Corp. für Regulierungsfragen verantwortlich und früher Vizepräsident für Produktentwicklung: "Habe ich das korrekt vorgelesen?" Posner bestätigt. "Und sind wir uns einig, dass der damalige Leiter des US-Pharmageschäfts diese Sätze sagte, nachdem all die Dokumente, über die wir heute gesprochen haben, Bayer vorgelegen hatten?" Wieder bestätigt Posner, und Watts wendet sich zum Richter: "Jetzt können wir ins Wochenende gehen, Euer Ehren."

Bayer im Kreuzverhör in Corpus Christi. In der nur 260 000 Einwohner zählenden Hafenstadt im Südosten von Texas steht die Bayer AG zum ersten Mal wegen ihres Cholesterinsenkers Lipobay vor Gericht. Der Konzern hatte das Medikament, das in den USA als "Baycol" verkauft wurde, 2001 vom Markt genommen. Patienten waren nach der Einnahme an der Muskelkrankheit Rhabdomyolyse erkrankt. Weltweit wird das Mittel mit etwa 100 Todesfällen in Verbindung gebracht. Probleme gab es vor allem, wenn neben Baycol auch das Medikament Gemfibrozil eingenommen wurde. Bayer hatte auf dem Beipackzettel vor dieser Kombination gewarnt.

Anwalt Watts hat Hunderte Seiten Dokumente gesammelt: konzerninterne E-Mails, Briefe von Ärzten und Patienten, Strategiepapiere für Bayers Baycol-Verkäufer. Die Papiere (Auszüge im Kasten unten) sollen belegen, dass Bayer früh von den Komplikationen wusste, die staatliche Genehmigungsbehörde FDA aber nur ungenügend informierte. Bayer bestreitet das.

Auch Watts? Mandant, der 82-jährige Texaner Hollis Haltom, litt nach Baycol-Einnahme an Muskelstörungen. Setzt er sich durch, wird es kritisch für den Konzern. Es geht schließlich nicht nur um Schadensersatz für Haltom. Watts hat "punitive damages" beantragt, also eine zusätzliche Geldstrafe. Er schlägt 100 Millionen Dollar vor. Und was sich hier im Gerichtssaal der von Ölraffinerien umringten touristischen Ferienhochburg abspielt, könnte sich noch Tausende Male vor US-Gerichten wiederholen. Der Fall hat Beispielcharakter, und aus allen Teilen der USA sind Anwälte und Angehörige der Opfer angereist.

Es sind Leute wie Steven Sparks, eigens aus Oklahoma City gekommen. Sein Vater starb 2001, nachdem er Baycol eingenommen hatte. Wenige Monate später reichte Sparks die weltweit erste Baycol-Klage gegen Bayer ein. Er sitzt neben den Angehörigen von Hollis Haltom, um den es heute geht. "Ich arbeite 60 Stunden die Woche daran, medizinische Dokumente zu finden, die zeigen, wie Bayer sich mit Baycol verhalten hat", erzählt er.

Insgesamt liegen gegen den Konzern in den USA 7 800 Klagen wegen Baycol vor. Mit etwa 450 Klägern hat sich Bayer außergerichtlich geeinigt und etwa 125 Millionen Dollar Schadensersatz gezahlt - im Durchschnitt 280 000 Dollar pro Kläger. Eine Schuld jedoch hat Bayer nicht eingestanden. Der Konzern hält es für nicht erwiesen, dass Baycol die Ursache für die Todesfälle und Muskelerkrankungen ist.

Die Börse hat sich allerdings offenbar bereits ein Urteil über die Aussichten des Konzerns gemacht. Seit am vergangenen Wochenende Details über die Vorwürfe bekannt wurden, sackte der Kurs um knapp 20 Prozent ab. Am Freitag warb Bayer in Deutschland bereits in ganzseitigen Zeitungsanzeigen ("Fakten statt Stimmungsmache") um das Vertrauen der Aktionäre.

Manager Posner, die dunklen Haare akkurat zum Seitenscheitel gekämmt, lässt sich im Gerichtssaal nicht aus der Ruhe bringen. Lediglich sein häufiges Räuspern und Husten deuten auf Anspannung hin. Posner ist der erste Bayer-Zeuge, und Watts nimmt ihn einen vollen Tag lang ins Verhör, stellt eine spitze Frage nach der anderen, provoziert: Etwa, indem er erst feststellt, dass nichts Schlimmes daran sei, viele Medikamente verkaufen zu wollen, dann aber polemisch fragt: "Aber es ist falsch, wenn man auf der Gesundheit und Sicherheit der Kunden herumtrampelt, um das zu erreichen. Ist das richtig?" "Das ist absolut korrekt, und das haben wir nicht getan", antwortet Posner und schaut Watts ins Gesicht.

Es ist ein bisschen das Stück Kleinstadt-David gegen globalen Goliath, das hier in der texanischen Provinz gespielt wird. Aber zumindest was die Anwälte angeht, herrscht Waffengleichheit. Mikal Watts, dessen Kanzlei in Corpus Christi ansässig ist, wurde vom Fachblatt "National Law Journal" im vergangenen Jahr zu einem der besten US-Anwälte für Zivilklagen gekürt. Bayer verpflichtete Philip Beck aus Chicago - einen ehemaligen Wahlkampfberater des US-Präsidenten George W. Bush und führenden Gerichtsbeistand der Regierung im Verfahren gegen den Softwaregiganten Microsoft.

Zwei Tage haben die Anwälte zu Beginn des Prozesses vor anderthalb Wochen gebraucht, um sich auf die Geschworenen zu einigen. Ausgewählt haben sie hauptsächlich Männer im mittleren Alter, viele von ihnen Hispanics, deren Familien aus Lateinamerika in die USA gekommen sind. Am Tag vor der Jury-Auswahl hatte Bayer noch Briefe an Tausende Haushalte in Corpus Christi geschickt. Man solle doch bitte nicht vorschnell über die Firma urteilen und den Prozess unvoreingenommen verfolgen, hieß es darin. Unerlaubte Einflussnahme, finden die Klägeranwälte.

Watts, erschienen in grün-grauem Anzug und bunter Krawatte, lässt vor den Geschworenen auffällig häufig einfließen, dass Bayer ein ausländischer Konzern ist. So erklärt er ihnen, die Bayer AG habe von ihrer US-Tochter in absehbarer Zeit eine Rückzahlung der Finanzspritzen erwartet. Er selbst dagegen kokettiert mit seiner Herkunft: "Lassen Sie mich das korrigieren. Ich habe gerade einen Fehler gemacht, wie ihn ein einfacher Junge aus dem Süden von Texas machen könnte. Es waren nicht 400 Milligramm, sondern 400 Mikrogramm, was 0,4 Milligramm entspricht. Ist das korrekt?" fragt der etwa 1,90 Meter große Texaner mit dem kantigen Gesicht. Ein Fehler, den die Jury sicher nachvollziehen kann.

Milligramm und Mikrogramm sind entscheidend in diesem Prozess. Denn die Anklage will beweisen, dass Bayer die Dosis gefährlich erhöht hat, um die Marktchancen des Produkts zu steigern - und das, obwohl der Konzern die Risiken einer hohen Dosierung gekannt habe. Voraussetzung für "punitive damages" ist, dass der Angeklagte vorsätzlich oder anders "unerhört" gehandelt habe, erklärt John Coffee, Juraprofessor an der Universität Columbia.

Die E-Mails und Dokumente von Managern, Patienten und Ärzten, die Watts vorlegt, sollen das belegen. Aber Bayer-Anwalt Beck gibt sich am Freitagabend weiter zuversichtlich: "Nichts, was die Gegenseite heute vorgelegt hat, rechtfertigt ,punitive damages?", sagt er. "Wir werden nächste Woche der Jury zeigen, dass die Anklage die Dokumente aus dem Zusammenhang gerissen hat. Und wir werden zeigen, dass wir die FDA und die Ärzte ausreichend informiert haben."

Die Investoren sind offenbar nicht sicher, dass das gelingen wird. Sie fürchten vor allem zusätzliche Geldstrafen und dass es zu Sammelklagen kommt - also Prozessen, in denen ein Kläger stellvertretend für eine ganze Gruppe steht. Ein Gericht in Minneapolis wird bereits in Kürze entscheiden, ob es eine Sammelklage zulässt.

Inzwischen ist der Kurs der Bayer-Aktie, die einmal 55 Euro kostete, auf zwölf Euro gefallen, der stolze Konzern ein Fall für Schnäppchenjäger geworden. Sven Borho, Fondsmanager bei Orbimed Advisors: "Bayer ist definitiv auf meinem Radar. Das könnte eine Kaufgelegenheit sein."

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