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30.04.2014

07:17 Uhr

Arbeitsstress

Warum Bürolärm die Leistung sinken lässt

Tastaturen klappern, Kollegen plaudern: Gerade in Großraumbüros ist Lärm normal. Doch das schränkt die Leistungsfähigkeit ein. Warum auch mehr Lärmschutz nicht helfen kann.

Lärm in Großraumbüros schränkt die Leistungsfähigkeit ein. dpa

Lärm in Großraumbüros schränkt die Leistungsfähigkeit ein.

BerlinKlappernde Tastaturen und plaudernde Kollegen - für viele Mediziner und Wissenschaftler ist „Bürolärm“ keine Lappalie. Seit Großraumbüros in Unternehmen immer beliebter werden, wächst das Problem. „Ich halte die Höhe des Schadens und den Grad der Belästigung für unterschätzt“, sagt der Mediziner und Psychologe Markus Meis, der für das Hörzentrum der Universität Oldenburg forscht. Die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern könne durch Bürolärm um fünf bis zehn Prozent sinken. Größter Störenfried seien Gespräche von Kollegen. An diesem Mittwoch macht der „Tag gegen Lärm“ das Problem bewusst.

Ein Büro ist beim Thema Lärm zwar nicht mit einem Stahlwerk zu vergleichen. Dort seien Mitarbeiter Lautstärken ausgesetzt, die ohne Gehörschutz zu Hörschäden führten, sagt Wolfgang Panter, Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte. Lärm im Büro habe aber eine andere Dimension: „Das wirkt sich auf das vegetative Nervensystem aus.“

So unterschiedlich reagieren wir auf Stress

Gene

Stressforscher schätzen, dass Stressanfälligkeit zu 30 Prozent genetisch bedingt ist.

(Quelle: Lothar Seiwert, Zeit ist Leben, Leben ist Zeit)

Mutter

Frauen, die während der Schwangerschaft hohe Cortisolwerte aufweisen, bekommen stressanfälligere Babys.

Kindliche Erfahrungen

Traumatische Erlebnisse in den ersten sieben Lebensjahren, der Zeit der Entwicklung der Identität, können lebenslänglich stressanfälliger machen.

Persönlichkeit

Erfolgsorientierte, ehrgeizige, sehr engagierte, ungeduldige und unruhige Menschen sind besonders stressanfällig.

Charakter

Feindseligkeit, Zynismus, Wut, Reizbarkeit und Misstrauen erhöhen das Infarktrisiko um 250 Prozent. Humor hingegen zieht dem Stress den Stachel. Eine Studie an 300 Harvard-Absolventen zeigte: Menschen mit ausgeprägtem Sinn für Humor bewältigen Stress besser.

Selbstbestimmung

Der wichtigste Faktor, der über Stressanfälligkeit bestimmt, ist die Kontrolle über das eigene Tun. Je mehr man den Entscheidungen anderer ausgeliefert ist, desto höher das Infarktrisiko.

Wertschätzung

Wer für seine Arbeit Anerkennung in Form von Lob oder einem angemessenen Gehalt bekommt, verfügt über eine bessere Stressresistenz.

Status

Wer eine gute Stellung in der Gesellschaft hat, verfügt auch über einen Panzer gegen Stress. Das ist auch bei Pavianen zu beobachten: Gerät das Leittier durch einen Konkurrenten in eine Stresssituation, schnellt der Cortisolspiegel hoch, normalisiert sich aber rasch wieder. Bei den Rangniedrigeren ist der Cortisolspiegel ständig erhöht.

Glaube

Einer der stärksten Stresskiller ist das Gebet. Studien belegen: Der Glaube an eine höhere Macht, die das Schicksal zum Guten wenden wird, beugt vielen Krankheiten vor.

Lärm ist demzufolge ein Stressfaktor. Der Blutdruck kann steigen, es kann zu Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen kommen, zu Muskelverspannungen, zu Empfindlichkeiten im Magen- und Darmbereich oder zu Schlafstörungen. Bis zum Burn-out gehe es aber nicht, versichert der Betriebsarzt.

Lärmempfinden ist sehr individuell. Es sei durchaus messbar, sagt Meis. Der Mediziner arbeitet auch für das Forum „office acoustics“, das unabhängig von Herstellern bei der akustischen Gestaltung von Büros berät. „Lärm lässt sich als unerwünschter Schall definieren“, erläutert er. „Das hat also nicht immer sofort etwas mit Dezibel zu tun.“

Der Experte hat gemessen, wie die Leistungen des Arbeitsgedächtnisses am Schreibtisch nachlassen, wenn sich zwei Kollegen in unmittelbarer Nähe unterhalten. „Das sind bis zu zehn Prozent.“ Niemand könne sich wirksam gegen diese Störung schützen. „Unser Gehirn richtet sich ganz automatisch auf Sprachverarbeitung aus.“ An Telefongeklingel könnten sich Menschen gewöhnen und das Geräusch sogar ausblenden. Bei Sprache funktioniere das nicht. Sie habe immer Auswirkungen auf die Aufmerksamkeit - und damit auch die Leistungskraft.

Auch bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund geht der Physiker Georg Brockt von Einschränkungen durch Bürolärm aus. „In einem Großraumbüro ist es fast unmöglich, wissenschaftliche Texte zu schreiben oder komplexe Berechnungen anzustellen“, sagt er.

Kommentare (6)

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30.04.2014, 08:47 Uhr

Ich arbeite nur mit Schallschutz Kopfhörer, das ist so einer den Bauarbeiter auf den Kopf setzen, wenn sie mit Pressluft eine Straße aufmeisseln.

Wenn ich Texte schreibe, will ich durch nichts gestört und abgelenkt werden.

Wenn das Telefon klingelt, nehme ich ihn wieder ab.

Account gelöscht!

30.04.2014, 09:39 Uhr

"Lärmempfinden ist sehr individuell. Es sei durchaus messbar, sagt Meis"
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Eben. Nur wird darauf gewöhnlich von schwatzenden Kollegen keine Rücksicht genommen und flüsterleise Computer sind auch nicht unbedingt Standard. Manche Leute sind da relativ robust, andere extrem empfindlich.
Zu letzteren gehöre ich z.B. Ich kann eine Maus in der Streu in einem Wald ohne Zivilisationslärmmüll auf 20...30 m hören, einen Sprung laufender Rehe auf über 150 m. *Dafür* ist das menschliche Gehör ursprünglich ausgelegt, nicht für's Dauerplappern schwätzsüchtiger Kollegen, Bürogerätelärm, Verkehrslärm usw. usf.
Übrigens, man halte sich mal in einem klirrend kalten, verschneiten, nächtlichen Winterwald auf, abseits von Straßen oder Flugrouten (dazu reicht die Eifel): Da lernt man, was der Begriff "Stille" bedeutet und wie fürchterlich verlärmt unsere Städte sind.

Account gelöscht!

30.04.2014, 10:10 Uhr

In-Ear-Kopfhörer mit Active-Noise-Cancelation kombiniert mit DJ-Profikopfhörer obendrüber hilft ganz gut. Man hört noch nicht mal das eigene Telefon.

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