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26.04.2014

16:19 Uhr

Arbeitsverdichtung und Arbeitsdruck

Qualmender Kopf und hohe Drehzahl

VonCarina Kontio

Jeder zweite Arbeitnehmer beklagt Beschleunigung und komplexere Aufgaben, fühlt sich ruhelos und ausgebrannt. Damit der Weg nicht ins Hamsterrad führt, sind die Arbeitgeber zum Handeln aufgefordert.

Mit der Lockerung der Kleiderordnung will Goldman Sachs IT-Mitarbeiter zum Bleiben bewegen. Getty Images

Mit der Lockerung der Kleiderordnung will Goldman Sachs IT-Mitarbeiter zum Bleiben bewegen.

DüsseldorfImmer nur mobil, flexibel und überall erreichbar: das stresst. Befragt man deutsche Arbeitnehmer, wie sie ihren Büroalltag erleben, dann hat sich für 48 Prozent von ihnen in den vergangenen fünf Jahren alles spürbar beschleunigt. Und weil alles viel schneller gehen muss, bleibt immer weniger Zeit für die einzelnen Arbeitsprozesse. Gleichzeitig sind die Aufgaben nach Einschätzung von 53 Prozent der Arbeitnehmer komplexer geworden.

Als weitere wichtige Veränderung empfinden 43 Prozent von ihnen die sogenannte Verdichtung - also mehr Arbeit mit weniger Kollegen. Das sind Ergebnisse der Studie „Einfluss des HR-Managements auf den Unternehmenserfolg“ der Personalberatung Rochus Mummert. Dazu wurden HR-Führungskräfte sowie 1.000 Arbeitnehmer befragt.

So unterschiedlich reagieren wir auf Stress

Gene

Stressforscher schätzen, dass Stressanfälligkeit zu 30 Prozent genetisch bedingt ist.

(Quelle: Lothar Seiwert, Zeit ist Leben, Leben ist Zeit)

Mutter

Frauen, die während der Schwangerschaft hohe Cortisolwerte aufweisen, bekommen stressanfälligere Babys.

Kindliche Erfahrungen

Traumatische Erlebnisse in den ersten sieben Lebensjahren, der Zeit der Entwicklung der Identität, können lebenslänglich stressanfälliger machen.

Persönlichkeit

Erfolgsorientierte, ehrgeizige, sehr engagierte, ungeduldige und unruhige Menschen sind besonders stressanfällig.

Charakter

Feindseligkeit, Zynismus, Wut, Reizbarkeit und Misstrauen erhöhen das Infarktrisiko um 250 Prozent. Humor hingegen zieht dem Stress den Stachel. Eine Studie an 300 Harvard-Absolventen zeigte: Menschen mit ausgeprägtem Sinn für Humor bewältigen Stress besser.

Selbstbestimmung

Der wichtigste Faktor, der über Stressanfälligkeit bestimmt, ist die Kontrolle über das eigene Tun. Je mehr man den Entscheidungen anderer ausgeliefert ist, desto höher das Infarktrisiko.

Wertschätzung

Wer für seine Arbeit Anerkennung in Form von Lob oder einem angemessenen Gehalt bekommt, verfügt über eine bessere Stressresistenz.

Status

Wer eine gute Stellung in der Gesellschaft hat, verfügt auch über einen Panzer gegen Stress. Das ist auch bei Pavianen zu beobachten: Gerät das Leittier durch einen Konkurrenten in eine Stresssituation, schnellt der Cortisolspiegel hoch, normalisiert sich aber rasch wieder. Bei den Rangniedrigeren ist der Cortisolspiegel ständig erhöht.

Glaube

Einer der stärksten Stresskiller ist das Gebet. Studien belegen: Der Glaube an eine höhere Macht, die das Schicksal zum Guten wenden wird, beugt vielen Krankheiten vor.

„Die Globalisierung und die Digitalisierung haben die Arbeits- und Lebensumwelt rasant und tiefgreifend verändert“, sagt Hans Schlipat, Studienleiter und Managing Partner der Rochus-Mummert-Gruppe. „Die Folgen werden wir erst in Zukunft voll erkennen. Unsere Studie zeigt aber schon jetzt ganz klar: Ein höheres Tempo bei gleichzeitig schwierigeren Aufgaben - das sind große Herausforderungen für Arbeitnehmer. Damit der Weg nicht ins Hamsterrad führt, sind die Arbeitgeber daher zum Handeln aufgefordert.“

Die Zahl der Krankschreibungen wegen eines Burn-Outs, die pathologische Mutation von Stress, stieg in Deutschland nach Angaben der Bundespsychotherapeutenkammer zwischen 2004 und 2012 um 700 Prozent. Millionen Menschen fühlen sich schon heute ruhelos und ausgebrannt. Ein Zustand, der zur Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts zu werden droht. Verwundert das noch? Wohl kaum.

Auch die befragten Personaler sind sich der starken Veränderungen durchaus bewusst. Befragt nach belastenden Einflüssen sehen sie die Globalisierung an erster Stelle, gefolgt von der Beschleunigung und der multimedialen Kommunikationsüberflutung. Daneben machen die Personalverantwortlichen zwar auch positive Veränderungen aus, die jedoch die wachsenden Belastungen nicht kompensieren können.

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