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09.01.2003

09:45 Uhr

Unternehmen

Prediger der Gier

VonSusan Pulliam, Deborah Solomon, Carrick Mollenkamp, The Wall Street Journal Brigitte Baas, Handelsblatt

Bernie Ebbers setzte nicht nur beim Pleitekonzern Worldcom auf übertriebenes Wachstum. Auch privat baute er ein Schulden-Imperium auf. Über eine Milliarde Dollar liehen ihm Banken, meist besichert mit Ebbers? Aktien - die bizarre Geschichte eines Größenwahnsinnigen.

Im Juni 1998 wollte sich Bernard Ebbers eine Ranch kaufen. An sich nichts Ungewöhnliches für reiche US-Bürger, und Ebbers war damals noch Chef und Großaktionär des Telekomkonzerns Worldcom. Doch Ebbers, heute 61, wollte keine gewöhnliche Farm. Er hatte es auf die Douglas Lake Ranch in British Columbia abgesehen, die größte private Ranch in Kanada: 67 000 Hektar Land, 20 000 Stück Vieh, eigener Gemischtwarenladen, Ferienanlage für Fliegenfischer. Die englische Königin und Prinz Philip waren schon zu Besuch.

Aber die Ranch sollte 65 Millionen Dollar kosten. So viel hatte Ebbers nicht. Also bat er die Bank of America um Geld. Dort kannte man ihn schon, Ebbers war ein bevorzugter Kunde. Erst drei Monate zuvor hatte die Bank ihm 13,8 Millionen Dollar geliehen, weil er eine Soja- und Reisfarm in Louisiana kaufen wollte. Warum sollte er schon wieder eine riesige Immobilie brauchen? Die Bank lehnte ab.

Natürlich bekam Ebbers seine Ranch. Die Toronto-Dominion Bank sprang in die Bresche, und ein Jahr später refinanzierte er mit einem günstigeren Citibank-Kredit über 43,2 Millionen Dollar. Als der Worldcom-Chef die Bank of America das nächste Mal um ein Darlehen bat, gab sie ihm das Geld.

Ebbers, als Lehrer ins Berufsleben gestartet, hatte damals einen blendenden Namen in der Finanzszene. Er hatte aus einer auf Ferngespräche spezialisierten Telefonklitsche einen der größten Telekomkonzerne der Welt gemacht - vor allem, indem er einen Konkurrenten nach dem anderen aufkaufte. Alles auf Pump finanziert, mit immer höheren Krediten.

Was bei Worldcom so gut funktionierte, probierte er im Stillen auch privat. Er kaufte sich ein Imperium aus Farmen, Ländereien und sogar einer kleinen Werft zusammen, und die Banken, teilweise dieselben, die den Aufstieg von Worldcom finanzierten, rissen sich darum, Ebbers auch privat ihr Geld hinterherzuwerfen. Insgesamt borgte er sich 1,3 Milliarden Dollar für seine Shopping-Tour zusammen, wenn auch teilweise, um alte Kredite zu tilgen. Die Bank of America vergab 253 Millionen Dollar, die Citigroup 552 Millionen, und der Worldcom-Aufsichtsrat gewährte Darlehen über 415 Millionen, damit Ebbers andere Schulden zurückzahlen konnte.

Besichert waren die Kredite in der Regel mit den Worldcom-Aktien des Konzernchefs - und als die Mitte September 2000 mehr und mehr an Wert verloren, brach auch sein Privatimperium zusammen. Wie einen gewöhnlichen Kleininvestor zwangen ihn die Banken im Oktober zum Aktienverkauf. Der Kurs stürzte weiter ab. Im April 2002 musste Ebbers gehen. Zwei Monate später war Worldcom insolvent. Ebbers hatte den Konzern in die größte Firmenpleite der US-Geschichte geführt. Der Konzern hatte seine Bilanz um Milliardenbeträge geschönt, die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen Ebbers und hat im Oktober 2002 Zivilklage gegen ihn erhoben. Offenbar ist es den Ermittlern aber noch nicht gelungen, Ebbers eine direkte Beteiligung an den Manipulationen nachzuweisen.

Ebbers, der sich vor seinem Abgang eine jährliche Rente von 1,5 Millionen Dollar zusichern ließ, verhandelt derzeit mit der neuen Führung der insolventen Worldcom darüber, wie er seine Schulden begleichen kann. Eines scheint klar: Sein Besitz wird nicht reichen, um die Kredite abzuzahlen, auch das Rentenpaket ist in Frage gestellt.

Heute lebt der ehemalige Worldcom-Chef in Brookhaven, einem 10 000-Einwohner-Städtchen in Mississippi. In einem kleinen Haus, eingequetscht zwischen einem Reisebüro und einem christlichen Buchladen, sitzt dort seine Firma Joshua Management, in der er seine Beteiligungen zusammengefasst hat. An der Wand hängt ein Bibelzitat aus dem Buch Josua, das mit dem Bekenntnis endet: "Ich aber und mein Haus wollen dem Herren dienen". Ebbers hat jahrelang in der Sonntagsschule von Brookhaven gepredigt.

Im Geschäftsleben hatte der Worldcom-Chef früh begriffen, dass ihm bei Schwierigkeiten mit dem einen Kreditgeber schon ein anderer aus der Patsche helfen würde. 1994 lieh er von der Citibank zehn Millionen Dollar, um zwei Millionen Worldcom-Aktien zu kaufen. Als der Kurs der Aktien jedoch unter eine bestimmte Grenze fiel, forderte die Bank ihr Geld noch im selben Jahr zurück. Ebbers bat Worldcom um Hilfe, und tatsächlich sprang der Konzern mit einem Darlehen von über zehn Millionen Dollar in die Bresche.

So sollte es weitergehen. Mitte der 90er-Jahre, das Worldcom-Imperium wuchs immer schneller, erreichten die Bank of America neue Kreditanfragen. Zum Beispiel für immer größere Yachten. Schließlich kaufte er die 40-Meter- Yacht "Aquasition", die sich per Fernbedienung vom Whirlpool aus steuern ließ. Zusätzlich bestellte er bei der Werft Intermarine drei Schiffe, die er weiterverkaufen wollte. 1998 traf sich Ebbers während eines Golfturniers im Küstenort Hilton Head mit einem Intermarine-Manager. Die beiden saßen auf dem Deck, Ebbers mit einer Zigarre im Mund, und plauderten über die Feinheiten des Schiffbaus. Bald hatte sich der Worldcom-Chef entschieden. Er wollte die Werft kaufen. Die Bankmanager hätten große Augen gemacht, erzählt ein mit Ebbers? Konto vertrauter Mitarbeiter der Bank of America. "Erst wollte er mit Yachten spekulieren, dann gleich die ganze Werft." Aber egal, Ebbers bekam 14 Millionen Dollar.

Der wachsende Kreditbedarf des Worldcom-Chefs sei ungewöhnlich gewesen, berichtet der Banker. Aber das Institut habe sich gesorgt, Ebbers? Gunst zu verlieren. Die Bank of America hatte für den Konzern 1995 eine 2,5 Milliarden teure Firmenübernahme finanziert - und hoffte auf weitere Geschäfte. "Wir haben getan, was Banken nun einmal tun", kommentiert Catherine Bessant, Marketing-Chefin der Bank. "Wir haben Geld verliehen, und wir haben das Geld zurückbekommen."

Ebbers, einer der größten privaten Kunden der Bank of America, setzte alles daran, die Kontakte zu den Bankern auch privat zu vertiefen. Einen Banker nannte er etwa vertraulich "Big Dog", einen anderen "Little Dog". Jack Grubman, Telekomanalyst bei Salomon Smith Barney, war 1999 sogar Gast bei Ebbers? Hochzeit mit dessen zweiter Frau Kristi. Auch Salomon hatte beste Kontakte zu Worldcom. Die Investmentbank hatte für den Konzern die Übernahme des Konkurrenten MCI geleitet - und daran 32,5 Millionen Dollar verdient. Salomon ist eine Tochter der Citigroup, wie die Citibank. Die wiederum refinanzierte für Ebbers den 43,2-Millionen-Dollar-Kredit für die Ranch in Kanada.

Dabei blieb es nicht. 1999 bot ihm der Holzinvestor Richard Molpus zwei riesige Waldgrundstücke an. Molpus warb bei seinen Kunden gerne damit, Holz sei ein gutes Investment, weil Bäume schließlich wüchsen. Ebbers wollte kaufen. Aber es ging um 220 000 Hektar - und um 658 Millionen Dollar. Die Citibank lieh ihm 499 Millionen Dollar, Ebbers kaufte und prahlte im Worldcom-Aufsichtsrat, die Grundstücke würden eines Tages eine Milliarde Dollar wert sein.

Um all die Firmen wollte er sich nach seinem Ausstieg bei Worldcom kümmern. Wie sein Bruder John wollte auch Bernie irgendwann auf einer Ranch wohnen und "leben wie ein Cowboy", so erzählt ein Vertrauter. Am Wochenende sei der Worldcom-Chef stundenlang mit dem Traktor in der Gegend herumgefahren.

Bis zum Jahr 2000 lief alles glatt für Ebbers, die Worldcom-Aktien stiegen bis zu einem Höchststand von 64,50 Dollar. Dann aber sank der Kurs; im Juli 2000 lag er bei 45 Dollar, im September nur noch bei 33. Dabei war Ebbers in Bezug auf Kurssteigerungen geradezu besessen. Konferenzen begann er regelmäßig mit einem Gebet und einer Diskussion darüber, wie man den Kurs nach oben treiben könnte.

Aber es ging in die andere Richtung - und in der Bank of America machte man sich Sorgen. Ihre Kredite waren mit Worldcom-Aktien besichert. Für die Banken ist in der Regel so lange alles in Ordnung, wie das Darlehen nicht mehr als 70 Prozent des Aktienwertes ausmacht. Bei den 253 Millionen Dollar, die Ebbers der Bank of America schuldete, war diese Quote auf gefährliche 75 Prozent gestiegen. Und der Wert der zwölf Millionen Worldcom-Aktien, die Ebbers als Sicherheit gebracht hatte, sank weiter.

Normalerweise zwingen Banken Großkunden ungern, Aktienpakete zu verkaufen und mit dem Erlös Darlehen zurückzuzahlen. Sie fürchten eine Art Dominoeffekt: Verbreitet sich die Nachricht, dass jemand wie Ebbers verkaufen muss, wird der Aktienkurs wahrscheinlich weiter fallen. Das Depot des Kunden verliert weiter an Wert. Er muss mehr Aktien verkaufen.

Aber nach einer Konferenz am 5. September 2000 sah die Bank of America keinen anderen Ausweg. Sie forderte Ebbers auf, Aktien zu verkaufen.

Der ließ sich einmal mehr von Worldcom helfen. In einem Hotel in Washington traf er sich mit Aufsichtsratsmitglied Stiles Kellett, der auch im Vergütungsausschuss saß. Kellett sorgte dafür, dass Worldcom Ebbers 50 Millionen Dollar lieh. Aber der Kurs fiel weiter. Mitte September lag er schon bei 28 Dollar. Jetzt bekamen auch andere Banken kalte Füße; die Citibank sorgte sich um das Geld für die Ranch in Kanada, Paine Webber um 51 Millionen Dollar, bei Morgan Keegan wackelte ein 11,6-Millionen-Dollar- Darlehen. Alle drei Institute forderten Ebbers zu Zwangsverkäufen auf. Am 25. September verbrauchte er die restlichen 18,5 Millionen Dollar des Worldcom-Darlehens - und forderte mehr. Aber Kellett lehnte ab.

Bald darauf traf sich der Vergütungsausschuss in Atlanta in Kelletts Flugzeughangar. Aufsichtsräte berichten, Ebbers habe sich mit den Worten verabschiedet, er werde drei Millionen seiner 20 Millionen Aktien verkaufen. Die Bank of America zwinge ihn dazu.

Die Aufsichtsräte gerieten in Panik. Vor allem Kellett, der Aktien im Wert von 100 Millionen Dollar besaß, befürchtete einen Kurseinbruch. Zu Recht: Als sich die Nachricht von Ebbers? Verkäufen verbreitete, verlor Worldcom in der Woche zum 13. Oktober elf Milliarden Dollar Marktwert.

Jetzt wurde das Horrorszenario Wirklichkeit, das die Worldcom-Führung befürchtet hatte. Die Abwärtsspirale drehte sich schneller. Je mehr der Kurs sank, desto mehr Geld benötigte Ebbers. Schon Mitte Oktober wollten die Banken weitere 25 Millionen Dollar.

Wieder rief er Kellett an. Wenn man ihm jetzt nicht helfe, flehte er, müsse er Privatbankrott anmelden. Er hatte Erfolg. Um ihn davon abzuhalten, weitere Aktien abzustoßen, lieh ihm der Konzern 25 Millionen Dollar und bürgte kurz darauf mit 100 Millionen Dollar für seine anderen Darlehen. Kurz darauf habe Kellett zwei Drittel seiner Aktien für etwa 53 Millionen Dollar verkauft, berichtet ein Insider.

Anfang 2001 drängte der Aufsichtsrat Ebbers dazu, Immobilien zu verkaufen, um die Darlehen zurückzuzahlen. "Wir hatten auf 100 Millionen Dollar für Worldcom gehofft", sagt ein Aufsichtsratsmitglied. Doch Ebbers konnte sich von seinem Eigentum nicht trennen. Immer wieder verhandelte er um einen besseren Preis. Für die Werft Intermarine etwa hatte er 14 Millionen Dollar bezahlt und weitere acht Millionen Dollar investiert. Manager des Unternehmens taxierten den Wert auf 25 Millionen Dollar. Ebbers aber verlangte das Doppelte.

Im April 2002 brauchte er erneut Geld. Jayne Hammond, eine ehemalige Bank-of-America-Mitarbeiterin, vermittelte ihm kurzfristig knapp elf Millionen Dollar von der Bank of North Georgia. Ebbers verkaufte daraufhin zwei Yachten, um das Darlehen zurückzuzahlen. Da Worldcom selbst die Einnahmen aus den Verkäufen kassieren wollte, war die Führung des Unternehmens so sehr verärgert, dass sie die Werft beschlagnahmte und Ebbers am 29. April 2002 feuerte.

Zehn Tage später rief Ebbers erneut bei Kellett an. Er bat um einen letzten Kredit, zehn Millionen Dollar, um einen Zwangsverkauf für die Citibank zu umgehen. Kellett sagte Nein.

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