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03.01.2005

11:58 Uhr

Auf dem Papier der perfekte Mann

Larry Kellner: Pfennigfuchser am Steuerknüppel

VonJens Eckhardt

Larry Kellner ist nicht zu übersehen. Zwei Meter misst der 45-Jährige, der zum Jahresbeginn 2005 die Führung von Continental Airlines, der mit rund neun Milliarden Dollar Jahresumsatz fünftgrößten US-Fluggesellschaft, übernommen hat. Und unübersehbar ist auch schon seine Handschrift. Dass die in Houston, Texas, beheimatete Fluglinie als erster großer US-Carrier zehn 7E7 bei Boeing bestellte, ist Kellners Werk.

HB PORTLAND. Denn Kellner, der vom Finanzchef zum CEO aufrückt, gilt als Zahlenmensch durch und durch, für den Kostendrücken und der Einsatz neuester Technik das A und O einer erfolgreichen Fluggesellschaft sind. Deshalb die 7E7: Boeings neueste Großraumjet-Generation soll um ein Fünftel billiger fliegen als herkömmliche Verkehrsflugzeuge.

Nun hat also auch Continental einen Pfennigfuchser zum Chef. Kellners Beförderung setzt einen Trend fort, der sich unter den US-Airlines seit längerem zeigt: Nicht mehr Luftfahrtfreaks und Flieger-Asse sitzen am Steuerknüppel, sondern Finanzexperten. Auch die neuen Chefs von Southwest Airlines, American Airlines und America West Holdings leiteten vorher das Finanzressort.

Analysten sehen darin eine logische Folge der Airline-Krise. Überkapazitäten, steigende Treibstoffkosten und beinharter Wettbewerb von Billigfliegern wie JetBlue Airways und Southwest Airlines haben den traditionellen US-Carriern ihren früheren Glanz geraubt – wollen sie überleben, müssen sie die hohen Kosten aus besseren Zeiten zusammenstauchen.

Verstärkt wurde der Anpassungsdruck durch die schwere Krise nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001: Sie ließ die Wettbewerbsnachteile der Platzhirsche gegenüber den Billigfliegern krass hervortreten. Durch milliardenschwere Staatshilfen am Leben erhalten, versuchen die traditionellen Fluglinien seither, mit Umstrukturierungen und drastischen Kürzungen der Personalkosten im Wettbewerb wieder an Höhe zu gewinnen.

Auf dem Papier ist Kellner der perfekte Mann für Continental. Die Karriere des neuen Chefs gleicht einem Senkrechtstart. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft an der Universität von South Carolina ging er ins Bankgeschäft. 1995, als Continental-Chef Gordon Bethune „den besten Finanzmann in Amerika“ suchte, war Kellner immerhin schon Finanzchef der American Savings Bank. Bethune heuerte ihn vom Fleck weg als Finanzchef für Continental an.

Kellner schaltete rasch um von Banken auf Flugzeuge und drückt der Luftfahrtgesellschaft seitdem seinen Stempel auf: Dem energischen Schnellredner werden wesentliche operative Verbesserungen bei Continental zugeschrieben. Er sparte nicht nur Millionen durch besseres Management der Fremdfinanzierung von Flugzeugen, sondern er modernisierte auch die gesamte Informationstechnologie.

Feuerprobe für den Zahlenmenschen

Bremsen könnte den neuen Continental-Chef aber sein Image unter den eigenen Leuten. Anders als sein Vorgänger, der 63-jährige Bethune, hat Kellner bislang ein eher kühles Verhältnis zu den Beschäftigten. Bethune gilt als einer der alten Löwen der Branche, der Continental durch ein Insolvenzverfahren steuerte, die Gewerkschaften auf seine Seite brachte und mit besserem Service die Reputation bei den Kunden reparierte.

Kellner, so fürchtet eine langjährige Flugbegleiterin von Continental, „hat denselben Stil wie Frank Lorenzo: Kosten um jeden Preis senken – Hauptsache, der Gewinn stimmt“. Lorenzo schmiedete in den 80er-Jahren die Airlines Continental, People Express und Texas International rücksichtslos zusammen. Er saugte die Airline finanziell aus, während sich der Service durch den Kleinkrieg mit den Beschäftigten verschlechterte und Continental schließlich fast in die Pleite flog.

Kellners Vorteil: Im Vergleich zu den großen Konkurrenten steht Continental heute ordentlich da. Die Airline begann auf Drängen Kellners früh damit, die Kosten zu senken. Wettbewerber wie American Airlines, Delta Airlines oder die im Insolvenzverfahren operierenden United Airlines und US Airways erscheinen noch flügellahmer als Continental. Die schrieb 2003 sogar schwarze Zahlen. Nach einem Verlust im vierten Quartal dürfte 2004 zwar ein Verlustjahr werden, warnte Kellner. Er setzt aber auf die zahlreichen profitablen Routen von Continental und attraktive Verkehrsdrehscheiben an wichtigen Knotenpunkten wie New York City.

Gleichwohl sind die Kosten pro geflogene Sitzmeile immer noch um etwa ein Viertel höher als bei Billigfliegern wie Southwest oder JetBlue. Ex-Chef Bethune feuerte deshalb bereits vor Wochen einen Warnschuss nach innen ab: Bis Ende Februar sollen die Beschäftigten weiteren Kürzungen an ihren Bezügen und Nebenleistungen in Höhe von insgesamt 500 Millionen Dollar zustimmen. Die Gewerkschaften sind alles andere als begeistert.

Für den Zahlenmenschen Kellner wird dies die Feuerprobe, ob er seinen Kostensenkungskurs durchsetzen kann, ohne wie seinerzeit Lorenzo einen Krieg mit der eigenen Belegschaft anzufangen. Ein Anfang ist gemacht: Kellner versicherte sich der Unterstützung durch die Piloten, und Insider schreiben ihm erhebliches diplomatisches Geschick zu. Kellner scheint sich trotz seines kühlen Images bisher den volkstümlichen Bethune zum Vorbild zu nehmen. So hart werden wie Lorenzo kann er ja immer noch. Der umgab sich nach Todesdrohungen mit Leibwächtern und trug einen Revolver unterm Sakko.

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