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24.12.2013

15:59 Uhr

Achtsamkeit und Schweigen

Stille Nacht

VonCarina Kontio

Meditieren und Entstressen im Schweigeseminar: Funktioniert das? In den eigenen Körper hineinhorchen, entspannen und Selbstheilungskräfte aktivieren: Wie geht das? Das Protokoll eines Selbstversuchs.

Eine angenehme und aufrechte Körperhaltung ist die Grundlage der Sitzmeditation.

Eine angenehme und aufrechte Körperhaltung ist die Grundlage der Sitzmeditation.

KölnEines ist klar: Man muss das Unbehagen tolerieren, wenn man in unruhigen Zeiten die Stille sucht und den Blick nach innen richtet, statt immer nur mobil, flexibel und überall erreichbar zu sein. Denn wer sich drei Tage lang mit sich selbst beschäftigt und dabei endlich mal runter von der hohen Drehzahl kommt, kennt ziemlich schnell alle Leichen in seinem Keller mit Vornamen.

Eine ganz hässliche Leiche in mir heißt Dauerstress und ich glaube er hat sich in mir auf dieselbe Art und Weise breit gemacht, wie das mit Übergewicht ist. Da merkt man auch nicht so genau, wann und wie das Unheil eigentlich anfängt.

Natürlich bin ich kein Einzelfall, Millionen Menschen fühlen sich ruhelos und ausgebrannt. Ein Zustand, der zur Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts zu werden droht. Verwundert das noch? Wohl kaum. Nie zuvor hat der Stress unser Leben so beherrscht, wurden Leistungs- und Produktivitätspegel in unserer westlichen Industriegesellschaft so hoch geschraubt. Klar, dass das nicht folgenlos bleibt. Um nur einen Beleg zu nennen: Die Zahl der Krankschreibungen wegen eines Burn-Outs, die pathologische Mutation von Stress, stieg in Deutschland nach Angaben der Bundespsychotherapeutenkammer zwischen 2004 und 2012 um 700 Prozent.

So unterschiedlich reagieren wir auf Stress

Gene

Stressforscher schätzen, dass Stressanfälligkeit zu 30 Prozent genetisch bedingt ist.

(Quelle: Lothar Seiwert, Zeit ist Leben, Leben ist Zeit)

Mutter

Frauen, die während der Schwangerschaft hohe Cortisolwerte aufweisen, bekommen stressanfälligere Babys.

Kindliche Erfahrungen

Traumatische Erlebnisse in den ersten sieben Lebensjahren, der Zeit der Entwicklung der Identität, können lebenslänglich stressanfälliger machen.

Persönlichkeit

Erfolgsorientierte, ehrgeizige, sehr engagierte, ungeduldige und unruhige Menschen sind besonders stressanfällig.

Charakter

Feindseligkeit, Zynismus, Wut, Reizbarkeit und Misstrauen erhöhen das Infarktrisiko um 250 Prozent. Humor hingegen zieht dem Stress den Stachel. Eine Studie an 300 Harvard-Absolventen zeigte: Menschen mit ausgeprägtem Sinn für Humor bewältigen Stress besser.

Selbstbestimmung

Der wichtigste Faktor, der über Stressanfälligkeit bestimmt, ist die Kontrolle über das eigene Tun. Je mehr man den Entscheidungen anderer ausgeliefert ist, desto höher das Infarktrisiko.

Wertschätzung

Wer für seine Arbeit Anerkennung in Form von Lob oder einem angemessenen Gehalt bekommt, verfügt über eine bessere Stressresistenz.

Status

Wer eine gute Stellung in der Gesellschaft hat, verfügt auch über einen Panzer gegen Stress. Das ist auch bei Pavianen zu beobachten: Gerät das Leittier durch einen Konkurrenten in eine Stresssituation, schnellt der Cortisolspiegel hoch, normalisiert sich aber rasch wieder. Bei den Rangniedrigeren ist der Cortisolspiegel ständig erhöht.

Glaube

Einer der stärksten Stresskiller ist das Gebet. Studien belegen: Der Glaube an eine höhere Macht, die das Schicksal zum Guten wenden wird, beugt vielen Krankheiten vor.

Wir sind ausgebrannt, erschöpft und gleichzeitig hochmotiviert, unsere eigenen Bedürfnisse zu ignorieren. Es gibt ja schließlich immer noch den nächsten Urlaub, den nächsten freien Tag, das nächste freie Wochenende, das Entschleunigung und Erholung verspricht.

Das ganze Jahr über habe ich ununterbrochen geackert, manchmal zwölf Stunden am Tag. Dann war ich reif für die Insel. Statt einen Kurztrip nach Stockholm oder Helsinki zu buchen, beziehe ich Ende Oktober ein kleines Gästezimmer im Kölner Osho Uta-Institut, einem der größten Zentren für Meditation und spirituelle Therapie in Europa.

Das Programm an diesem Wochenende: drei Tage schweigen und meditieren. Aber nicht irgendwo in einem abgelegenen Eifel-Kloster am Waldrand, sondern mitten in der Großstadt, im Herzen einer Metropole. Hier steige ich aus und versuche zur Ruhe kommen. Das heißt: 72 Stunden ohne Handy, ohne Laptop, ohne Konsum, ohne Fernsehen und ohne Musik. Halte ich das aus?

Immerhin: Der von mir gebuchte Kurs „Achtsamkeit in Stille und Bewegung“ (Kursgebühr 125 Euro) ist lockerer, als so manch andres, was auf dem Markt des Meditativen inzwischen angeboten wird. Stille Phasen während der einzelnen Übungen sollen helfen, uns auf den Augenblick zu konzentrieren. In den Pausen können wir aber offiziell miteinander sprechen, unsere Handys benutzen, uns ins Café nebenan setzen und wer will fährt über Nacht wieder nach Hause.

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