Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.03.2014

06:50 Uhr

Amprion

Netzbetreiber vermisst Rückhalt der Politik

ExklusivAmprion plant in Bayern eine 450 Kilometer lange Stromtrasse. Dem Netzbetreiber schlägt viel Misstrauen entgegen. Amprion-Chef Brick beklagt sich über mangelnde Unterstützung – und wundert sich über Horst Seehofer.

Hochspannungsmasten im Sonnenuntergang: In Bayern hat sich heftiger Widerstand gegen eine neue Stromtrasse formiert, obwohl das Projekt noch in einem frühen Planungsstadium ist. dapd

Hochspannungsmasten im Sonnenuntergang: In Bayern hat sich heftiger Widerstand gegen eine neue Stromtrasse formiert, obwohl das Projekt noch in einem frühen Planungsstadium ist.

DüsseldorfDie Proteste gegen den Bau neuer Stromtrassen gefährden nach Einschätzung des zuständigen Netzbetreibers Amprion den Zeitplan für die Energiewende. „Finanziell bekommen wir das hin. Und auch technisch ist das machbar. Die größte Herausforderung ist aber der Zeitdruck und die Akzeptanz in der Bevölkerung“, sagte Geschäftsführer Hans-Jürgen Brick im Gespräch mit dem Handelsblatt (Dienstagausgabe).

„Das Werben um Akzeptanz für große Infrastrukturprojekte wird zu einer immer größeren Herausforderung. Ich gehe davon aus, dass es bei allen großen Netzausbauprojekten einen hohen Diskussionsbedarf vor Ort geben wird.“ Dabei sei die Situation im Stromnetz „schon jetzt kritisch“.

Amprion plant in Bayern eine neue Höchstspannungsleitung, die Gleichstrompassage Süd-Ost, mit einer Länge von 450 Kilometern. Die eine Milliarde Euro teure Leitung wurde gemeinsam mit der Bundesnetzagentur als eine der neuen Stromtrassen identifiziert, die zur Verteilung des Windstroms vom Norden und Osten in den verbrauchsstarken Süden benötigt wird.

Fragen und Antworten zu Gabriels Reformprojekt

Wer bezahlt bisher die Energiewende?

Bürger, Mittelstand und Industrie über den Strompreis. Haushalte trugen 2013 nach Zahlen des Branchenverbandes BDEW über die Ökostrom-Umlage 7,2 Milliarden Euro, die Industrie 6,1 Milliarden. 52 Prozent des Strompreises machen inzwischen Steuern, Abgaben und Umlagen aus. Mit der Ökostrom-Förderung soll das schrittweise Abschalten der verbliebenen acht Atomkraftwerke bis 2022 abgefedert werden. Und die bisher dominierende Kohleverstromung soll deutlich zurückgehen. Das Ziel der Energiewende: sauber, sicher, bezahlbar.


Woher kommt der schärfste Widerstand?

Aus Industrie, Ökostrom-Branche und den Ländern - letztere könnten die Reform des Erneuerbare-Energie-Gesetzes über Monate blockieren. Mit Blick auf die Deckelung des Wind-Ausbaus auf 2500 Megawatt im Jahr sagt Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD): „Das hat schon im Sozialismus nicht funktioniert.“ Windstrom an Land sei heute günstiger als so manches Gas- oder Kohlekraftwerk. Aber: Gabriel will den Ausbau nicht „staatlich“ ausbremsen, bei über 2500 MW gibt es jedoch automatisch weniger Fördergeld. Zudem wurde der Wert bisher fast nie erreicht. Der Rekord sind 2700 MW im Jahr 2003.

Wie könnte ein Kompromiss aussehen?

Der Kieler Energieminister Robert Habeck (Grüne) betont, Gabriel unterschlage, dass viele alte durch leistungsstärkere Anlagen ersetzt werden sollen. Wenn dies auf die 2500 MW angerechnet wird, „gibt es ab 2017 kaum Platz für neue Windmühlen und ab 2020 gar keinen mehr.“ Nach dem Treffen Gabriels mit den Länder-Ministern am Donnerstag deutet sich an, dass solche Windräder („Repowering“) eventuell nicht voll angerechnet werden - der Ausbaudeckel würde faktisch angehoben.

Wie will Gabriel bei dem Proteststurm seine Reform durchziehen?

Die EU-Kommission pocht auf Einschnitte bei der Ökostrom-Förderung und den Industrie-Rabatten. Gabriel kann dies in den Verhandlungen mit Ländern und Lobbyisten als Druckmittel nutzen - frei nach dem Motto: Meine Reform ist moderat, wenn ihr nicht mitzieht, kommt die Keule aus Brüssel. Die Industrie braucht zudem bis August Klarheit, um Rabattanträge für 2015 zu stellen. Die Industrie muss fürchten, dass Brüssel ohne moderate Reform das ganze Rabattsystem kippt. Dann könnten in Aluhütten sofort die Lichter ausgehen. Das hilft Gabriel.

Viel Ärger gibt es auch um den „Energie-Soli“ – was ist das?

Unternehmen, die ihren Strom selbst erzeugen und verbrauchen, sollen eine Mindest-Umlage von einem Cent je Kilowattstunde (kWh) zahlen. So könnten mehrere hundert Millionen Euro eingenommen und Umlagekosten für die Bürger gedämpft werden. Unternehmen, die künftig Kraftwerke kaufen und den Strom selbst verbrauchen, sollen über 5 Cent „Soli“ zahlen. Denn je mehr das machen, desto höher die Strompreis-Umlage für den Rest. Die Autobauer wehren sich: Das wäre, als müsse jemand Mehrwertsteuer bezahlen, wenn er die Äpfel seines eigenen Baumes isst, so Matthias Wissmann, Chef des Verbands der Automobilindustrie.

Und wie reagiert Gabriel?

Er gibt sich bisher unbeirrt. So traf er sich hinter verschlossenen Türen im Eichensaal seines Ministeriums mit führenden deutschen Energiemanagern und Ökostrom-Lobbyisten. Er habe sich wenig kompromissbereit gezeigt, sagt ein Teilnehmer. Es tobe ein großer Verteilungskampf. So habe die Mindest-Umlage für Selbstverbraucher nicht nur den Zweck, die Strompreise zu dämpfen. „Sondern es geht auch darum, dass die Energieversorger durch immer mehr Eigenverbrauch Marktanteile verlieren.“ Der Verbraucherschützer Holger Krawinkel stellt zudem die Frage, wer kontrollieren soll, wie viel Strom selbst verbraucht wird. „Eine Strompolizei will ja eigentlich keiner.“

Können die Strompreise sinken durch die Reform?

„Ich werde niemandem sinkende Strompreise versprechen, aber wir können die Kostendynamik drastisch brechen“, sagt Gabriel. Laut einer Studie des Öko-Instituts für die Denkfabrik Agora Energiewende könnte ein Durchschnittshaushalt um rund 50 Euro bei der Ökostrom-Umlage entlastet werden, wenn die Industrie-Nachlässe begrenzt werden sowie die Eigenstromerzeugung mit dem „Soli“ belastet wird. Der weitere Ökostrom-Ausbau soll zudem weit billiger als bisher werden - aber: Dafür wird der milliardenschwere Netzausbau noch zu Buche schlagen.

Innerhalb eines Monats hat sich in der betroffenen Region in Nordbayern aber ein großer Widerstand organisiert. Unter Führung des oberfränkischen Pegnitz haben sich nun mehrere Kommunen und Kreise zusammengeschlossen, um die Trasse auf dem juristischen Weg aufzuhalten.

„Das hat uns selbst überrascht. Wir befinden uns noch in einem frühen Planungsstadium, noch vor einem Genehmigungsverfahren“, sagte Brick. Mehr als 3.000 Bürger seien zu Informationsveranstaltungen nach Kulmbach, Nürnberg und Donauwörth gekommen. „Die Situation war aber von Anfang an aufgeheizt. Unsere Mitarbeiter wurden heftig angegangen.“

Brick beklagt vor allem die mangelnde Unterstützung durch die Politik. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat den Sinn der kompletten Leitung in Frage gestellt und ein Moratorium ausgerufen. „Wir waren schon überrascht, wie stark sich die Landespolitik plötzlich distanziert hat“, sagte Brick, „natürlich macht es uns die Arbeit nicht leichter. Wie sollen wir mit den Bürgern konkret über unser Projekt diskutieren, wenn von der Politik selbst die Notwendigkeit der Leitungen in Frage gestellt wird?“ Es reiche nicht aus, dass Gesetze beschlossen werden, sie müssten den Bürgern auch vermittelt werden.

Das Dossier „Die Rückkehr des Wutbürgers“ inklusive des vollständigen Interviews mit Amprion-Chef Hans-Jürgen Brick finden Sie als Download in unserem Kaufhaus der Weltwirtschaft.

Kommentare (18)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

04.03.2014, 07:48 Uhr

"Die eine Milliarde Euro teure Leitung wurde gemeinsam mit der Bundesnetzagentur als eine der neuen Stromtrassen identifiziert, die zur Verteilung des Windstroms vom Norden und Osten in den verbrauchsstarken Süden benötigt wird. "

Das ist leider nicht ganz richtig, wird allerdings von Amprion gerne vorgelogen.

Die Trasse von Ost nach Süd soll nicht die Windkraft nach Bayern bringen sondern den Kohlekraftwerksstrom aus Sachsen-Anhalt.
Der Nord-Süd Link, der ebenfalls quer durch Bayern geht hat wesentlich weniger Widerstände; noch.
Die Kohlestromleitung aus dem Osten zerteilt eine der schönsten Landschaften Bayerns.
Ausserdem dürfte sich auch Sachsen-Anhalt bedanken, wenn dort wieder verstärkt auf die Klimakiller Braunkohlekraftwerk gesetzt wird.
Nein - DIESE Trasse ist überflüssig und wird nur gebaut um großen Stromlieferanten mehr Macht zu geben und uns davon abhängig zu machen. Wohin Abhängigkeit führt sieht man ja gerade in der Ukraine. Gerade wir in Franken brauchen diese Leitung nicht. Wir wollen auch nicht, dass unser Land zweimal von Megastrommasten zerteilt wird von denen wir eigentlich gar keinen Nutzen haben.
Die Proteste hier werden weitergehen. Nicht mehr so aus dem Ruder laufend wie bei den ersten Malen. Aber auf unsere beharrliche Art (wie wir Franken nun mal so sind) wird weitergekämpft.

Account gelöscht!

04.03.2014, 08:11 Uhr

Die Idee hinter dem EEG war es, die Stromversorgung vom Oligopol wieder auf die Schultern der Bürger zu stellen. Den Bürgern auch wirtschaftliche Beteiligungs-Möglichkeiten mit auskömmlichen Renditen zu verschaffen.

Was passiert denn statt dessen? Die großen Netzbetreiber sichern sich von Staat Garantie-Renditen, der Bürger wird hier gar nicht zugelassen. Er stört nämlich beim Verdienen!

Und nun die Wende von der Energiewende nach Gabriel. Das wird eine NRW-Politik-dominierte Veranstaltung. Wetten, dass der Bürger da nur die Lasten abbekommt!

Account gelöscht!

04.03.2014, 08:23 Uhr

Hr. Seehofer hat doch ganz Recht, wenn er sagt, dass man erst mal abwarten sollte, was für Folgen die EEG-Reform, die ja Gabriel bzw. die Bundesregierung zwingen vornehmen muss, welche weiter Entwicklung der Zwangssubventionszahlungen der Bürger über das EEG an die Abzockerinvestoren der sog. Erneuerbaren Energien nach sich zieht. Die Energiewende ist ja nicht Marktwirtschaftlich ausgerichtet, sondern basiert auf dem Diktat der Politik (Ethikrat) und somit bestimmt nicht der Markt über die Wirtschaftlichkeit, sondern die staatlichen Zwangssubventionsabgaben des EEG und die Ausnahmeregelungen der sog. Erneuerbaren Energien im deutschen/europäischen Energiesektor. Früher oder Später wird die Energiewende wie ein Kartenhaus zusammenfallen, weil die Subventionskosten für dieses EE-Abzockersystem nicht mehr vom Volk/Wirtschaft aufgebracht werden können. Wertschöpfungskette bei den sog. Erneuerbaren Energien = NULL bzw. Vernichtend! Dies hat hoffentlich auch die "DDR-Geprägte" Plansozialistin Angelika Merkel endlich mal gelernt!?
Marktwirtschaft und Wertschöpfungskette sind und bleiben der Kern einer freien und wohlstandsbringenden Gesellschaft!
Wer mit dem Diktat und einer staatlichen Planwirtschaft (Subventionen) diese Faktoren Marktwirtschaft/Wertschöpfungskette ausschließt, der betreibt Verrat an dieser freiheitlichen wohlstandsfördernden Markt-Bürgergesellschaft in Deutschland!
EEG und Energiewende abschaffen, weil diese der freien Marktwirtschaft und Wertschöpfungskette zum Wohl des deutschen Volk widersprechen!
Danke!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×