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14.01.2003

14:30 Uhr

Unternehmen

Vulkan im Kopf

VonMichael Freitag, Handelsblatt

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Untreue bei HDW. Der Vorstand der Werft hatte Probleme geahnt und bei der Mutter Babcock protestiert - Chronik eines Aufstands.

Der Brief an den "sehr geehrten Herrn Professor Lederer" beginnt freundlich. Der Vorstand der Kieler Werft HDW bedankt sich beim Vorstandschef der Muttergesellschaft Babcock Borsig, Klaus Lederer, "für das offene Gespräch" am 23. August 2000. Der Rest ist weniger angenehm: Die vier HDW-Vorstände bitten "um Verständnis, dass wir vorerst die Überführung weiterer Mittel in das Cash-Clearing zurückstellen". Die Werft könne sonst womöglich Großaufträge verlieren, über die gerade verhandelt werde.

Der Brief, geschrieben am 28. August 2000, ist der zwischenzeitliche Höhepunkt eines Streits, der damit endet, dass Lederer drei von vier HDW-Vorständen entlässt - und der auch die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft beschäftigt. Sie ermittelt seit Juli 2002 gegen Lederer wegen Untreue zum Nachteil der HDW. Jetzt haben die Düsseldorfer ihre Untersuchungen erweitert. Sie ermitteln wegen Beihilfe zur Untreue auch gegen Friedel Neuber, damals Vorstandschef der WestLB und noch heute Aufsichtsratschef bei Babcock und Tui (damals Preussag), Tui-Chef Michael Frenzel und den Tui-Finanzchef und damaligen HDW-Aufsichtsrat, Rainer Feuerhake.

Lederer soll die Werft geschädigt haben, indem er Hunderte Millionen Mark von Kiel ins zentrale Cash-Management nach Oberhausen fließen ließ. An sich nicht verwerflich, aber Lederer soll sich nicht an die Bedingungen gehalten und HDW so gefährdet haben - die Chronik eines Streits, der führende Köpfe der deutschen Wirtschaft vor Gericht beschäftigen könnte:

21. September 1999: Der HDW- Vorstand erklärt sich bereit, "die bei HDW jetzt und in der Zukunft vorhandenen liquiden Mittel im Cash-Clearing des Babcock-Konzerns anzulegen". Aber HDW-Vorstand Dirk Rathjens hat seine Unterschrift an eine Bedingung geknüpft: "Die Aktionäre", also die zu 50 Prozent beteiligte Babcock Borsig AG, die Tui und die schwedische Saab-Tochter Celsius AB (je 25 Prozent) müssen sicherstellen, dass HDW die für neue Aufträge notwendigen Sicherheiten bereitstehen. Ohne diese Avale geht im Schiffbau nichts. Babcock hatte die HDW-Anteile im Frühjahr 1999 von Tui übernommen. Im November fließen 1,1 Milliarden Mark HDW-Geld an Babcock.

Frühjahr 2000: Die HDW-Manager stellen fest, dass sie keine ausreichenden Sicherheiten bekommen. "Zum Teil liegt dies in der Nicht-Akzeptanz der Babcock als Garantiegeber begründet", heißt es in einem internen HDW-Papier. Auf Deutsch: Die Banken trauen Babcock nicht. "Als wir noch zu Preussag gehörten, war alles einfach", erinnert sich ein früherer HDW-Manager. "Deren Garantien haben alle Auftraggeber vertraut."

Die Kieler sorgen sich wegen der Finanzsituation der Mutter: Sie sehen laut einem internen Vermerk "zunehmend Anzeichen, dass die Liquiditätssituation des Babcock-Borsig-Konzerns angespannt ist". Im Babcock-Vorstand heiße es, WestLB und Deutsche Bank hätten ihre Kreditlinien reduziert.

8. August 2000: Der HDW-Vorstand bittet Babcock-Chef Lederer in einem Brief um die "Gelegenheit zur Einsichtnahme in die Liquiditäts- und Bilanzplanung des Konzerns".

11. August 2000: Die HDW-Juristen warnen den Vorstand in einem Schreiben vor Haftungsrisiken. Ihr Fazit: Die Werft soll wieder heraus aus dem Cash-Management. Die Juristen sehen eine "Handlungspflicht" des Vorstands, "die so weit geht, dass die übergeführten Mittel zurückgefordert, dem Cash-Clearing-System keine neuen Mittel zugeführt bzw. entsprechende, ausreichende Sicherheiten verlangt werden". Aber "dies wird realistischerweise nur machbar sein, wenn für den Babcock-Borsig-Konzern eine geeignete Refinanzierung unter Mitwirkung seiner maßgeblichen Aktionäre dargestellt wird". Sprich: Babcock braucht das HDW-Geld.

Ein Manager der Werft erinnert sich: "Damals hatten alle den Untreueprozess gegen die Vorstände des Werftkonzerns Bremer Vulkan im Kopf. Der Vorstand hatte Angst, dass er irgendwann vor Gericht kommt, wenn er das Cash-Management weiter mitträgt."

23. August 2000: Vorstandstreffen in Oberhausen: Die HDW-Vorstände verlassen das Gespräch laut eigenem Protokoll mit dem Eindruck, Babcock befinde sich in einer Liquiditätskrise. Lederer habe erklärt, dass sich die Situation bis zum Ende des Geschäftsjahres entspannen werde.

28. August 2000: Der HDW-Vorstand bittet die Anteilseigner Tui und Celsius AB, in Person Rainer Feuerhake und Nils-Ove Andersson, um Stellungnahme.

29. August 2000: Der HDW-Vorstand hat Lederer tags zuvor mitgeteilt, die Werft werde nicht mehr ins Cash- Management einzahlen. Lederer fordert die Manager auf, "die Entscheidung unverzüglich zurückzunehmen". Die Liquiditätssituation bei Babcock sei nicht angespannt. In einem zweiten Schreiben kontert er, "dass innerhalb Ihres Hauses immer noch Planungsschwächen und Unsicherheiten bestehen" - HDW verliert in diesem Sommer 200 Millionen Euro durch Verzögerungen beim Bau von Fähren.

28.9.2000: Lederer feuert die drei HDW-Vorstände Rathjens, Roger Sprimont und Hans-Artur Wilke. Begründung: die hohen Verluste im Schiffbaugeschäft. Klaus Lederer persönlich übernimmt den Vorstandsvorsitz.

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