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01.02.2016

15:16 Uhr

Anwälte und Big Data

Auch die Kanzlei wird digital

VonMartin Tofern

Früher waren Anwaltskanzleien ein Bollwerk gegen jede Veränderung. Doch eine aktuelle Studie zeigt, dass die Digitalisierung selbst den Juristen massive Umwälzungen beschert. Das beweist auch der VW-Skandal.

Auch die Kanzleien müssen sich den neuen Gegebenheiten anpassen. Imago

Anwälte und die Digitalisierung

Auch die Kanzleien müssen sich den neuen Gegebenheiten anpassen.

DüsseldorfZwei starke Kräfte sind dabei, den Markt der Rechtsanwaltskanzleien aufzumischen: Zum einen ist das der Preisdruck durch die Mandanten. Zum anderen erfasst die Digitalisierung immer mehr Bereiche der Arbeit eines Anwalts.

Preisdruck durch Mandanten? Für Laien kaum vorstellbar, hat man doch immer das Gefühl, Anwälte und juristische Auseinandersetzungen seien teuer. „Die Gebühren hatten tatsächlich eine Zeit lang die Tendenz, sich nach oben zu entwickeln“, sagt Markus Hartung, Rechtsanwalt und Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession. Er ist Mitautor der Studie „How Legal Technology will change the business of law“ von der Boston Consulting Group und der Bucerius Law School. Hartung spielt damit an auf die Zeit, als es sehr viele Transaktionen zwischen Unternehmen gab. Kanzleien hatten gut zu tun und konnten entsprechende Preise aufrufen.

Doch seit der Finanzkrise sind die Unternehmen „klügere Einkäufer“ geworden, wie Hartung sagt. Sie sind ganz einfach kostenbewusster geworden. Das heißt, sie konzentrieren sich bei ihrem Beratungsbedarf nicht mehr auf die Top-30-Kanzleien, sondern sie wenden sich auch an kleine, mittelständische Kanzleien, die oft günstiger sind. Natürlich gibt es für Großen immer noch genug zu tun, aber die Kleinen bekommen jetzt auch einen Teil vom Kuchen.

Die größten Wirtschaftskanzleien Deutschlands

Platz 10

Taylor Wessing

Umsatz 2014/15: 121,5 Millionen Euro (+ 2,0 Prozent)

Quelle: Juve Rechtsmarkt, Ausgabe 10/15

Platz 9

Allen & Overy

Umsatz 2014/15: 135,2 Millionen Euro (+9,0 Prozent)

Platz 8

Hogan Lovells

Umsatz 2014/15: 141,0 Millionen Euro (-7,1 Prozent)

Platz 7

Gleiss Lutz

Umsatz 2014/15: 172,0 Millionen Euro (+3,6 Prozent)

Platz 6

Noerr

Umsatz 2014/15: 177,9 Millionen Euro (+9,0 Prozent)

Platz 5

Linklaters

Umsatz 2014/15: 184,6 Millionen Euro (+3,7 Prozent)

Platz 4

Clifford Chance

Umsatz 2014/15: 188,0 Millionen Euro (-4,1 Prozent)

Platz 3

Hengeler Müller

Umsatz 2014/15: 205,1 Millionen Euro (-3,3 Prozent)

Platz 2

CMS Hasch Sigle

Umsatz 2014/15: 265,0 Millionen Euro (+5,6 Prozent)

Platz 1

Freshfields Bruckhaus Deringer

Umsatz 2014/15: 355,0 Millionen Euro (keine Veränderung)

Zweites Indiz für den Kostendruck ist die Tatsache, dass viele Unternehmen bestimmte Leistungen doch wieder im eigenen Hause machen lassen, weil das unterm Strich immer noch günstiger ist, als eine Kanzlei in Anspruch zu nehmen. „Der Aufbau der Personalkosten geht oft einher mit der Reduktion der externen Beraterbudgets“, sagt Hartung. Er sehe zwar noch keine Kanzlei pleitegehen, aber es sei den Kanzleien in den vergangenen Jahren nicht mehr gelungen, ihre Produktivität zu steigern, wie das bis zur Finanzkrise der Fall war.

Noch stärker als der Preisdruck wird die Digitalisierung die Arbeit der Kanzleien verändern, auch wenn viele Rechtsvertreter noch längst nicht daran glauben und ihre anwaltlichen Tätigkeiten für unersetzbar halten. Doch leider sind Anwälte vor allem eins: sie sind teuer. „Die Digitalisierung hilft, dass man standardisierte Prozesse nicht mehr durch teure Anwälte erledigen lässt, die vielleicht ein Jahresgehalt von zirka 100.000 Euro haben“, sagt Markus Hartung. Im Prinzip könne jede standardisierte Arbeit durch Software abgebildet werden. Und Computer könnten diese Aufgaben besser und schneller erledigen und helfen, die internen Kosten zu reduzieren. Denn der Preisdruck mache sich in Kanzleien häufig so bemerkbar, dass sich die Unternehmen als Auftraggeber zwar mit dem geforderten Stundenhonorar einverstanden erklären, aber eine Obergrenze fordern. Das heißt für eine Kanzlei, sie muss auf die Kosten schauen.

„Die Digitalisierung ist eine Bedrohung für diejenigen, die sich ihr verweigern“, sagt Christian Veith, Mitautor und Managing Director bei Boston Consulting. Es sei wie immer, wenn es Produktivitätssprünge gebe. Wer sich anschließe, der könne davon profitieren. Wer nicht mitmache, der laufe Gefahr, zurückzufallen. Seiner Meinung gibt es Digitalisierungseffekte, die zwar mit dem Kerngeschäft nichts zu tun haben, die aber trotzdem relevant sind. Zum einen Dinge, die in der Studie Enabler-Technologie genannt werden, etwa Datensicherheit. Zum anderen geht es um Dinge, welche die Autoren Supportprozesse nennen. Aber Veith sagt einschränkend: „Anwaltskanzleien sind nicht diejenigen, die wir als Pioniere bei der Technisierung wahrnehmen.“ Die Generation der Anwälte, die heute in den Kanzleien Einfluss habe, sei nicht unbedingt die der Digital Natives.

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Fazit: Auch Anwälte sollten sich der digitalen Technik nicht verschließen, wenn sie im Geschäft bleiben wollen. Aber bei welchen Prozessen können konkret Computer eingesetzt werden? Markus Hartung führt eine digitale Assistentin namens Amy Ingram ins Feld. Das ist ein System, das Kalender verwalten und beispielsweise Termine zwischen Gesprächspartnern vereinbaren kann. Man erteilt dabei per E-Mail den Auftrag, ein Treffen zu vereinbaren. Das System korrespondiert dann mit den Leuten, bis ein Termin gefunden ist. „Das System schreibt in einer so natürlichen Art und Weise, dass die Empfänger, die das nicht wissen, glauben, da säße eine wirkliche Person Amy“, schwärmt Hartung.

Doch können Computer auch wirkliche anwaltliche Arbeit ersetzen? Ja, sagt Markus Hartung. Die Arbeit eines Anwalts bestehe ja häufig darin, große Sachverhalte zu erfassen, zu strukturieren, zu systematisieren und die Nadel im Heuhaufen zu suchen. Zum Beispiel beim Abgasskandal von Volkswagen: Die Behörden wollen wissen, wie es dazu kommen konnte und wer wann davon wusste. Also müssen Millionen von Dokumenten, E-Mails und Memos nach bestimmten Schlagworten durchsucht werden.

Diesen Job haben früher Scharen von Anwälten erledigt, heute macht das eine Software. Sie nennt sich E-Discovery, wird auf eine bestimmte Suche programmiert und durchsucht dann Terrabytes von Daten. Das, was die Software dann als relevant markiert hat, müssen sich dann noch Anwälte ansehen. Das Sparpotenzial ist trotzdem enorm, denn die Anwälte müssen nicht mehr stundenlang am Bildschirm sitzen.

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