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06.01.2003

07:00 Uhr

Unternehmen

Emily im Dirndl

VonMartin-W. Buchenau , Handelsblatt

Der neue Rolls-Royce ist da. Nobel wie immer, aber erstmals von BMW gebaut. Das spielt der neue Besitzer gerne herunter. Im Kampf um die Top-Klasse soll ein englisches Image helfen.

Beiger Anzug, dazu weißes Hemd, Weste und Krawatte: Chris Radford, 30, ist angezogen, als wolle er sich hinter den Bankschalter setzen oder den Geburtstag seiner Tante feiern. Aber er montiert Autos. Er steht am Band. Die Kleidung ist vorgeschrieben. Der Arbeitgeber stellt sie. "Nur Jackett und Krawatte dürfen wir ablegen", sagt Radford. Er arbeitet bei Rolls-Royce.

Normalerweise montiert er das Fahrwerk. Heute aber muss er darauf aufpassen, dass keiner der Besucher einem 320 000 Euro teuren Luxusauto zu nahe kommt - Kratzeralarm. Der Wagen, der neue Rolls-Royce "Phantom", ist schon verkauft. Ein Brite wollte unbedingt der erste sein, der in London mit dem Nobelwagen vorfährt.

Noch aber steht das Auto am Ende des Bandes einer nagelneuen Fabrik im südenglischen Goodwood: Es ist ein bayerisches "Phantom" - der Versuch der Bayerischen Motorenwerke, dem in die Jahre gekommenen Mythos der bekanntesten Luxus-Automarke der Welt neuen Glanz zu verleihen. "Wir wollen eine Wiedergeburt von Rolls-Royce", sagt Tony Gott, der britische Chef des Unternehmens.

Vor vier Jahren haben die Bayern die Markenrechte gekauft, aber erst seit Jahresbeginn darf BMW sie auch nutzen. In drei Jahren stampfte eine Sondereinheit von rund 300 BMW-Managern ein völlig neues Modell aus dem Boden, fand einen Standort und baute ein neues Werk.

Daimler-Chrysler hat den Maybach, VW den Bentley, und BMW jetzt den Rolls-Royce Phantom. Es geht darum, wer das beste Auto der Welt baut, und da ist für die Bayern jetzt englische Extravaganz gefragt, und nicht - zumindest für die Vermarktung - solide Münchener Ingenieurskunst. So versucht der Konzern alles, um den Eindruck zu vermeiden, der Phantom sei der beste jemals gebaute BMW.

Das neue Werk liegt in der Grafschaft West Sussex, eine Bilderbuchlandschaft südlich von London. Die Grasflächen sind hier so gepflegt, dass auf den ersten Blick schwer zu sagen ist, ob es sich um eine Wiese, ein Fußballfeld oder einen Golfplatz handelt. Stilgerecht soll der Automobil-Adel künftig seine Karossen abholen. Grund und Boden kaufte BMW gar von einem ein echten Adligen, dem selbst motorsportbegeisterten Earl of March.

Beim Namen für die neue Luxuslimousine haben sich die Marketingstrategen von einem Modell aus den 30er-Jahren inspirieren lassen. "Phantom", das ist laut Duden "ein Trugbild, nur in der Einbildung Vorhandenes, gespenstische Erscheinung". Dieses hier in Goodwood, Farbe "black kirsch", ist real und nicht zu übersehen. Kleine Scheinwerfer und ein gigantischer Kühlergrill fast wie bei einem amerikanischen Truck garantieren einen bulligen und herrschaftlichen Auftritt. Die hinteren Türen öffnen sich wie bei einer Kutsche gegen die Fahrtrichtung, und sollte es einmal regnen, findet der Chauffeur in die Tür integriert einen Regenschirm. Die Herrschaft im Fonds soll ja nicht nass werden.

Im Fuhrpark der Königin von England stehen Rolls-Royce, Marlene Dietrich stieg aus dem Wagen und selbst die Beatles gönnten sich eine poppige Version. Keine andere Automarke auf der Welt steht mehr für Luxus. Nach dem Krieg, vor allem in den vergangenen 20 Jahren bröckelte das Image zwar etwas. Aber der Mythos lebt.

Als der britische Mischkonzern Vickers 1998 die gemeinsam im mittelenglischen Crewe produzierten Schwestermarken Rolls-Royce und Bentley verkaufen wollte, stand die internationale Automobilindustrie Schlange: Die Luxusmarken als Sahnehaube fürs Konzernimage. Das war der Traum des VW-Chefs Ferdinand Piëch, aber auch seines damaligen BMW-Pendants Bernd Pischetsrieder. BMW und VW waren so heiß auf eine Übernahme, dass sie sich eine monatelange Übernahmeschlacht lieferten. Piëch überbot Pischetsrieder mit seiner Offerte von 1,4 Milliarden Mark. Doch BMW hatte den besseren Draht zum Triebwerkshersteller Rolls-Royce Plc. - und dort lagen die Namensrechte an den Marken. Schließlich einigten sich die Konzernchefs auf einen Kompromiss. VW bekam Bentley, BMW RollsRoyce. Aber die Bayern erhielten die Markenrechte erst zum 1. Januar 2003 und mussten ein neues Werk in England bauen.

Die Investition kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die Rover-Krise hatte BMW in Bedrängnis gebracht, Pischetsrieder musste gehen. Der Aufsichtsrat fürchtete eine weitere "englische Krankheit". Aber Karl-Heinz Kalbfell, der im Unternehmen als Mann für schwierige Missionen bekannte Bereichsleiter Marketing, setzte das Projekt um. 100 Millionen Euro hat das Werk gekostet, 60 Millionen Euro der Markenname. Aber wenn in zehn Jahren der nächste Rolls-Royce präsentiert wird, soll sich der Phantom rentiert haben. Und das heißt: mehr als eine kapitalmarktübliche Mindestverzinsung auf das eingesetzte Kapital.

Die BMW-Manager wollen die Rover-Fehler nicht wiederholen. In der Fertigung sitzen an allen entscheidenden Positionen Deutsche. "Bei so einer schwierigen Operation muss man die Leute kennen, mit denen man arbeitet", sagt Kalbfell. Die Alukarosserie kommt aus dem BMW-Werk in Dingolfing, der 6,75-Liter-Motor ist aus dem 12-Zylinder-Aggregat der 7er-Reihe abgeleitet. 18 Kühe müssen ihr Leder für die Inneneinrichtung lassen, auch sie stammen aus Deutschland - ebenso wie die Lacke. Selbst am Band in Goodwood steht auf einer Kiste mit Einzelteilen "Eigentum BMW". Fehlt nur noch, dass die Emily, die geflügelte Frontfigur, ein Dirndl trägt.

Aber äußerlich bleibt der RollsRoyce englisch nobel, auch wenn einige Traditionalisten auf der Insel unzufrieden sind: "Oh je. Was haben die Deutschen getan?", fragt die britische Autozeitschrift "TopGear" bereits gehässig und prophezeit den Käufern unangenehme Reaktionen: "Ihre Diktatorenkollegen werden Sie bei ihrer Ankunft schallend auslachen."

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