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19.11.2014

14:39 Uhr

Aufsichtsratsexperte im Interview

„Der Aufsichtsrat kann sich nicht mehr so leicht rausreden“

Aufsichtsräte arbeiten heute besser und gewissenhafter als noch vor ein paar Jahren, sagt Aufsichtsratsexperte Peter Ruhwedel. Das müssen sie auch, denn sie können heute viel eher zur Rechenschaft gezogen werden.

Peter Ruhwedel, Professor für Strategisches Management an der FOM Hochschule in Duisburg:  „Das Selbstverständnis der Aufsichtsräte hat sich geändert“.

Peter Ruhwedel, Professor für Strategisches Management an der FOM Hochschule in Duisburg: „Das Selbstverständnis der Aufsichtsräte hat sich geändert“.

Peter Ruhwedel ist Professor für Strategisches Management an der FOM Hochschule in Duisburg und wissenschaftlicher Leiter des Kompetenz-Centrums für Unternehmensführung und Corporate Governance (KCU), das seit Jahren umfangreiche Studien zur Arbeit deutscher Aufsichtsräte erstellt.

Herr Ruhwedel, der vorsitzende Richter Jörg Schmitt sah es als erwiesen an, dass Thomas Middelhoff zu seiner Zeit als Chef von Arcandor das Unternehmen durch Untreue um 500.000 Euro gebracht hat, unter anderem durch Hubschrauber- und Privatjetflüge. Bei der Urteilsbegründung griff Schmitt auch den Aufsichtstrat von Arcandor an. Haben die Kontrolleure ihre Pflicht verletzt?
Peter Ruhwedel: Grundsätzlich ist die Nutzung eines Jets für den Chef eines so großen Unternehmens durchaus legitim – die Frage ist jedoch: Zu welchem Anlass? Was für ein Signal ist das für die Mitarbeiter des damals schon angeschlagenen Konzerns, wenn ihr Chef mit dem Privathubschrauber fliegt, statt mit dem Auto zur Arbeit zu fahren? Dieses Signal sollte man nicht unterschätzen.

Kann der Aufsichtsrat rechtlich belangt werden?
Middelhoff scheint als Vorstand auf eine Art und Weise agiert zu haben, die nicht vollständig durch seinen schriftlichen Arbeitsvertrag abgedeckt war. Die Frage ist, ob der Aufsichtsrat von diesen Handlungen wusste bzw. hätte wissen müssen. In der Praxis gibt es bisher jedoch sehr wenige Fälle, in denen der Aufsichtsrat tatsächlich zur Rechenschaft gezogen wurde.

Hat der Arcandor-Aufsichtsrat moralisch versagt?
Moral ist eine wichtige aber schwierige Kategorie. Man muss bedenken, dass auch die Arbeitnehmervertreter mit im Aufsichtsrat waren – und auch von dieser Seite kam augenscheinlich kein Protest. Wenn dann tatsächlich allen Aufsichtsratsmitgliedern in vollem Umfang klar war, in welchem Ausmaß private Vorteile genossen werden, hätten deutlich früher die Warnlampen angehen sollen.

Was muss ein Aufsichtsrat aus dem Unternehmen wissen?
Das hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Heutzutage lässt sich der Aufsichtsrat zum Beispiel von der Compliance-Abteilung des Unternehmens regelmäßig Bericht erstatten. Er kann sich daher nicht mehr so leicht damit rausreden, er habe von einem Vorgang nichts gewusst. Das war früher anders. Aber: Wenn ein Vorstand etwas verschleiern will, dann wird ihm dies in der Regel zumindest eine Zeit lang gelingen.

Ist auch das Haftungsrisiko der Aufsichtsräte gestiegen?
Eindeutig ja. So wurden etwa in diesem Jahr für Banken und Sparkassen zahlreiche neue Regeln eingeführt und die Anforderungen an die Gremien sind deutlich gestiegen. Während sich dies bei größeren Unternehmen im Dax oder MDax auch in der Vergütung zeigt, fällt es kleineren Gesellschaften immer schwerer, geeignete Kandidaten zu finden, da das Risiko und der Arbeitsaufwand teilweise in keinem angemessenen Verhältnis zur Vergütung stehen.

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