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04.03.2013

12:35 Uhr

„Abzocker“-Initiative

„Wer die Schweiz nachahmen will, macht Wahlkampf“

VonMartin Dowideit

Mit großer Mehrheit hat die Schweiz strenge Vorgaben für Manager-Gehälter beschlossen. Im Interview kritisiert Vergütungsexperte Kramarsch den Schlachtruf nach Nachahmung in Deutschland – und kritisiert Banker-Boni.

Vergütungsexperte Michael H. Kramarsch. PR

Vergütungsexperte Michael H. Kramarsch.

Hostettler, Kramarsch & Partner ist eine der führenden Vergütungsberatungen. Zuletzt hat die Firma unter anderem den Reisekonzern Tui bei der Neugestaltung der Aufsichtsratstantieme unterstützt.

Herr Kramarsch, haben Sie am Sonntag eine Sektflasche geleert?

Nein, das habe ich nicht.

Aber die Schweizer haben am Wochenende für eine Revolution der Vorstandsvergütung gesorgt. Da steigt der Beratungsbedarf – und das ist ihr Geschäft.

Eine gewisse Stimulanz für unser Geschäft wird das bedeuten, da gebe ich Ihnen Recht.

Was halten Sie dann davon, dass künftig in der Schweiz die Aktionäre über die Gesamtvergütung des Vorstands und Verwaltungsrats entscheiden sollen?

Durch die „Abzocker“-Initiative ist der Eindruck entstanden, dass die Schweiz ein Hort guter Unternehmensführung ist. Dem ist nicht so. Sie hinkt anderen Ländern weit hinterher – auch bei Aktionärsrechten. Jetzt wird erstmals daran etwas geändert und zwar abgesichert durch eine breite Mehrheit in der Bevölkerung. Bei Vorstandsgehältern holt die Schweiz auf, sie überholt nicht.

Gehälter ausgewählter Dax-Chefs 2012

Infineon - Reinhard Ploss / Peter Bauer

Zum Ende des Infineon-Geschäftsjahrs (30. September 2012) wechselte auch der Vorstandschef. Reinhard Ploss übernahm von Peter Bauer den Posten.

Bauer hatte 2011/12 insgesamt 2,9 Millionen Euro verdient und damit etwas deutlich weniger als 2011 (3,7 Millionen Euro).

Kurt Bock - BASF

Der Chef des Chemiekonzerns, Kurt Bock, verdiente mit 5,29 Millionen Euro im Jahr 2012 nahezu unverändert im Vergleich zum Vorjahr. Er hatte sein Amt im Mai 2011 angetreten.

Marijn Dekkers - Bayer

Marijn Dekkers, Niederländer an der Spitze des Chemie- und Pharmakonzerns Bayer, hat im Jahr 2012 insgesamt 5,06 Millionen Euro verdient, nach 4,49 Millionen Euro im Vorjahr.

Stefan Heidenreich - Beiersdorf

Ende April hatte Stefan Heidenreich beim Kosmetikkonzern Beiersdorf das Amt des Vorstandschefs übernommen. Im Jahr 2012 verdiente er 2,6 Millionen Euro.

Herbert Hainer - Adidas

Das Adidas-Ergebnis fiel 2012 vor allem wegen eines schwachen Geschäfts der Marke Reebok nicht so rosig aus. Adidas-Chef Herbert Hainer verdiente 2012 insgesamt 4,18 Millionen Euro und damit 28 Prozent weniger als 2011 (5,14 Millionen Euro).

Heinrich Hiesinger - Thyssen-Krupp

Bei Thyssen-Krupp kämpft Vorstandschef Heinrich Hiesinger mit der Aufarbeitung diverser Skandale und Fehlinvestitionen. Im Geschäftsjahr 2011/2012 (bis 30. September) verdiente er 3,85 Millionen Euro.

Karl-Ludwig Kley - Merck

Der Vorstandschef des Pharmakonzern verdiente 2012 insgesamt 5,52 Millionen Euro und damit fast ein Drittel mehr als 2011 (4,2 Millionen Euro).

Peter Löscher - Siemens

Der Österreicher verdiente im Geschäftsjahr 2011/2012 insgesamt 7,87 Millionen Euro, im Jahr zuvor waren es 8,74 Millionen Euro.

René Obermann - Deutsche Telekom

Ende 2013 gibt René Obermann sein Amt an den jetzigen Finanzvorstand Timotheus Höttges weiter. Obermann verdiente 2012 insgesamt 3,78 Millionen Euro und damit nahezu unverändert so viel wie 2011 (3,85 Millionen Euro).

Wolfgang Reitzle - Linde

Der Linde-Chef hat gesagt, kein Interesse an einer Vertragsverlängerung zu haben. Im Jahr 2012 verdiente er bei dem Industriegase-Spezialisten 6,9 Millionen Euro, fast genau so viel wie ein Jahr zuvor.

Kasper Rorsted - Henkel

Der dänische Chef des Konsumgüter- und Klebstoffkonzerns Henkel, Kasper Rorsted, hat im Jahr 2012 insgesamt 6,18 Millionen Euro verdient, ein sattes Plus von fast 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr (4,79 Millionen Euro).

Peter Terium – RWE

Zur Jahresmitte 2012 hatte Peter Terium den Spitzenposten beim Energiekonzern RWE angetreten. Er verdiente im Jahr 3,8 Millionen Euro, ein sinnvoller Vergleich zum Vorjahr ist nicht möglich.

Martin Winterkorn - Volkswagen

Der VW-Chef erhält rund 14,5 Millionen Euro für das abgelaufene Jahr (2012) und damit 5,5 Millionen weniger, als ihm nach den zuletzt gültigen Kriterien zugestanden hätten.

Damit will VW verhindern, erneut ins Zentrum einer Diskussion um hohe Managementbezüge zu geraten wie 2011, als Winterkorn mehr als 17 Millionen Euro verdiente.

Dieter Zetsche - Daimler

Der Daimler-Vorstandschef hat im vergangenen Jahr inklusive Aktienoptionen 8,15 Millionen Euro verdient. Das war etwas weniger als 2011 (8,65 Millionen Euro).

Quelle

Geschäftsberichte / Hostettler, Kramarsch & Partner

Wie meinen Sie das?

In der Diskussion ist untergangenen, dass es in Deutschland und der Schweiz völlig unterschiedliche Herangehensweisen gibt. In Deutschland wird über die Vergütung des – per Gesetz unabhängigen – Aufsichtsrats von der Hauptversammlung entschieden. In der Schweiz ist das anders. Der Verwaltungsrat konstituiert sich selbst und entscheidet über seine eigene Vergütung. Die Transparenz und die Aktionärsmitsprache zu stärken, kann nur gut sein.

Umfrage: Mehrheit der Deutschen will feste Grenze für Managergehälter

Umfrage

exklusivMehrheit der Deutschen will feste Grenze für Managergehälter

Die Schweizer stimmen am Wochenende über eine Obergrenze für Managergehälter ab. Auch die Mehrheit der Deutschen würde sich eine ähnliche Regelung wünschen, zeigt eine exklusive Umfrage.

Hat Ex-Novartis-Verwaltungsratschef Daniel Vasella mit der 58 Millionen Euro Abfindung, auf die er schließlich verzichtete, einen Bärendienst erwiesen?

Es gibt immer Einzelfälle, an denen sich regulatorische Entwicklungen fest machen lassen. Sicherlich hat sein Auflösungsvertrage, der in Deutschland übrigens gesetzlich nicht möglich gewesen wäre, die Initiative befeuert.

Kommentare (17)

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VertreterVertreter

04.03.2013, 12:45 Uhr

Der Aufstand der "Vertreter" ist da. Die Vertreter fürchten um Ihren Einfluss, Macht und Posten, weil sie genau wissen, dass das Original es besser kann. Also Aufpassen liebe (Volks-) und (Aktionärs-) Vertreter das Volk oder die Aktionäre wollen sie verüberflüssigen. Weder Aktionäre noch Volk brauchen Vertreter, die sich in Lobbyverbänden, Schutzvereinigungen mit seriösen Bezeichnungen verstecken. Das gekungel und Lobbyistenspiel neigt sich dem Ende entgegen.

ffranz

04.03.2013, 12:46 Uhr

Der "Vergütungsexperte" hat wie der Großteil der deutschen Öffentlichkeit weder unser Wirtschaftssystem noch die Entscheidung der Schweizer verstanden. Tatsächlich aber wollen die Schweizer doch nur ein gesundes Element des Kapitalismus zurück, das der Revolution der Manager (Burnham) zum Opfer gefallen ist: nämlich das Verfügungsrecht der Eigentümer. Deshalb fordern sie auch eben nicht eine Deckelung wie es die deutschen Politiker tun, die wieder nur Staatseingriffe im Auge haben, sondern das Bestimmungsrecht der Aktionäre, die über die Gehälter ihrer Angestellten bestimmen sollen. Damit wird vor allem die schleichende Enteignung der Aktionäre durch piratische Vorstände gebremst, aber kein Sozialneid ausgelebt. Gut so.

vandale

04.03.2013, 12:47 Uhr

Linke Leser und Journalisten jubeln wegen der angenommenen Volksabstimmung zur Minder Initiative, dass in der Schweiz die Revolution ausgebrochen ist.

Mit der Abzockerinitiative wird geregelt, dass die Gehälter des Vorstandes künftig auf der Hauptversammlung von den Aktionären beschlossen werden. Goldene Fallschirme werden untersagt.

Damit geht Macht vom Verwaltungsrat an die Eigentümer über.

Die Revlution wird in der Schweiz noch ein wenig warten müssen.

Vandale

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