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29.01.2002

10:16 Uhr

Unternehmen muss sich harte Fragen gefallen lassen

Enron-Skandal: Arthur Andersen verliert Kunden

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Artur Andersen verliert Kunden wegen ihrer Verstrickung im Bilanzskandal um die Enron Corp, Houston.

vwd NEW YORK. Aus Sorge um ihren Ruf prüfen immer mehr Unternehmen, ob sie ihre Bilanzen weiter durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen LLP kontrollieren lassen wollen. Andersen könnte nach Ansicht von Beobachtern eine große Anzahl von langjährigen Kunden verlieren, wenn sich die drittgrößte US-Fluggesellschaft Delta Air Lines, Atlanta, zu einem Wechsel zu einer anderen Prüfungsgesellschaft entschließen sollte. Am Dienstag hatten Zeitungen darüber berichtet, der Board von Delta wolle die Fluggesellschaft aus den negativen Schlagzeilen heraushalten, in die Anderson nach dem Konkurs des Energiekonzerns Enron Corp geraten war.

Für Andersen wird die Situation damit immer schwieriger. Schon mit Enron verliert das Unternehmen einen der größten Kunden, mit dem die Gesellschaft ein Fünftel ihres jährlichen Umsatzes erzielt hatte. Im Falle von Delta droht ein Umsatzverlust von 1,92 Mio US-Dollar für Bilanzprüfungen und 3,97 Mio US-Dollar für weitere Dienstleistungen, die Delta 2000 an Andersen bezahlt hat. Schwerwiegender ist nach Ansicht von Beobachtern jedoch die Signalwirkung, die von einem Abbruch der Geschäftsbeziehung durch Delta ausgehen würde.

Bei der Beauftragung einer Bilanzprüfung sei für ein Unternehmen vor allem der Ruf des Prüfers wichtig. Diejenigen Unternehmen würden bei einem Börsengang höher bewertet, die ihre Bilanzen von einer der großen fünf Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, prüfen ließen. Mit dem Verlust des langjährigen Kunden Delta würde Andersen auch an Reputation verlieren.

Die Geschäftsbeziehung zu der Fluggesellschaft hat eine lange Geschichte und reicht bis 1949 zurück. Die ehemalige CFO von Delta, Michele Burns, wechselte 1999 sogar zu Andersen. Unternehmenskreisen zufolge sind sich die Board-Mitglieder bei Delta bewusst, dass eine Entscheidung gegen Anderson schwerwiegende Folgen für die Prüfgesellschaft haben könnte. Noch hat Andersen Delta nicht als Kunden verloren. Delta hat zudem nur wenig Zeit, um einen anderen Prüfer zu finden. Bereits im April soll auf der Aktionärsversammlung über den Prüfauftrag abgestimmt werden.

Auch unabhängig von der Entscheidung bei Delta prüfen jedoch bereits weitere große Kunden die Fortsetzung ihrer Geschäftsbeziehung mit Anderson. Während einige wichtige Kunden, wie Georgia Corp, -Pacific Atlanta, bislang weiter zu Andersen stehen, überdenken große Unternehmen wie Federal Express Corp, Memphis, ihr Verhältnis zu den Wirtschaftsprüfern. Auch die Bank BB&T Corp, Winston-Salem, sei einem Wechsel nicht abgeneigt, schreibt das "Wall Street Journal".

Vor allem kleine Unternehmen dürften sich Beobachtern zufolge am schnellsten einen neuen Wirtschaftsprüfer suchen. Mit "offensichtlichen Gründen" begründete bereits das Tankreinigungsunternehmen Herc Products Inc seinen Wechsel zu einer anderen Prüfgesellschaft. Andersen müsse sich "harte Fragen von Kunden und potenziellen Klienten gefallen lassen, was sich negativ auf das Geschäft auswirke", gab bereits Chairman und Chief Executive Joseph F. Berardino in einem Gespräch mit der "New York Times" zu.

Noch schwieriger als das Halten bestehender dürfte das Gewinnen neuer Kunden sein, glauben Beobachter. Ein potenzieller Kunde, der eine Zusammenarbeit mit Andersen prüft, ist die Stadt New York. Derzeit werde untersucht, ob die Beratungsfirma von der Liste der in Frage kommenden Unternehmen gestrichen werde, schreibt die "New York Times". Damit wäre New York die erste Stadt in den USA, die eine Disqualifikation Arthur Andersens prüfe, heißt es. Personaldienstleister berichten bereits von Anrufen, mit denen die Angestellten bei Andersen versuchten, sich eine neue Tätigkeit zu suchen.

Die Hiobsbotschaften reißen für Andersen unterdessen nicht ab. Im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch eines Unternehmens in Australien, der HIH Insurance Ltd, sind erneut Vorwürfe gegen Andersen aufgetaucht. Die Prüfgesellschaft habe eine Bilanz mit einem Prüfstempel versehen, obwohl die finanzielle Position des Unternehmens deutlich übertrieben oder falsch dargestellt worden sei, lautet der Vorwurf. Doch nicht nur Andersen geht mit solchen Vorwürfen schwierigen Zeiten entgegen.

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