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24.01.2012

09:21 Uhr

Arndt Geiwitz

Der Hoffnungsträger der Schlecker-Mitarbeiter

Der Mann, der 30 000 Menschen Hoffnung machen soll, wirft Fragen auf: Mit Arndt Geiwitz hat das Amtsgericht Ulm gestern einen Insolvenzverwalter für Schlecker bestellt, der überrascht - und doch wieder nicht.

Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz. Pressebild

Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz.

Einerseits zählte der 42-Jährige Mann aus Neu-Ulm nicht zu den im Vorfeld gehandelten Favoriten für den Job. Andererseits wieder doch - und zwar indirekt. Denn Geiwitz ist Kanzlei-Partner von Werner Schneider, einem der derzeit gefragtesten deutschen Insolvenzverwalter. Was der mit seiner Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Schneider, Geiwitz & Partner in den vergangenen Wochen beim insolventen Druckmaschinenbauer Manroland geleistet hat, macht Schlecker-Mitarbeitern Mut und Angst zugleich: Schneider strich zwar etwa die Hälfte der Arbeitsplätze, sicherte dem Rest aber eine Zukunft.

Ein Verfahren, von dem sich sein Sozietätskollege etwas abschaut? Das ist die große Frage, die nun durch das blau-weiße Drogeriereich wabert. Antworten darauf gibt es bisher kaum. Denn es sind nicht allzu viele prominente Insolvenzfälle, bei denen Geiwitz Spuren hinterlassen hat. Dennoch betonte der zuständige Amtsrichter Benjamin Webel gestern: Wirtschaftsprüfer Geiwitz sei ein "sehr guter Insolvenzverwalter", der schon viele Verfahren betreut habe. Als "alteingesessen und einer Größenordnung wie Schlecker gewachsen", beschreibt ein Kenner der Branche Geiwitz und seine Kanzlei. "Große wirtschaftliche Erfahrung" sprechen andere Geiwitz und seinem Team zu.

Wie es mit Schlecker weitergeht

Schwierige Verhandlungen mit Gläubigern

Erst in den kommenden Wochen und Monaten wird es sich entscheiden, ob der Drogerieriese Schlecker es schafft, eine völlige Pleite und das Aus für die rund 30.000 Mitarbeiter in Deutschland abzuwenden.

Überzeugungsarbeit

Die Spitze von Deutschlands bislang größtem Drogeriekonzern Schlecker muss Überzeugungsarbeit leisten. Gelingt es der Familie und dem Management, die Gläubiger von einem Insolvenzplan zu überzeugen? Wie geht es weiter?

Die Planinsolvenz

Schlecker hat den Antrag auf eine Planinsolvenz beim zuständigen Amtsgericht Ulm eingereicht. Das Verfahren ähnelt dem amerikanischen sogenannten Chapter 11, mit dessen Hilfe sich dortige Unternehmen in weitgehender Eigenregie sanieren, um als Firma erhalten zu bleiben. Noch äußert sich Schlecker nicht dazu, wie ein solcher Plan genau aussehen könnte.

Filialen schließen

Es ist davon auszugehen, dass noch weit mehr Filialen als geplant geschlossen werden. Bislang sollte dieser Prozess Ende des ersten Quartals abgeschlossen sein - mit mehreren hundert weiteren dichtgemachten Läden, weit über 1000 seit Anfang des vergangenen Jahres. Zudem werden die Beschäftigten Federn lassen müssen.

Die dringendsten Probleme

Schlecker selbst hat eine ausgefallene „Zwischenfinanzierung“ als Ursache für die Insolvenz genannt. Nach übereinstimmenden Berichten verschiedener Medien und dpa-Informationen ging es um Zahlungen an den Einkaufsverbund Markant. Dieser und andere Gläubiger müssen also dem Sanierungskonzept Vertrauen schenken, so dass frische Ware in die Läden kommt.

Rolle der Banken

Meike und Lars Schlecker hatten im Dezember erklärt, es habe bereits „die eine oder andere Vereinbarung“ mit Banken gegeben. Um Investoren zu finden, hat die Drogeriekette angeblich den Ex-Edeka-Chef Alfons Frenk engagiert. Schlecker bestätigte Verhandlungen über einen Einstieg von Finanzinvestoren nicht, über die das „Manager Magazin“ berichtet hatte.

Wie sicher sind die Arbeitsplätze?

Bislang hat Schlecker allen Filialschließungen zum Trotz keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen. Das Management verlängerte Zeitverträge nicht oder besetzte frei werdende Stellen nicht neu. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi bestätigt das, fordert jetzt aber vollen Einsatz für die allein in Deutschland rund 30.000 Beschäftigten.

Gehälter vorerst sicher

Eigentlich gilt bis Mitte 2012 ein Beschäftigungssicherungsvertrag - Mitarbeiter können nur gegen eine entsprechende Abfindung ausscheiden. Zumindest die Gehälter sind durch das Insolvenzausfallgeld für die ersten drei Monate des Verfahrens gesichert.

Beispiele für gelungene Planinsolvenzen

Zum Beispiel die Modekette Sinn Leffers oder den Fall Karstadt. Bei Sinn Leffers waren allerdings harte Einschnitte nötig: nur 25 von 47 Standorten blieben erhalten, rund 1300 Jobs wurden gestrichen. In Baden-Württemberg hat der Modelleisenbahnhersteller Märklin es geschafft, sich dank eines Plans aus der Insolvenz zu verabschieden. Das war aber auch nur möglich, weil sich die wichtigsten Gläubiger darauf einigten, einen Teil ihrer Forderungen in Millionenhöhe erst später beglichen zu bekommen.

Hat Schlecker eine Chance auf dem Drogeriemarkt?

Nur mit einem radikalen Imagewandel, sagen Branchenexperten. Weg vom Billiganbieter mit Geschäften an jeder Straßenecke, lange Jahre das Erfolgsmodell der Kette. Die größten Konkurrenten DM und Rossmann haben sich seit ihren ebenfalls im Drogerie-Discount-Bereich liegenden Anfängen enorm weiterentwickelt.

Konkurrent DM

Gerade der Karlsruher DM-Konzern hat mit großen, zentral gelegenen Filialen immer mehr Marktanteile hinzugewonnen und ist etwa im Fotobereich sehr beliebt. Zudem hat Schlecker bis heute mit seinem Negativimage zu kämpfen, weil Arbeitnehmerrechte früher wenig galten und sich das Bild in den Köpfen vieler Konsumenten festgesetzt hat.

Wie weit ist die Neuausrichtung?

Die hat Schlecker mit seinem Programm „Fit for Future“ erst sehr spät gestartet. Anfang 2011 wurden die ersten, neu gestalteten Filialen aufgemacht. Sie bieten mehr Bewegungsfreiheit, übersichtliche Regale und ein speziell auf die jeweilige Nachbarschaft abgestimmtes Sortiment.

Neue Läden

Rund 30 Prozent Umsatzzuwachs verzeichneten sie nach Angaben von Meike und Lars Schlecker. Bislang gibt es erst rund 300 der neuen Filialen, 750 bis 1000 sollten es in diesem Jahr werden. Das Gros der über 7000 Läden allein in Deutschland sind weiterhin kleine und enge Geschäfte mit geringen Fixkosten, aber auch wenig Umsatz. Hier wollte Schlecker zuletzt wieder über eine Preisoffensive punkten.

Routine wird er auch brauchen. Die angestrebte Planinsolvenz wird kein Selbstläufer: Gläubiger und Experten äußerten Bedenken. Neben dem Insolvenzantrag soll gleichzeitig auch ein Sanierungskonzept vorgelegt werden.

Geiwitz hat das Fach zumindest von der Pike auf gelernt. Er hat eine Wirtschaftsprüfer-Lizenz, führt außerdem den Titel Diplom-Kaufmann und ist obendrein Steuerberater. Und im Fall Schlecker, seinem bisher größten, kann Geiwitz sich auf die Expertise innerhalb seiner Kanzlei verlassen: Auch Sozius Werner Schneider ist beteiligt als Insolvenzverwalter für die Schlecker-Tochter Schlecker XL GmbH.

Schlecker: Mitarbeiter bangen um Jobs

Schlecker

Mitarbeiter bangen um Jobs

Der vorläufige Insolvenzverwalter bei Schlecker will rasch eine Lösung finden.

Das Gros der Arbeit aber lastet auf Geiwitz, der die Muttergesellschaft wieder flottmachen muss. Einem Gerichtssprecher zufolge muss Geiwitz jetzt eine Bestandsaufnahme machen, "was an Schulden und Aktiva da ist". Anschließend werde er dem Gericht berichten, das dann über die weiteren Schritte entscheide. Neben seiner Fachkompetenz muss Geiwitz demnächst allerdings auch einen Ansturm des öffentlichen Interesses managen. Ein Vorgeschmack dafür: Die Internetseite der Kanzlei brach am Montag unter all den Zugriffen zusammen.

Schlecker meldet Insolvenz an

Warum muss Schlecker Insolvenz anmelden?

Grund für die Zahlungsunfähigkeit ist Schlecker zufolge eine geplatzte Zwischenfinanzierung für die seit Mitte 2010 laufende Sanierung. Nach mehreren Berichten wurde die Insolvenz dadurch ausgelöst, dass der Einkaufsverbund Markant einen zweistelligen Millionenbetrag für gelieferte Waren forderte, den Schlecker nicht mehr zahlen konnte.

Wie steht Firmengründer Anton Schlecker da?

Firmengründer und Eigentümer Anton Schlecker wird in den einschlägigen Listen als Milliardär geführt, seine Familie hat aber in den vergangenen Jahren erhebliche Beträge in das seit 2008 defizitäre Unternehmen eingeschossen. Angeblich hat die Familie Schlecker nun selbst keine Mittel mehr. Schlecker hatte kaum Kreditverbindungen zu Großbanken.

Nach welchem Konzept funktionierte Schlecker?

Discount-Ketten profitieren davon, dass immer viel Geld in die Kasse kommt, die eingekaufte Ware aber nur mit Verzögerung bezahlt werden muss. Doch vor allem die kleinen Läden blieben zuletzt häufig leer. Laut „Manager Magazin“ kommt ein Schlecker-Markt im Schnitt auf 46.000 Euro Monatsumsatz, bei Rossmann und dm ist es ein Vielfaches. 2010 ging der Schlecker-Umsatz um zehn Prozent auf 6,55 Milliarden Euro zurück.

Was heißt Planinsolvenz?

Schlecker spricht von einer „geplanten Insolvenz“. Gemeint ist ein Planinsolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Dabei legt das Unternehmen dem Insolvenzrichter ein Sanierungskonzept vor, mit dem es entschuldet werden soll, die Familie Schlecker könnte dabei Eigentümer bleiben. Bei einem Verfahren in Eigenverwaltung bleibt die Geschäftsführung im Amt - oft mit Unterstützung eines professionellen Sanierers -, der Insolvenzverwalter übernimmt nur die Aufsicht.

Wer entscheidet über das Sanierungskonzept ?

Die Gläubiger entscheiden danach, wo sie die größeren Chancen sehen, ihr Geld wiederzusehen: wenn Schlecker weitermacht wie bisher, verkauft oder zerschlagen wird. Bisher wird die Eigenverwaltung nur in einem Bruchteil aller Verfahren genehmigt, selbst Planinsolvenzen sind die Ausnahme. Übrigens: Auch die Belegschaft zählt zu den Insolvenzgläubigern.

Was plant Schlecker konkret?

Wegen der Insolvenz würden nicht mehr der zuletzt 8000 Filialen geschlossen als ohnehin geplant, sagte ein Sprecher. Rund 800 wurden bereits in den vergangenen eineinhalb Jahren dichtgemacht, 600 sollten Anfang 2012 folgen. Zu genauen Zahlen wollte sich Schlecker nicht äußern. Die Entscheidung muss spätestens im April fallen: Denn sobald das Insolvenzverfahren eröffnet ist, müsste der Insolvenzverwalter die Filialen auf eigene Rechnung weiterführen.

Welche Chancen birgt die Insolvenz?

In einem Fax an die Mitarbeiter sprach Schlecker am Freitag von einem „Startpunkt unter veränderten Bedingungen“. Derzeit verhindert ein Sanierungstarifvertrag mit der Gewerkschaft Verdi betriebsbedingte Kündigungen. Mitarbeitern in geschlossenen Läden müssen Arbeitsplätze anderswo angeboten werden. Daran ist der Insolvenzverwalter nicht gebunden. Er kann auch Mietverträge für die leerstehenden Ladenlokale kündigen. Der Sprecher sagte, mit Verdi werde bereits seit vor Weihnachten verhandelt. „Wir stehen nicht am Anfang.“ Das Insolvenzgeld der Arbeitsagentur gibt Schlecker erst einmal eine finanzielle Atempause.

Welche Risiken geht Schlecker ein?

Im schlimmsten Fall können die Lieferanten ihre Waren wieder aus den Filialen oder Lagern abholen. Dann stünden die Kunden vor leeren Regalen. Der Schlecker-Sprecher äußerte sich aber zuversichtlich, dass es nicht dazu kommen werde. Wenn es nicht zur Planinsolvenz kommt, könnte Schlecker zerschlagen werden. Findet sich kein Investor, droht sogar das Aus.

Welche Gesellschaften sind von der Insolvenz betroffen?

Insolvenzantrag wurde für die Anton Schlecker e.K., die Internet-Tochter Schlecker Homeshopping und Schlecker XL gestellt. Schlecker XL heißen die neuen, größeren Filialen, mit denen das Unternehmen das Ruder herumreißen wollte. Auch die Tochter „Ihr Platz“ hat mittlerweile Insolvenz angemeldet. Schlecker hatte die Kette erst 2007 aus der Insolvenz heraus übernommen. „Ihr Platz“ verfügt meist über bessere Standorte als die Schlecker-Märkte. Experten geben ihnen gute Chancen.

Kommentare (9)

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Oliver_B

24.01.2012, 10:38 Uhr

Werner Schneider: Das ist doch der Komiker! :-)

chrissi

24.01.2012, 11:04 Uhr

Der schreibt sich "Schneyder". Zudem ist er kein "Komiker", sondern Kabarettist. Komiker gibt es viele, derzeit auch in der Politik, gute Kabarettisten leider nicht mehr!

Account gelöscht!

24.01.2012, 11:16 Uhr

Einem Gerichtssprecher zufolge muss Geiwitz jetzt eine Bestandsaufnahme machen, "was an Schulden und Aktiva da ist".

Das würde mich auch interessieren, "was an Schulden und Aktiva da ist". Denn laut manager magazin (Spezialausgabe Oktober 2011) verfügt die Familie Anton Schlecker über ein Gesamtvermögen von ca 1,95 Mrd. € Wieviel sind davon haftendes Privatkapital, wo sind die Milliarden von Anton Schlecker?

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