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12.02.2016

17:24 Uhr

Aktionärinnen für Chancengleichheit

Wenn Frauen unbequeme Fragen stellen

VonCorinna Nohn

Trotz aller Quoten haben es Frauen in Chefetagen immer noch schwer. Top-Juristinnen aus ganz Europa haben sich nun zusammengetan, um daran etwas zu ändern. Auf den Hauptversammlungen legen sie den Finger in die Wunde.

Die Aktivistinnen fordern mehr Chancengleichheit in Europas Konzernen. Michael Chia

„Gender Balanced Leadership“

Die Aktivistinnen fordern mehr Chancengleichheit in Europas Konzernen.

BrüsselVielleicht sind es tatsächlich solche Kleinigkeiten, an denen es scheitert, dass Frauen ähnlich oft Karriere machen wie Männer. Zum Beispiel die Geschichte der kleinen Vera: Ihre Mutter hat ihr ein Wollknäuel und Stricknadeln in die Hand gedrückt, sie hadert mit den Maschen. Da kommt ihr Vater ins Zimmer, reißt ihr die Nadeln aus der Hand und ruft: „Oh nein, du musst was Richtiges lernen!“

Aus dem kleinen Mädchen ist die EU-Justizkommissarin Vera Jourova geworden. Mit dieser Anekdote hat die Tschechin die Lacher auf ihrer Seite. Und wohl nicht wenige der gut 160 Frauen – ein paar Männer sind auch dabei – im Saal fragen sich insgeheim, ob auch sie jemand schon in ihrer Kindheit in die richtige Richtung geschubst hat.

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Investoren kritisieren die Ämterhäufung mancher Aufsichtsräte. Nicht nur Nicola Leibinger-Kammüller könnte deshalb das Gremium der Lufthansa verlassen. Doch Ersatz ist schwer zu finden. Warum eigentlich?

Aber die meisten sind sich sicher: Die Strickliesel ist nicht das Problem – und das Ingenieursstudium nicht die Lösung. Schließlich haben auch die meisten Männer, die europäische Autohersteller oder Baukonzerne leiten, einst Jura oder Wirtschaftswissenschaften studiert. Und darum geht es an diesem Nachmittag in Brüssel: um die Frage, warum nach wie vor so wenige Chefsessel in Europa von Frauen besetzt sind.

Die Frauen, denen Vera Jourova von ihrer Kindheit erzählt und denen sie in ihrer Funktion als Gleichstellungskommissarin Unterstützung verspricht, sind Juristinnen, Managerinnen und Unternehmerinnen: „Women Shareholders Demand Gender Equality“ – „Aktionärinnen fordern Gleichberechtigung“. Seit 2009 tritt dieses Bündnis unter Führung von Ramona Pisal, Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes, auf den Hauptversammlungen großer Unternehmen in Deutschland auf. Anfangs von Konzernpatriarchen wie Gerhard Cromme belächelt, sind Pisal und ihre Mitstreiterinnen in den Personaletagen der Dax-Konzerne längst respektierte Gesprächspartnerinnen.

Warum Frauen im Hamsterrad und Männer im Vorstand landen

Zehn Thesen

10 wesentliche Thesen von Brigitte Witzer aus ihrem Buche „Die Fleißlüge - Warum Frauen im Hamsterrad landen und Männer im Vorstand“. Hat man schon jemals von einem fleißigen Mann auf einer Top-Position gehört? Kein Wunder also, dass Frauen in ihren traditionellen Rollen als „Prinzessin“ und „Superbiene“ grandios scheitern, weil sie genau darauf bauen: Fleiß. Los geht's mit These 1.

These 1: Tugend-Irrtum

Frauen wollen mit genau den gleichen Tugenden im Beruf erfolgreich sein wie schon ihre Mütter und Großmütter in Haus und Hof. Doch das Berufsleben ist ein Spiel mit eigenen Regeln, die oft genug unbekannt und nicht thematisiert sind.

These 2: Was zählt ist Fleiß und Schönheit

Die traditionelle Frauenrolle kann nur mit Fleiß oder Schönheit erfolgreich gelebt werden. Beides lässt sich gut messen und gut zeigen.

These 3: Frauen bleiben stecken

Fleiß führt zügig zu Top-Abschlüssen und oft sehr schnell ins mittlere Management bis an die „Gläserne Decke“. Aber auch weiter?

These 4: Auch Männer kennen Glasdecke

Die Sicht der anderen Seite: Männer holen sich in der Elternzeit blaue Flecken an der gleichen „Gläsernen Decke“: „Kann der das?“

These 5: Kein Arbeiten auf Augenhöhe

Fatal genug: Die „Gläserne Decke“ ist keine Erfindung der Arbeitswelt. Sie sichert viel mehr gegenseitige Abhängigkeiten und verhindert Augenhöhe zwischen Männern
und Frauen in allen Lebensbereichen.

These 6: Macht gewinnt über Inhalte

In der Wirtschaft gewinnt Strategie bzw. Macht ausnahmslos über Inhalte – Frauen kümmern sich eher um Inhalte, Männer um Strategie und Macht.

These 7: Frauen rächen sich mit...

Die Folge: Männer wechseln leicht ihre Strategien und tauschen Inhalte aus – und mit ihnen die fleißigen Frauen, die diese liefern. Inhaltsgetriebene Frauen rächen
sich mit der Abwertung strategischer Manager.

These 8: Für Männer reicht das Potential

Privat wie öffentlich gilt: Frauen müssen hier und jetzt gut sein – Prinzessinnengleich -, für Prinzen reicht das Potential.

These 9: Das Spiel der Königin

Frauen als „Prinzessinnen“ und „Superbienen“ üben neue Möglichkeiten als Heldin und gewinnen Augenhöhe als Königin. Erst in dieser Rolle begreifen sie das Gute am
Macht-Spiel: Einflussnahme, Strategie, Politik – mit persönlicher Überzeugung, aber sicher nicht mit Fleiß.

These 10: Der Weg zur eigenen Identität

Die Welt von Morgen ist auf diese Handlungsqualität angewiesen. Sie sollte gemeinsam von Männern und von Frauen gestaltet werden, die Hierarchie hinter sich lassen
und zur eigenen Identität finden.

Im vergangenen Jahr haben die Aktionärinnen das Projekt, gefördert von Bund und EU, auf die europäische Ebene ausgeweitet. Nun ging um die Chancengleichheit in jenen Konzernen, die dem EuroStoxx50 angehören.

Die Methode ist in Deutschland bereits erprobt; der Effekt könnte mit Blick auf die eingesetzten Mittel kaum größer sein. Die Frauen nutzen den Umstand, dass jeder Aktionär eines Unternehmens Rederecht auf der Hauptversammlung hat. Also kaufen sie einen Anteilsschein, melden sich an, stellen Fragen. Sachlich, aber bestimmt: Wie hoch ist der Frauenanteil in der Belegschaft? In Führungspositionen? Wie verändert er sich? Was tut das Management, um Vielfalt zu fördern?

Beim Abschlusstreffen des Projekts in Brüssel haben die Aktionärinnen, von denen viele auch der europäischen Frauen-Anwalts-Organisation EWLA angehören, nun Bilanz gezogen. Es gab so manches Aha-Erlebnis: Denn auch wer Chancengleichheit einfordern, ist ja nicht unbedingt frei von Vorurteilen.

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Wer in Deutschland würde zum Beispiel spontan Spanien als Vorreiter in Sachen Gleichstellung einsortieren? Dabei hat das Land schon seit 2007 eine Frauenquote von 40 Prozent für Aufsichtsräte. „Unsere Gesetze sind wunderbar, viel besser als in Deutschland“, sagt auch die Juristin Katharina Miller, die einst im Referendariat nach Spanien ging, dann dort heiratete und mittlerweile eine auf Compliance spezialisierte Kanzlei in Madrid betreibt. „Leider“, bedauert sie, „fehlen die Sanktionen.“

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