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20.11.2012

16:51 Uhr

Arbeitsmarkt

Die Rückkehr der Kurzarbeit

VonMartin Dowideit, Sebastian Ertinger

Etwa 1,7 Millionen Menschen wurden während der Krise 2009 zu Kurzarbeitern. Jetzt erhält die Konjunktur einen erneuten Dämpfer – das Werkzeug Kurzarbeit ist wieder gefragt. Die Gewerkschaften sind für den Einsatz.

Geld gibt es für Kurzarbeiter in Maßen weiter, doch arbeiten müssen sie nicht.

Geld gibt es für Kurzarbeiter in Maßen weiter, doch arbeiten müssen sie nicht.

DüsseldorfWer in Stuttgart Straßenbahn fährt, kann in der Regel Gespräche über den VfB belauschen oder die „Fantastischen Vier“. Doch im Frühjahr 2009 dominierte ein anderes Thema den Small Talk: Kurzarbeit. Selbst in einer Region, wo Arbeitslosigkeit fast kein Thema ist, mussten Arbeiter und Hochqualifizierte auf einmal zu Hause bleiben. Es gab nichts zu tun, die Nachfrage nach „Made in Germany“ war desaströs.

Dreieinhalb Jahre später lässt die Konjunktur wieder zu wünschen übrig. Erneut schwächeln vor allem die Exporte in der Industrie – und Manager erinnern sich gerne an das Werkzeug aus der Wirtschaftskrise. So haben etwa Mittelständler die Scheu vor der Kurzarbeit abgelegt. „Früher haben Unternehmen Kurzarbeit als Eingeständnis eigener Schwäche gesehen“, sagte Jürgen Scholz von IG Metall Regensburg. Doch die Erfahrungen im Konjunkturtal seien positiv gewesen und somit sei Kurzarbeit „zum akzeptierten Mittel“ geworden.

Kurzarbeit erklärt

Was ist Kurzarbeit?

Kurzarbeit beschreibt einen geplanten Arbeitsausfall, der Unternehmen von Lohnkosten entlasten soll. Kurzarbeitergeld wird anstelle von Lohn gezahlt. Es gibt drei unterschiedliche Formen: Zum einen saisonale Kurzarbeit bestimmter Branchen, etwa im Winter für das Baugewerbe. Zum anderen gibt es die Transfer-Kurzarbeit (Kurzarbeit Null), die bei betrieblichen Restrukturierungen greift. Die dritte Variante ist die konjunkturelle Kurzarbeit, die infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise von den Unternehmen am häufigsten beantragt wurde.

Wie läuft die Beantragung?

Die Unternehmen müssen geplante Kurzarbeit mit Zustimmung ihres Betriebsrats bei der Bundesagentur für Arbeit anmelden. Bei tarifgebundenen Unternehmen muss die Möglichkeit zur Kurzarbeit im Tarifvertrag geregelt sein. Erst nach einer Genehmigung seitens der Agentur und frühestens vom Monat der Antragstellung an darf in dem jeweiligen Unternehmen weniger gearbeitet werden. Es sind zahlreiche Formen der Arbeitsreduzierung möglich. So können ganze Wochen oder auch einzelne Schichten oder Tage ausfallen.

Was bekommen die Arbeitnehmer?

Die Mitarbeiter erhalten von ihren Arbeitgebern für die tatsächlich gearbeitete Zeit weiterhin Lohn und Gehalt. Die Bundesagentur für Arbeit zahlt für die ausgefallene Zeit, angelehnt an das Arbeitslosengeld, zusätzlich einen gewissen Prozentsatz des wegfallenden Netto-Entgelts - 60 Prozent bei Kinderlosen, 67 Prozent bei Eltern. Diese Lohnersatzleistung wird nicht versteuert, aber in die Berechnung der Steuerprogression einbezogen. Der Arbeitgeber muss 80 Prozent der kompletten Sozialversicherungsbeiträge abführen.

Was waren die wichtigsten Änderungen aus dem Konjunkturpaket 2009?

Mit dem Jahreswechsel 2009 war die mögliche Höchstförderdauer befristet auf 18 Monate verlängert worden, später dann sogar auf 24 Monate. Die Voraussetzung, dass ein Drittel der Belegschaft betroffen sein muss, entfiel ebenfalls befristet. Der Arbeitsausfall musste nur noch mindestens zehn Prozent betragen. Die Sozialversicherungsbeiträge des Arbeitgebers übernahm die Arbeitsagentur bis zur Hälfte und sogar komplett, wenn in mindestens der Hälfte der unfreiwilligen Freizeit die Mitarbeiter weitergebildet werden.

Kurzarbeiter bekommen - wie beim regulären Arbeitslosengeld - 60 Prozent des ihnen durch den Arbeitsausfall entgehenden Nettolohns erstattet. Beschäftigte mit Kindern erhalten 67 Prozent.

In den aktuell verfügbaren Daten lässt sich zwar noch kein großer Boom feststellen. Aber unter den großen Konzernen haben etwa Bosch, Opel, Infineon und Thyssen-Krupp bereits begrenzt Kurzarbeit angemeldet. Continental, MAN und einige andere Unternehmen denken darüber nach. Die Zahl der Beschäftigten, für die konjunkturelles Kurzarbeitergeld beantragt wurde, ist im vergangenen Monat auf mehr als 44.000 gestiegen und damit auf den höchsten Stand seit Dezember 2010.

Stellenabbau in der europäischen Industrie

Siemens

Der Industriekonzern Siemens hat ein Effizienzprogramm angekündigt, dass dem Unternehmen Einsparungen in Höhe von sechs Milliarden Euro bringen soll. Konkrete Zahlen für einen Stellenabbau zwar nicht. Doch werden bereits in einzelnen Bereichen des weitverzweigten Konzerns Arbeitsplätze abgebaut. Gemunkelt wurde, dass am Ende insgesamt 8000 bis 10000 Stellen betroffen sein könnten.

Bombardier

Der Luftfahrt- und Bahnkonzern Bombardier will weltweit 1200 Stellen streichen. Das kanadische Unternehmen begründet den Schritt mit notwendigen Strukturveränderungen und Kosteneinsparungen.

Bombardier bekräftigte zugleich die geplante Schließung des Bombardier-Werks in Aachen. Diese Werksschließung, von der etwa 600 Mitarbeiter betroffen sind, war Mitte Oktober bekannt geworden. Die dort wegfallenden Jobs sind laut Bombardier in der Gesamtzahl von 1200 enthalten. Der Konzern beschäftigt weltweit etwa 70.000 Mitarbeiter.

Ericsson

Der schwedische Telekomausrüster Ericsson zieht Konsequenzen aus dem weltweiten Abschwung in der Branche und baut in seinem Heimatland 1550 Arbeitsplätze ab. Das sind knapp neun Prozent aller Ericsson-Beschäftigten in Schweden, so der Marktführer bei Mobilfunknetzen.

Der harte Wettbewerb in der Branche hat zu einem enormen Preisdruck geführt, zudem investieren Mobilnetzbetreiber angesichts der schwächeren Weltkonjunktur weniger in ihre Infrastruktur.

Outokumpu

Der finnische Konzern Outokumpu hat von ThyssenKrupp die Edelstahlsparte Inoxum übernommen. Die Finnen haben angekündigt, bis zu 850 Arbeitsplätze in Deutschland zu streichen. Das Stahlwerk in Krefeld soll bis Ende 2013 geschlossen werden, das Werk in Bochum könnte 2017 folgen. Seit Jahren wird in der Branche, deren Produkte für Waschmaschinen, Küchenspülen, Besteck oder die Fassaden von Wolkenkratzern verwendet werden, eine Konsolidierung erwartet.

Vestas

Der weltgrößte Windturbinen-Hersteller Vestas weitet seinen Stellenabbau um weitere 3000 Arbeitsplätze auf 6700 aus. Bis Ende 2013 sollten damit noch 16.000 Menschen für Vestas arbeiten. Die Branche hat seit langem mit Überkapazitäten und steigenden Kosten zu kämpfen, Vestas hat darauf bereits mit zwei Runden von Stellenstreichungen reagiert.

BASF

Der Chemiekonzern BASF streicht mehrere hundert Stellen in seiner Bauchemie-Sparte – und begründet dies mit Immobilienkrisen in Südeuropa, die das Geschäft hätten einbrechen lassen.

HeidelbergCement

Der Baustoffkonzern HeidelbergCement hat sein Sparprogramm „Fox 2013“ bereits hinter sich und legt zwei weitere nach: „Leo“ und „Perform“. „FOX“ habe bereits Einsparungen von 241 Millionen Euro generiert, angestrebt waren für 2012 rund 200 Millionen Euro. Bei „Leo“ will der Konzern bis 2014 Logistikkosten in Höhe von 150 Millionen Euro sparen. Durch das zweite Programm soll die Marge im Geschäftsbereich Zement verbessert werden.

Durch die Sparprogramme baute HeidelbergCement fast 1.300 Stellen in Nordamerika, Großbritannien, Spanien und in einigen osteuropäischen Ländern ab. Gleichzeitig kamen aber 600 neue Mitarbeiter in Wachstumsmärkten wie Indien und Indonesien hinzu. Unter dem Strich beschäftigte der Konzern Ende September 53.729 Mitarbeiter.

Das ist weit entfernt von den Rekordwerten der Krise mit 1,7 Millionen Kurzarbeitern. Doch derzeit gebe es eine Art „Kurzarbeiter-Stau“, sagt ein anderer Gewerkschafts-Funktionär. Viele Firmen würden gerne das Werkzeug nutzen, hoffen aber auf gelockerte Vorgaben. Der Grund für das Zögern: Viele Firmen wollten gerne mehr freie Tage verhängen, trauern aber den Regeln aus dem Konjunkturprogramm von vor drei Jahren hinterher.

Derzeit gilt: Erst wenn Arbeitszeitkonten auf die maximal zulässigen Minusstunden abgebaut sind, lässt die Arbeitsagentur Anträge zu. Diese Regelung war 2009 zeitweise außer Kraft. Auch die maximale Bezugsdauer des Kurzarbeitergelds war auf 24 Monate verlängert worden und Arbeitgeber mussten die Sozialversicherungsbeiträge nicht weiter zahlen.

Zehntausende Stellen gefährdet: Das Streichkonzert der europäischen Konzerne

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Commerzbank, Siemens, Ericsson, ING: Die Liste der Konzerne, die Stellen abbauen, ist lang. Stürzt der Arbeitsmarkt in eine Krise? Für Deutschland geben Volkswirte Entwarnung – und auch für Südeuropa gibt es Hoffnung.

Die Gewerkschaften und Parteien wie die SPD setzen daher die Regierung unter Druck, die zeitweisen Erleichterungen erneut einzuführen. Das soll einen Stellenabbau verhindern. „Als reine Vorsichtsmaßnahme sollte die Bundesregierung jetzt die Regelungen für die Kurzarbeit ausdehnen“, sagt etwa Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Forschungsinstitut IMK. Die Regierung sträubt sich jedoch. Ende Oktober hatte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen eine Lockerung der Regeln zurückgewiesen, da es bislang recht wenige konjunkturell begründete Anträge auf Kurzarbeit gegeben habe.

Kommentare (13)

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umL06

20.11.2012, 17:24 Uhr

XXL Auhschwung für alle...Endlich mehr Geld im Säckle der Arbeitnehmer...*brech ! ! !

Account gelöscht!

20.11.2012, 18:25 Uhr

Tja, nur liegt die Situation jetzt etwas anders, vor 4 Jahren war es eine Liquiditätskrise. Jetzt haben wir eine Strukturkrise und Währungskrise.

Vor 4 Jahren war es ein Schock der die Welt-Wirtschaft lahmte und Investitionen verhinderte. China lief nach knapp einem Jahr wieder auf Touren. Es gab einen Nachfragestau, was Deutschland, die auf Halde produziert hatten, deren Personal bereitstand, sofort befriedigen konnte.

Jetzt sieht das etwas anders aus.

HolgerJahndel

20.11.2012, 18:35 Uhr

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