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06.03.2017

10:12 Uhr

Anton Schlecker vor Gericht

Auftritt eines Phantoms

Nach Jahren im Verborgenen steht Anton Schlecker wieder im Licht der Öffentlichkeit. In Stuttgart stehen der frühere Drogerie-König und seine Familie vor Gericht. Sein erster Auftritt am Montag sorgt für Überraschung.

Der ehemalige Drogerie-König und seine Familie müssen sich seit Montag wegen der Pleite seiner gleichnamigen Einzelhandelskette verantworten. dpa

Anton Schlecker vor Gericht

Der ehemalige Drogerie-König und seine Familie müssen sich seit Montag wegen der Pleite seiner gleichnamigen Einzelhandelskette verantworten.

Stuttgart/EhingenVon Schlecker ist in seiner Heimatstadt Ehingen nichts mehr zu sehen. Das weiße Logo auf blauem Grund des einstigen Drogerie-Imperiums ist überall getilgt. Und der Glaspalast, der einmal als Firmensitz diente, gehört längst zum Businesspark Ehingen Donau. „Es ist nichts mehr da“, hatte Schleckers Tochter Meike vor gut fünf Jahren zur Insolvenz des Unternehmens erklärt.

Auch Anton Schlecker hielt sich gut verborgen in seinem Anwesen hinter hohen Mauern, in dem er mit seiner Frau Christa wohnt. Im Ort sieht man sie nur selten, wenn überhaupt. Die jüngsten Bilder von Anton Schlecker stammten aus dem Jahr 1999. Mit umso mehr Spannung wurde sein Auftritt im Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht erwartet, der am Montag begonnen hat.

Stationen der Schlecker-Insolvenz

23. Januar 2012

Schlecker meldet Insolvenz an.

28. März 2012

Das Verfahren wird eröffnet. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz hofft noch auf die Rettung von Teilen der Drogeriekette.

27. Juni 2012

Es wird bekannt, dass Anton Schlecker sein Privathaus im Wert von zwei Millionen Euro vor der Insolvenz an seine Frau übertragen hat. Ein zweites Grundstück soll sein Sohn bekommen haben.

18. Juli 2012

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart leitet ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Untreue, Insolvenzverschleppung und Bankrott gegen Anton Schlecker ein.

19. Juli 2012

Die Schlecker-Gläubiger fordern mehr als eine Milliarde Euro.

30. November 2012

Der österreichische Investor Rudolf Haberleitner will 2013 bis zu 600 ehemalige Schlecker-Filialen mit dem Konzept eines modernen Tante-Emma-Ladens wiederbeleben.

19. März 2013

Gut ein Jahr nach der Pleite zahlt die Familie Schlecker dem Insolvenzverwalter 10,1 Millionen Euro. Hintergrund ist der Streit um übertragenes Vermögen aus dem Unternehmen.

9. April 2013

Haberleitner will einstige Schlecker-Filialen unter dem Namen Dayli wiederbeleben und Testläden in Deutschland eröffnen.

4. Juli 2013

Noch vor dem geplanten Deutschland-Start ist der Schlecker-Nachfolger Dayli pleite.

13. April 2016

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart erhebt Anklage gegen Anton Schlecker wegen vorsätzlichen Bankrotts.

Sommer 2016

Der Insolvenzverwalter reicht Klage gegen ehemalige Schlecker-Lieferanten ein. Sie sollen Schlecker wegen illegaler Preisabsprachen um viel Geld gebracht haben. Geiwitz will Schadenersatz in Millionenhöhe.

7. Dezember 2016

Es wird bekannt, dass das Landgericht die Anklage zulassen will. Der Schlecker-Prozess beginnt im März 2017.

Schlecker betrat im schwarzen Nadelstreifenanzug den Saal im Untergeschoss des Landgerichts, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Der einst für schreiend bunte Oberhemden bekannte Unternehmer trug diesmal einen schwarzen Rollkragenpullover. Schlecker und seine Angehörigen äußerte sich vor Prozessbeginn nicht. Sie gelangten durch einen Hintereingang in das Gerichtsgebäude. Im Laufe des ersten Prozesstages soll es aber eine Erklärung der Angeklagten geben.

Nicht nur die Anwesenheit Anton Schleckers und das dramatische Ausmaß der Pleite für die mehr als 25.000 Mitarbeiter sorgen für das große öffentliche Interesse an dem Fall. Die Insolvenz traf viele relativ alte Angestellte, die „Schlecker-Frauen“, schwer. Hinzu kommen pikante Details. Es geht laut Kennern der Anklageschrift um Luxusreisen für Schleckers Kinder im Wert von 60.000 Euro, 800.000-Euro-Geschenke für die Enkelkinder oder auch eine Wohnungsrenovierung für eine Million Euro.

Staatsanwalt Thomas Böttger warf dem 72-Jährigen vor dem Landgericht Stuttgart vor, er habe im Wissen um die drohende Pleite seines Unternehmens jahrelang Millionen auf die Logistik-Gesellschaft LDG umgeleitet, die seinen Kindern Lars und Meike gehörte. Das Geld habe später den Gläubigern gefehlt. Die Anklage umfasst betrügerischen Bankrott, Insolvenzverschleppung, Untreue und eine falsche eidesstattliche Versicherung. Lars und Meike Schlecker sowie ihre Mutter Christa sind unter anderem wegen Beihilfe zum Bankrott angeklagt.

Dass Firmenchefs vor einer Pleite versuchen, Vermögen auf die Seite zu schaffen, ist nicht ungewöhnlich. Häufig werden Ehefrauen oder andere Familienmitglieder bedacht. Besonders am Fall Schlecker ist, dass Anton Schlecker mit seinen Kindern Lars und Meike enge Geschäftsbeziehungen unterhielt und auch seine Frau in das Firmenimperium eingebunden war.

Im Januar 2012 hatte Schlecker Insolvenz angemeldet. Die einst größte deutsche Drogeriekette habe seit 2004 nur noch in einem Jahr (2006) operative Gewinne geschrieben, sagte Böttger. Spätestens 2009 habe Schlecker gewusst, dass seinem Unternehmen die Insolvenz drohte. Da habe es keine Aussicht mehr gegeben, mittelfristig in die Gewinnzone zurückzukehren. Schlecker, der für den Riesen-Konzern aus Ehingen bei Ulm als „eingetragener Kaufmann“ allein haftete, habe weder nennenswertes Vermögen gehabt, um die Dauer-Verluste auszugleichen, noch Aussicht auf Kredite. Trotzdem habe er überhöhte Preise für den Transport der Waren vom Zentrallager zu den Filialen an die LDG gezahlt, die formal nicht zum Konzern gehörte.

Auf Bankrott in einem schweren Fall, wie er Schlecker vorgeworfen wird, steht eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Das Landgericht Stuttgart hat bisher 26 Verhandlungstage angesetzt. Auch zwei Wirtschaftsprüfer, die falsche Bilanzen von Schlecker abgesegnet haben sollen, stehen vor Gericht.

Kommentare (10)

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Herr John Harris

06.03.2017, 11:39 Uhr

Schlecker hat sein gesamtes Unternehmen verloren; über Jahrzehnte war er Arbeitgeber für tausende Menschen.

Sein Fehler war, dass er immer an sein Unternehmen geglaubt hat und nicht frühzeitig Dividenden aus einer AG entnommen hat. Hätte er schon vor vielen Jahren die damaligen Gewinne aus einer AG entnommen, wäre Schlecker wahrscheinlich schon viele Jahre vorher pleite gewesen. Das Ganze ist nur passiert, weil Schlecker das Unternehmen selber aufgebaut und mit Herzblut dran geklebt hat,

Herr Lothar Bitschnau

06.03.2017, 12:12 Uhr

Wer muss vor Gericht erscheinen, wenn die Elbphilharmonie
den Steuerzahler rund das 10-fache kostet ?
Es gibt eine Ehrung durch den höchsten Besuch aus der Politik.

Herr Alessandro Grande

06.03.2017, 12:38 Uhr

PS: Ich ergänze: Vorsätzliche Veruntreuung von Steuergeldern und bewusste Auf-Das-Spiel-Setzung der Sicherheit in Deutschland. Dafür stünde lebenslang für die vermeintlich selbsternannte Nobelpreissiegerin!!!

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