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16.04.2013

11:52 Uhr

Amnestie

Thyssen-Krupp will korrupte Mitarbeiter straffrei stellen

Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger möchte einen Schlussstrich unter den Korruptionsskandal ziehen. Zeugen, die innerhalb der nächsten zwei Monate Korruptionsfälle offenlegen, müssen keine Konsequenzen befürchten.

Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger will Korruptionsfälle im eigenen Unternehmen aufklären. dpa

Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger will Korruptionsfälle im eigenen Unternehmen aufklären.

EssenNach der Aufdeckung einer ganzen Serie von Kartellfällen führt der Essener Thyssen-Krupp-Konzern ein Amnestieprogramm ein. Mitarbeiter, die Kartell- oder Korruptionsfälle „freiwillig, wahrheitsgemäß und umfassend offenbarten“, sollen von der zeitlich begrenzten Regelung profitieren, teilte das Unternehmen am Dienstag in Essen mit. Die Betroffenen müssten dann auch nicht mit Schadenersatzansprüchen oder dem möglichen Verlust ihres Arbeitsplatzes rechnen, hieß es. Strafrechtliche Vorwürfe seien davon jedoch ausgenommen.

Das Programm sei zeitlich auf noch nicht verjährte Verstöße begrenzt und gelte nicht für Vorstände und Bereichsvorstände, hieß es. Verstöße können im Rahmen des mit sofortiger Wirkung gestarteten Programms bis zum 15. Juni gemeldet werden, sagte ein Sprecher. Bei der Initiative gehe es darum, eine Zäsur zu machen und einen Selbstreinigungsprozess anzustoßen. „Wir können nicht immer nur zurückblicken“, so der Sprecher.

Durch die in der Vergangenheit bekanntgewordenen Verstöße sei ein „gewaltiger“ Imageschaden entstanden, beklagte das Unternehmen. Trotz erheblicher Anstrengungen seien in letzter Zeit wiederholt schwere Verstöße gegen die gute Unternehmensführung (Compliance) festgestellt worden. Neben der Amnestie wolle das Unternehmen sich auch externe Verstärkung durch eine Rechtsanwaltskanzlei und die Etablierung eines Ombudsmanns holen.

Vorstandschef Heinrich Hiesinger hatte in der Vergangenheit bereits ein hartes Vorgehen gegen derartige Verstöße angekündigt. Bei Thyssen-Krupp gelte das Prinzip 'Null Toleranz', hatte Hiesinger zuletzt Ende Februar betont. „Wir sind dabei, einen umfassenden Wandel der Führungskultur bei Thyssen-Krupp umzusetzen“, so Hiesinger damals. Wer nicht mitziehe, habe bei Thyssen-Krupp nichts zu suchen.

Nach einer ganzen Serie von Kartellverfahren ermittelt das Bundeskartellamt derzeit gegen Thyssen-Krupp und andere Stahlhersteller wegen des Verdachts der Bildung eines Kartells beim Verkauf von Autoblechen. Sollte sich der Verdacht erhärten, drohen den Beteiligten hohe Schadenersatzforderungen. Bereits in der Vergangenheit war Thyssen-Krupp in zahlreiche Kartelle verstrickt - nach unerlaubten Absprachen bei Rolltreppen hatte zuletzt ein Schienenkartell für Aufsehen gesorgt.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Mitte Juni 2012 hatte das Bundeskartellamt gegen die Schienenhersteller Bußgelder in Höhe von 124 Millionen Euro verhängt. In den Jahren 2001 bis 2011 hatten die Unternehmen illegal Quoten und Preise für Schienenlieferungen an die Deutsche Bahn abgesprochen. Voestalpine, ebenfalls Mitglied des Kartells, brachte den Fall als Kronzeuge ins Rollen und kam deshalb beim Kartellamt mit einer glimpflichen Strafe davon. Der Löwenanteil des Bußgeldes entfiel auf Thyssen-Krupp mit gut 100 Millionen Euro. Zusätzlich drohen hohe Schadenersatzansprüche.

Von

dpa

Kommentare (5)

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observer

16.04.2013, 12:01 Uhr

Was Verzeihen bringt

Die Fähigkeit, verzeihen zu können hingegen ermöglicht es, dass die Wunden heilen können. Es geht darum, endlich loszulassen und uns somit von dem, was uns angetan wurde, zu befreien. Das bringt Erleichterung für die Seele und auch für den Körper, der ebenfalls unter dem Dauerschmerz leidet (und auch konkrete Symptome ausbilden kann).

“Die empfangene Ungerechtigkeit zu verzeihen,
bedeutet sich selbst die Wunde seines Herzen heilen.”

Vinzenz von Paul
Siehe auch

Eigenverantwortung übernehmen!

Verzeihen ist ein Akt der aktiven Lebensgestaltung, denn wir übernehmen damit Eigenverantwortung. Wer verzeiht, lässt nicht zu, dass andere Menschen oder Ereignisse das eigene Leben dauerhaft beeinflussen können. Wer vergeben kann, öffnet sich für Neues.

(*) Zeit zu leben

Account gelöscht!

16.04.2013, 13:10 Uhr

Hahahahaha, das müssen Sie ja zwangsläufig, da sonst keine leitenden Angestellten übrig bleiben!

Andy

16.04.2013, 14:18 Uhr

Nach dieser klaren Ansage von Herrn Hiesinger darf man nun wirklich gespannt sein, wie die Mitarbeiter von ThyssenKrupp reagieren?!

Sollten die Mitarbeiter aus tatsächlich allen Bereichen auspacken, wird ThyssenKrupp in den nächsten Jahren eine
Menge aufzuarbeiten haben!

Sollte Herr Hiesinger diese Angelegenheiten darüber hinaus der Staatsanwaltschaft sowie den Kartellbehörden
mitteilen, wird sich die europäische Stahllandschaft in
den nächsten Jahren wohl komplett verändern.

Man darf gespannt sein!

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