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03.01.2003

09:30 Uhr

Unternehmen

"Behalten Sie Ihren Saft!"

VonChristoph Schlautmann , Stefanie Scharbau, Handelsblatt

Die Händler verteilen Wertmarken und nehmen nur Dosen und Einwegflaschen zurück, die sie selbst verkauft haben. Den Kunden ist das System zu umständlich. Der Dosenpfandalltag beginnt mit Verwirrung und Ärger - ein Blick in den deutschen Einzelhandel.

Ein Euro zweiundzwanzig für den Sechserpack "Tip-Apfelschorle". So steht es am Regal, so legt es die Frau Mitte 50 aufs Laufband. Aber so reicht es nicht. Die Kassiererin in der Düsseldorfer Filiale der Supermarktkette Real verlangt weitere 1,50 Euro. Pfand, sechs mal 25 Cent, so wie es das Gesetz seit dem 1. Januar verlangt. Die Kundin jedoch blickt wütend durch ihre große Hornbrille. Sie zahlt nicht: "Sie sind wohl verrückt geworden. Für sechs kleine Fläschchen soll ich 5,40 Mark bezahlen? Behalten Sie ihren Saft!"

Verwirrung und Ärger an der Ladentheke, nicht nur in Düsseldorf, nicht nur im Real, sondern in der gesamten Republik. Die ersten beiden Tage Dosenpfand haben vor allem eins gezeigt: Kaum jemand ist vernünftig vorbereitet auf die neue Regelung. Der erste Händler nimmt nur Dosen zurück, die er selbst verkauft hat; der zweite bietet nur noch Einwegflaschen an, der dritte verzichtet einfach aufs Pfand - ein Blick in den Dosenpfandalltag.

Düsseldorf, Galeria Kaufhof: Der Mittvierziger im weißen Kittel hat die Servicementalität seines Arbeitgebers noch nicht verinnerlicht. "Mit den Getränken will ich nichts zu tun haben", mault er eine ratlose Kundin an, die sich höflich nach dem neuen Getränkepfand erkundigt. Dabei verspricht die Infotafel am Pfandautomaten für die Mehrwegflaschen doch: "Wenn Sie noch Fragen haben, stehen Ihnen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne zur Verfügung." Doch im Warenhaus an Düsseldorfs Prachtstraße Kö interessiert dies nur wenige Verkäufer. Papier ist eben geduldig.

Auch ein Blick in die Getränkeregale verwirrt nur: Für eine Halbliter- PET-Flasche "Vittel"-Mineralwasser zahlt der Kunde 25 Cent Pfand, für 1,5 Liter "Bonaqa" sind 50 Cent und für einen Liter "Apollinaris" in der Glasflasche 15 Cent fällig. Auf Bier entfallen Beträge von acht Cent für Mehrwegflaschen, über 25 Cent für Einwegdosen und bis zu 60 Cent für die Literflaschen kleiner Privatbrauereien.

"Die Regelung ist schrecklich kompliziert", klagt eine Verkäuferin hinter der Kaufhof-Kasse. Für die meisten Kunden sei nicht ersichtlich, welches System hinter der Bepfandung stecke. Links neben ihr steht eine große Mülltonne für zurückgegebene Dosen und Flaschen. Am Donnerstagvormittag ist der Behälter noch leer. Kaufhof nimmt nur die in den eigenen Filialen gekauften Verpackungen zurück - gegen Vorlage des Kassenzettels. Supermärkte der Rewe-Gruppe wie HL, Otto Mess oder Stüssgen sind noch strenger: Jede Filiale zahlt Pfand nur auf Dosen und Flaschen, die sie selbst verkauft hat.

Bei der Discountkette Plus müssen die Kunden dagegen nur die Pfandmarke zurückgeben. Das Geld gibt es auch ohne Dose zurück. Die leeren Verpackungen solle der Kunde doch in "die gelbe Tonne/den gelben Sack" geben, wirbt der Konzern. Ein System ohne Zukunft: Gegen Gesetzesverstöße wie diesen will die Deutsche Umwelthilfe systematisch vorgehen.

Hamburg, eine Shell-Tankstelle: Die Kassiererin hat übelste Laune. "Ich habe ja nichts gegen Pfand", sagt die blonde Frau Mitte 40. "Aber dann bitte einheitlich und ohne dieses Wirrwarr." Eine "Bettlektüre" von zehn Seiten habe ihr Chef für sie verfasst, so schwierig sei das System.

Die neuen Regeln sind so kompliziert, dass selbst das Bundesumweltministerium schon einen Tag nach dem Start über eine Neuauflage des Gesetzes nachdenkt. Die Unterscheidung in Getränke mit und ohne Kohlensäure sei "zu kompliziert", glaubt Staatssekretär Rainer Baake. Was die Verbraucher vollends verwirrt: Das seit Neujahr geltende Pfand für Einwegdosen und-flaschen trifft nur kohlensäurehaltige Getränke wie Bier, Mineralwasser, Cola und Limonade. Fruchtsaftkartons, Milchtüten und Einweg-Weinflaschen landen weiterhin pfandfrei im Hausmüll.

Düsseldorf Hauptbahnhof, Supermarkt "Farmhouse": Kaum ist das neue Gesetz in Kraft, haben clevere Getränkehersteller und Einzelhändler Lücken entdeckt. Für eilige Reisende, die bislang gerne zu Getränkedosen und Einwegflaschen griffen, hat sich der Supermarkt im Düsseldorfer Hauptbahnhof von Coca-Cola eine Getränke-Abfüllanlage installieren lassen. Wer Durst hat, nimmt einen Becher, zapft ihn an einem großen Kanister voll und verschließt ihn anschließend mit einem festen Deckel. Pfand wird nicht fällig - auch wenn die Trinkbehälter aus aufgeschäumtem Kunststoff ökologisch kaum wertvoller sind als Aluminiumdosen.

Noch ist nicht sicher, ob die neue Pfandpflicht den Anteil der Mehrwegverpackungen wirklich erhöhen wird. Der Umweltverband BUND geht davon aus, der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels glaubt nur an einen kurzfristigen Rückschlag für die Einweg-Getränkeverpackungen - und Gerhard Eisenblätter, Geschäftsführer der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM), erwartet, dass "die Verbraucher in den ersten drei Quartalen dieses Jahres weniger zu Dosen und Einwegflaschen greifen werden. Aber wenn überall Rücknahmeautomaten stehen, wird sich das schnell wieder ändern." Mit 7,25 Milliarden Dosen, 1,83 Milliarden Glaseinwegflaschen und 5,49 Milliarden Kunststoffflaschen werde das Jahr 2004 einen neuen Einwegrekord bringen.

Düsseldorf, eine Aldi-Filiale: Der Discounter hat genau wie Lidl alle Getränkedosen aus dem Sortiment genommen. "Unbeschädigte und vollkommen leere Flaschen mit Deckel" können gegen Vorlage der Quittung in jeder Filiale zurückgegeben werden", erklärt die Verkäuferin. Aber die Umstellung verärgert viele Kunden: Ein Sechser-Pack "Topstar Cola" in Halbliter-Flaschen kostet 1,49 Euro - zuzüglich 1,50 Euro Pfand. "Das ist mir zu viel Arbeit, die leeren Flaschen wieder zurückzubringen", sagt eine Frau. "Und wenn es schon kein Bier mehr gibt, warum soll ich überhaupt noch hier einkaufen gehen?" Nach einem Ausverkauf zu Niedrigstpreisen Ende Dezember hat der Discounter das Bier komplett aus dem Regal genommen.

Köln, ein Bahnhofskiosk: die Anarcholösung. "85 Cent, immer noch", sagt der gelockte und offenbar stark übermüdete Verkäufer und reicht eine Dose Cola Light über die Kiosktheke. "Sie können die Dose ruhig wegschmeißen."

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