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26.01.2005

09:33 Uhr

Unternehmen engagieren sich für die Lösung globaler Probleme

Soziale Verantwortung gefällt den Kunden und zahlt sich oft aus

VonDirk Hinrich (Handelsblatt)

Bill Gates ist nicht nur der reichste Mann der Welt, er ist auch der wohltätigste. Fast acht Milliarden Dollar hat seine Familienstiftung weltweit schon ausgegeben, vor allem für die Verbesserung der medizinischen Versorgung und der Bildung. Insgesamt 27 Milliarden Dollar stehen für gute Zwecke bereit. So wie er, wenn auch in kleinerem Maßstab, engagieren sich viele prominente Unternehmer.

HB DAVOS. Doch das gesellschaftliches Engagement ist nicht länger Privatsache der Firmengründer - viele Unternehmen haben es auch zum Teil der Firmenstrategie erhoben. Sie helfen weltweit, soziale Probleme zu lösen und nehmen sogar traditionell staatliche Aufgaben wahr.

Ein Beispiel dafür ist der Bergbaukonzern Anglo American. Er hat sich den Kampf gegen die globale Seuche Aids auf die Fahnen geschrieben. Aus nahe liegenden Gründen: Fast jeder vierte der 130 000 südafrikanischen Mitarbeiter ist nach Schätzung des Konzerns mit Aids infiziert. Da die Krankheit von der südafrikanischen Regierung lange Zeit verharmlost wurde und es zudem an erschwinglichen Medikamenten mangelte, hat Anglo American selbst die Initiative übernommen. In den vergangenen zwei Jahren testete der Konzern die Mitarbeiter auf freiwilliger Basis und sorgte für die Behandlung Infizierter. Mit Erfolg: 90 Prozent der bisher 2 200 Behandelten sind bereits an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt.

"Unsere Erfahrung zeigt, dass entschlossenes Handeln gegen Aids gleichbedeutend ist mit einem guten Management des Unternehmens und zu profitableren und nachhaltigen Geschäften führt", sagt Brian Brink, der für Gesundheit zuständige Vizepräsident der Anglo American Corp. Er drückt damit aus, was immer mehr Unternehmen erkennen: Das gesellschaftliche Engagement ist nicht nur ein Thema für Sonntagsreden, es macht sich bezahlt.

"Es gibt sehr starke betriebswirtschaftliche Argumente dafür, soziale Verantwortung wahrzunehmen", sagt Michael Rake, International Chairman der Beratungsgruppe KPMG. "Wenn es keinen Unterschied in Preis und Qualität gibt, wird der Kunde von dem Unternehmen kaufen, das eine verantwortliche Haltung einnimmt." Für diese Firmen sei es auch leichter, hoch qualifizierte Mitarbeiter für sich zu gewinnen.

Ob die globalen Konzerne sich nun aus altruistischen oder ökonomischen Motiven für die Gesellschaft einsetzen - Tatsache ist, dass sie sich immer stärker an der Lösung sozialer Probleme beteiligen. Teils arbeiten sie dabei mit Regierungen, teils mit Nichtregierungsorganisationen zusammen. Diese Entwicklung ist auch insofern logisch, als bereits 52 der 100 größten wirtschaftlichen Einheiten Unternehmen sind und nur 48 Staaten. In einer Umfrage der Global Corporate Citizenship Initiative des Weltwirtschaftsforums stimmten neun von zehn befragten Vorstandschefs der These zu, dass die großen entwicklungspolitischen Herausforderungen der Welt nur in Zusammenarbeit der Unternehmen mit Regierungen und gesellschaftlichen Gruppen gelöst werden können.

Doch nicht nur der Kampf gegen Armut, auch der Umweltschutz ist ein globales Problem, an dessen Lö-sung Unternehmen ein vitales Interesse haben. Auf dem Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums in Davos wird der britische Premierminister Tony Blair eine Klimaschutz-Initiative ins Leben rufen, an der die Vorstandschefs 24 großer Konzerne teilnehmen. Auch Vertreter großer US-Firmen wie Cisco Systems und HP sind dabei. Sie stellen sich damit in Widerspruch zur Position der US-Regierung, die sich nicht zur Reduzierung klimaschädlicher Emissionen verpflichten mag.

Meist brauchen Unternehmen allerdings einen gewissen Leidensdruck, um sich gesellschaftlicher Probleme konsequent anzunehmen. Eine aktuelle Umfrage der Globalen Gesundheits-Initiative des Weltwirtschaftsforums unter 9



000 Managern in 104 Staaten zeigt das für das Thema Aids. Ihr zufolge haben 71 Prozent der Unternehmen weltweit keine Strategie gegen Aids. Sie werden im Durchschnitt erst aktiv, wenn ein Fünftel der Bevölkerung in einem Land mit der Immunschwächekrankheit infiziert ist.

Das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen richtet sich vorwiegend auf die Probleme, die vor Ort als die drängendsten empfunden werden. In Deutschland ist das der Umweltschutz, so dass sich viele Konzerne um nachhaltiges, Ressourcen schonendes Wirtschaften bemühen. In Indien engagieren sich viele aufstrebende Unternehmen dafür, möglichst viele Menschen des Milliardenvolkes am wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben zu lassen. Auch hier mischen sich Patriotismus und Eigennutz: Wenn die Wohlstandsunterschiede zwischen den neuen Mittelschichten und der armen Landbevölkerung zu groß werden, drohen politische Umwälzungen, die das Investitionsklima für die Unternehmen verschlechtern könnten.

"Mitfühlender Kapitalismus ist sehr wichtig, vor allem für Entwicklungsländer", sagt Narayana Murthy, Chairman des führenden indischen IT-Dienstleisters Infosys Technologies. "Ein Unternehmen kann nur nachhaltig florieren, wenn es hilft, die Gesellschaft, in der es arbeitet, voranzubringen. Das gilt in besonderem Maße für multinationale Unternehmen."

KPMG-Chairman Rake sieht in dem Trend zu sozialem Verantwortungsbewusstsein auch eine Reaktion der Konzerne auf die Exzesse der Jahrtausendwende. "Nach den Unternehmensskandalen der letzten Jahre ist es wichtig, dass Unternehmen nicht nur über soziales Engagement reden, sondern auch handeln", fordert er. "Sonst besteht die Gefahr, dass das Thema als Feigenblatt missbraucht wird."

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