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07.01.2009

07:02 Uhr

Adolf Merckle hat ein Firmenimperium aufgebaut. Foto: dpa Quelle: dpa

Adolf Merckle hat ein Firmenimperium aufgebaut. Foto: dpa

STUTTGART/FRANKFURT. Montag den 5. Januar 2009. Es beginnt auf der Schwäbischen Alb zu schneien und hört an diesem Tag nicht mehr auf. Alles verschwindet unter einer weißen Schneedecke. Es ist bitterkalt, mehrere Grad unter Null. Irgendwann am Nachmittag verläßt Adolf Merckle sein Haus oberhalb von Blaubeuren und kommt nicht mehr zurück. Kurze Zeit später wirft er sich nahe seines Heimatortes vor einen Zug. Es ist das tragische Ende eines hochdekorierten Unternehmers, dessen Reich in eine dramatische Schieflage geraden ist.

Erste Meldungen kommen gestern Nachmittag von den Nachrichtenagenturen. Dann folgt die Bestätigung von der Familie. „Adolf Merckle ist tot. Er hat für seine Familie und seine Firmen gelebt und gearbeitet.“ Eine Erklärung wird kurz und knapp mitgeliefert: „Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen, und er hat sein Leben beendet.“ Auch die Behörden schließen Fremdverschulden aus.

Der 74-Jährige zählte zu den reichsten Deutschen. Ihm und seiner Familie gehörten unter anderem der Generikahersteller Ratiopharm, der Pharmahändler Phoenix und der größte deutsche Baustoffkonzern Heidelberg Cement. Aus kleinen Anfängen hat er ein Milliardenschweres Imperium geschaffen mit insgesamt 100 000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von zuletzt 35 Milliarden Euro, zu dem auch Maschinenbaufirmen, Skilifte und dem Pistenraupenhersteller Kässbohrer gehören. Auch gehörte Merckle zu den größten Waldbesitzern in Deutschland.

Von vielen wenig beachtet und im Stillen ist die Merckle-Gruppe jahrelang stetig gewachsen. Es sei besser, „andere reden und repräsentieren zu lassen, um selbst in Ruhe zu arbeiten“, umschrieb der Macher seine Devise. Das Ergebnis ist ein verschachteltes und undurchsichtiges Konglomerat. Aber zumindest erschien es trotz gewiefter Steuersparmodelle insgesamt grundsolide. Noch vor einem halben Jahr schätzte das US-Magazin „Forbes“ das Vermögen der Unternehmerfamilie auf mehr als neun Milliarden Euro.

Doch in den vergangenen Wochen erschüttert ein Beben Merckles Reich. Die Fundamente wackeln gewaltig. Merckle hat sich mit seinem Engagement bei Deutschlands größtem Baustoffkonzern Heidelberg Cement und gewagten Spekulationsgeschäften mit der VW-Aktie verhoben. Der Mann, der sich gerne als bodenständiger und bescheidener Kaufmann sah, steht plötzlich da wie ein Zocker. Der schwäbische Vorzeigeunternehmer mit den guten alten Wertvorstellungen sieht aus wie einer, der sein Lebenswerk leichtsinnig aufs Spiel setzt. Und das nicht nur in der Presse. Auch Unternehmerkollegen können zuletzt nicht mehr nachvollziehen, warum Merckle in seinem hohen Alter immer mehr will. Der Patriarch, der seine Mitarbeiter mit dem Satz „Geld ist immer genug da“ zu neuen Ideen anspornte, braucht plötzlich Kapital. Von mehren 100 Millionen Euro ist die Rede, um die Gläubiger seiner wichtigsten Holdinggesellschaft, der VEW Vermögensverwaltung, zu beruhigen. Der Wert seiner Aktienpakete, die er den Banken als Sicherheit gegeben hat, ist mit der Finanzkrise in den Keller gerauscht. Banken werden nervös.

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