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09.07.2000

20:23 Uhr

Unternehmen der New Economy

Jobs-Deutschland.de AG - Die Extremisten

VonMichael Freitag

Wer sagt, dass in der New Economy nicht traditionelle deutsche Werte zählen? Die Mitarbeiter der Jobs-Deutschland.de AG säen jetzt und ernten, wenn sie Glück haben, später. Gehalt gibt es keines, dafür Aktien und die Hoffnung auf den Börsengang.

Wenn Chefs sich einen Muster-Angestellten erträumen, dann denken sie wahrscheinlich an Menschen wie Thomas Scharhag. Der 32-jährige Grafiker, den alle "Sharky" rufen, arbeitet viel, in der Regel zwölf Stunden pro Tag und das oft sieben Tage die Woche. Seine Haare leuchten knallrot - ganz wie die Werbeflächen seines Arbeitgebers, der Online-Stellenbörse Jobs-Deutschland.de AG. In seinem Büro sitzt er auf einem von zu Hause mitgebrachten Drehstuhl vor einem von zu Hause mitgebrachten Schreibtisch, tüftelt an einem von zu Hause mitgebrachten Computer, und selbst Getränke hält er in einem von zu Hause mitgebrachten Kühlschrank kalt. Verlangt hat er für die Büroausstattung keinen Pfennig.

Im Gegenteil: Sharky verzichtet sogar auf Gehalt. Ein Jahr lang hat ihm Jobs-Deutschland gar nichts überwiesen. "Dafür sind die Ersparnisse draufgegangen", erzählt er. Inzwischen erhält er eine Art Taschengeld - "gerade genug, um Miete und Auto zu bezahlen. Aber ich denke, der ganze Aufwand wird sich irgendwann rechnen." Dann nämlich, wenn Jobs-Deutschland.de wie geplant innerhalb von zwei Jahren an die Börse gehen wird. Scharhag ist bereits bei der Unternehmensgründung Anfang 1999 als Aktionär eingestiegen. Die Aktien, die er damals günstig gekauft hat, könnte er bei einem Börsengang steuerfrei verkaufen. Zusätzlich haben ihm die Vorstände und Mehrheitseigner Michael Silberberger und Peter Baumann Aktienoptionen versprochen.

Silberberger und Baumann sind Extremisten. Sie haben die New Economy auf die Spitze getrieben und ein Unternehmer-Unternehmen gegründet. Sie beteiligen ihre Mitarbeiter, bieten ihnen Aktien und Aktienoptionen statt Gehalt. Die Höhe der monatlichen Überweisung bestimmen die Mitarbeiter selbst: "Die sagen: Ich brauche 500, 1 000 oder 2 000 Mark. Den Rest lasse ich dem Unternehmen und steigere den Wert der Aktien", erklärt Silberberger (27), der seinen Partner (28) im Snowboard-Urlaub kennen gelernt hat. Das Taschengeld reiche natürlich nicht aus, um drei Wochen lang mit dem Wohnmobil durch die USA zu fahren. "Aber auf so eine Idee kämen unsere Mitarbeiter sowieso nicht. Die sind vom Kopf her Unternehmer."

Floppt der Börsengang, stehen sie mit leeren Händen da

Die Angestellten gehen volles Risiko: Geht alles gut, wie bei der US-Softwarefirma Siebel, werden sie reich. Geht es schief und Jobs-Deutschland.de schafft es nicht an die Börse, stehen sie mit leeren Händen da. Dabei haben sich die Bedingungen seit der Firmengründung nicht gerade verbessert. Jobbörsen im Internet gelten zwar als rasanter Wachstumsmarkt, aber die bereits börsennotierten Wettbewerber könnten sich einen Vorsprung erarbeiten. Auch die Investoren stürzen sich nicht mehr auf jedes neue Internet-Unternehmen, als böte es die letzte Chance, reich zu werden. Bereits Konkurrent Jobs & Adverts hatte kürzlich Probleme, seine Aktien zu verkaufen.

Silberberger und Baumann setzen darauf, sich auf Nischenmärkten durchzusetzen. Jobs-Deutschland.de soll die Bundesrepublik Region für Region erobern. "80 Prozent der Menschen beschränken ihre Stellensuche auf eine bestimmte Region. Für die ist es wichtig, ob der Job in München links oder rechts der Isar angeboten wird", erklärt Silberberger sein Konzept. Und da nicht jeder Beschäftigte in der Zielgruppe der "mittleren bis gehobenen Positionen" einen Internetanschluss besitzt, verschickt Jobs- Deutschland.de Stellenangebote auf Anfrage auch per Post - und platziert den Werbeslogan "Ich kündige" zielgruppenkonform in der Big-Mäc-Postille "McDonald s Kino News".

Internet-Analysten wie Stefan Monz der Schweizer Bank Vontobel bestätigen auch, man könne "in Nischenbereichen regional sicher noch immer ein erfolgreiches Geschäft aufbauen". Aber ein Börsengang? "Das wird schwierig werden." Dennoch: Bislang bleiben auch Emissionsberater, Werbeagentur, Internetanbieter und Rechtsanwalt am Ball, und alle setzen auf das Modell Aktien statt Honorar.

Angefangen hat alles mit einer Präsentation im vornehmen Goldsaal der Industrie- und Handelskammer Wiesbaden. Nicht etwa vor Risikokapitalgebern, bei denen es die Mittzwanziger mit Realschulabschluss schwer gehabt hätten, sondern vor 70 Freunden und Bekannten. Das Publikum im Goldsaal war begeistert, und viele investierten Geld und Arbeitskraft in die Firma.

Auch Webmaster Julian Totzek war bei der Präsentation dabei. "Das Modell hat mich gereizt. Ich könnte mir sonst keine Anteile leisten", erzählt der 23- Jährige mit den zurückgegelten Haaren und dem noch etwas dünnen Kinnbärtchen. So sehr hat es ihn gereizt, dass er anfangs, als er noch bei Rank Xerox unter Vertrag stand, abends eine zusätzliche Schicht bei Jobs-Deutschland einlegte. Nach vier Wochen war er krankenhausreif. Inzwischen geht er regelmäßig gegen acht nach Hause. "Danach fahre ich für zwei Stunden zu meiner Freundin, und ab zehn Uhr bin ich oft wieder hier."

So opfern sich nur Fanatiker auf. Die Wiesbadener Online-Truppe ist eine verschworene Gemeinschaft, die ihren Anführern Silberberger und Baumann fast blind vertraut - zumindest die 35 der 50 Mitarbeiter, die auf Aktien statt Gehalt setzen. Mitarbeiter wie Scharhag und Totzek haben es nicht schriftlich, wie viele Aktienoptionen sie später bekommen. Das sei vertraglich "sehr weich fixiert, ein Thema des Vertrauens", erklärt Silberberger.

"Die Firma ist mein Freund"

"Alles, was sie hatten, war der Glaube an den Erfolg", heißt es in einem kurzen Selbstporträt des Unternehmens. Und weiter: "Alles ist möglich." Das klingt nach den Lehren des Motivationsgurus Jürgen Höller, und tatsächlich macht die Belegschaft zu dessen Seminaren schon einmal einen Betriebsausflug. Höller vertraut seinen Anhängern: Er ist selbst Aktionär.

Jobs-Deutschland.de ist eine Firma der Extreme. Da fallen Sätze wie "Die Firma ist mein Freund". Wo andere sparen, indem sie ihre Möbel bei Ikea kaufen, besorgen sich Silberberger und Baumann Schreibtische und Aktenschränke aus entrümpelten Telekom-Büros ("gratis, wir mussten nur versprechen, dass wir nichts in den Graben werfen"). Da stört es auch niemanden, dass der blaue Teppichboden in den Büroräumen von einem Band grauen Teppichs durchschnitten wird. Dort war eben früher der Flur - na und? Das passt zur trostlosen Umgebung eines Wiesbadener Gewerbegebiets.

Die beiden Gründer präsentieren sich dort Ton in Ton in dunklen Anzügen, die Krawatten leuchten ähnlich wie Sharkys Haare in Corporate-Identity-Rot. Silberberger und Baumann sind geborene Verkäufer. Baumann war Vertriebsleiter bei Fibrolux und Fiberline Composites, Silberbergers Lebenslauf schmücken Auszeichnungen wie "Verkäufer des Jahres Möbel Unger" und die dreimalige Teilnahme am "100 Prozent Club" bei Rank Xerox.

Wenn es um Opfer geht, gerät der einstige Starverkäufer Silberberger schon mal ins Philosophieren. Dann spricht er von traditionellen Werten und sagt Sätze wie "Man muss erst säen, um irgendwann zu ernten". So wie Julian Totzek, der es verdient habe, "wenn er seine Aktien später für eine Million Mark verkauft". Totzek wäre dann reich - und Silberberger superreich. Ihm und seinem Partner Baumann gehören je 35 Prozent der Firma. Auf dem Papier besitzen sie damit Aktien im Wert von je 16,5 Millionen Mark. Bei der letzten Kapitalerhöhung bewerteten Schweizer Investoren die Firma mit 47 Millionen Mark - gut zehn Prozent davon gehören den Mitarbeitern.

Business-Plans ist erfüllt - Gewinne sind dort vorerst nicht verzeichnet

Bis zum Börsengang soll der Unternehmenswert sogar auf 100 Millionen Mark steigen. Silberberger betont denn auch gerne die guten Geschäftsaussichten. Dabei lässt er sich auch dadurch nicht irritieren, dass die Chef-Tester vom "Focus" sein Unternehmen bei ihrem großen Jobbörsen-Test gar nicht erst berücksichtigt haben. Er verweist stattdessen auf Platz sechs bei einem anderen Test und meldet auch sonst Erfolge: "Wir wachsen rasant." Wie rasant, behält er aber lieber für sich. Partner Baumann verrät zu Umsatz und Ergebnis nur so viel: "Wir liegen voll im Plan, haben bisher alle Ziele des Business-Plans erfüllt." Gewinn für das Jahr 2000 ist dort nicht verzeichnet.

Aber die Kosten seien schon so niedrig, "dass die Banken es oft nicht fassen können", schwärmt Baumann und erläutert, dass jemand, der nur 200 Mark im Monat verdiene, den Pfennig auch im Unternehmen zwei Mal umdrehe. "Da sehen Sie erst, welch enormes Potenzial in dem Modell steckt", ruft Silberberger beschwörend dazwischen. So habe der IT-Experte die Kabel für die neue Telefonanlage in Nacht- und Wochenendarbeit selbst gelegt. "Da haben wir 65 000 Mark gespart."

Mitunternehmer Sharky hantiert derweil mit der mitgebrachten Computermaus und trinkt aus der mitgebrachten Kaffeetasse. Etwas blass ist er. Die viele Arbeit hinterlässt Spuren. Er hat so viel Zeit in die Firma investiert, dass die Beziehung zu seiner Freundin "kaputtgegangen" ist. Die Firma ging vor: "Wenn man so ein Ziel vor Augen hat, muss man Prioritäten setzen."

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