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14.01.2005

14:22 Uhr

Aufsichtsräte sind zu groß und ineffizient - die Riesen-Unterschiede der Bezahlung unerklärlich. Eine Spencer-Stuart-Studie

Der deutsche Hang zur Größe

VonClaudia Tödtmann (Handelsblatt)

Was sagt man über eine Gymnasialklasse mit 30 Schülern? Dass sie zu groß ist. Zu groß für wirklich guten Unterricht. Doch wenn der Allianzvorstand mit dem Aufsichtsrat tagt und 30 Leute über das Schicksal des Unternehmens intensiv diskutieren wollen – das soll funktionieren.

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HB DÜSSELDORF. Organisationssoziologen sehen die Grenze bei acht Leuten – den Vätern des Mitbestimmungsgesetzes mit seinen Regeln zu Mindestgrößen war das wohl unbekannt.

Die Allianz ist kein Ausreißer. Auch bei der Deutschen Bank kommen bei einer Sitzung des obersten Gremiums 24 Top-Manager zusammen. Selbst die Deutsche Börse bringt es auf 27 Leute, wenn Vorstand und Kontrolleure tagen. 21 davon sind alleine im Aufsichtsrat. Ganz deutlich wird der deutsche Hang zur Größe im Vergleich: Tagen bei Siemens Aufsichtsrat und Vorstand, sitzen 32 Personen am Tisch. Bei General Electric in den USA genügen 16, also die Hälfte. Obwohl General Electric ein Drittel mehr Umsatz macht – und dreimal so viel Gewinn erzielt.

„Britische und amerikanische Führungs- und Aufsichtsratsgremien – die Boards – werden seit Jahren kleiner. Im Schnitt sitzen darin elf Manager, hier zu Lande sind es 21 Aufsichtsräte und Vorstände“, erläutert Willi Schoppen, Partner der Personalberatung Spencer Stuart in Frankfurt. „Das mindert die Effizienz.“ Dies ist das Ergebnis seiner Befragung von 51 deutschen Gesellschaften davon 29 aus dem Dax 30, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

Die Untersuchung im Einzelnen: Es gibt riesige Unterschiede bei der Vergütung. „Manche Aufsichtsräte bekommen 20 Mal so viel wie andere“, sagt Schoppen. Auch wenn die Unternehmensgröße vergleichbar ist. So bekommt Rolf Breuer für den Aufsichtsratsvorsitz 256 000 Euro von der Deutschen Bank, gefolgt von Hilmar Kopper bei Daimler-Chrysler mit 225 000 Euro. Jürgen Lose bei Dyckerhoff muss sich dagegen mit 15 000 Euro und Roland Flach von Klöckner Werke mit 18 000 Euro begnügen.

Darin enthalten sind – so fordert der Corporate Governance Kodex zur guten Unternehmensführung – auch erfolgsbezogene Komponenten. 78 Prozent der Befragten haben dies schon umgesetzt. Von denen zahlen 87 Prozent ihren Kontrolleuren dividendenabhängige Vergütungen. Stock Options sind für Aufsichtsräte unzulässig. Sie sollen kontrollieren, nicht spekulieren.

Schoppen: „Bleibt die Unsicherheit, wie der Erfolg zu messen ist.“ Er rät zu Tagessätzen wie bei Top-Beratern zwischen 3 000 und 5 000 Euro. Den internationalen Vergleich hat Michael Kramarsch vom Vergütungsberater Towers Perrin angestellt: „US-Verwaltungsräte in den Boards bekommen doppelt so viel deutsche Aufsichtsräte.“

Im Schnitt üben die Aufsichtsratschefs 2,6 weitere Aufsichtsratsmandate aus. Aufsichtsratskönig ist Manfred Schneider: Der Partner der TV-Talkerin Sabine Christiansen bringt es es auf zwei Vorsitze und fünf Aufsichtsratsposten. Erlaubt sind zehn, der Kodex empfiehlt maximal fünf. „Zwei bis drei sind genug, wenn man noch einen Vorstandsposten hat,“ meint Schoppen von Spencer Stuart. „Ein Vorsitzender muss fürs Unternehmen einen Tag pro Woche investieren.“ Ansonsten hat ein Aufsichtsrat im Schnitt fünf Sitzungen im Jahr und kommt auf 15 Tage Arbeit.

In jedem zweiten Aufsichtsrat sitzen ein bis drei Ex-Vorstände. Die Kontrolleure der untersuchten Gesellschaften sind im Schnitt 60 Jahre alt. Frauen stellen bei den Aktionärsvertretern nur drei Prozent (USA: 13 Prozent). Nur 22 Prozent der Firmen haben ein Anforderungsprofil für Aufsichtsräte.

Deren Suche ist für Headhunter ein wachsender Markt: „Wo früher aus dem Netzwerk besetzt wurde, wird heute immer öfter nach bestimmten Leistungsprofilen gesucht“, bestätigt Ulrich Schumann, Partner von Boyden International. Schoppens Fazit: „Die Unternehmen haben den Corporate Governance Kodex gut angenommen. Neue Gesetze sind unnötig.“

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