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14.01.2013

12:32 Uhr

Aufsichtsratsverband zu Thyssen-Krupp

„Cromme ist ein schlechtes Vorbild“

Thyssen-Krupp-Patriarch Berthold Beitz hatte im Handelsblatt Aufsichtsratschef Gerhard Cromme den Rücken gestärkt. Rufe nach dessen Rücktritt lässt das jedoch nicht verblassen. Grund: Eine mangelhafte Vorbildfunktion.

Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme (links) und Berthold Beitz. Reuters

Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme (links) und Berthold Beitz.

DüsseldorfThyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme gerät nun auch in der eigenen Zunft unter Druck: Die Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD) hat den 69-Jährigen zum Rücktritt aufgefordert. „Cromme hat eine Vorbildfunktion und dieser wird er nicht gerecht“, sagte der Vize-Präsident des Verbandes, Peter Dehnen, am Montag in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters.

Es sei schwer nachvollziehbar, dass Cromme die Schuld immer nur bei anderen suche. Er habe die Entwicklung des Unternehmens maßgeblich mitbestimmt. Es reiche nicht aus, im Zweifelsfall ein, zwei Gutachten zu bestellen und keine Konsequenzen zu ziehen. Thyssen-Krupp wollte sich zu den Aussagen des Verbandes nicht äußern.

Die 2012 gegründete Organisation sieht sich als Interessenverband der Aufsichtsräte. „VARD will nachhaltige Beiträge leisten, die Qualität der Aufsichtsratsarbeit zu verbessern. Ziel ist es darüber hinaus, den Aufsichtsrat als eigenen Berufsstand zu etablieren und für diesen verbindliche Grundsätze seiner Arbeit festzulegen“, heißt es in der Selbstbeschreibung. Präsident ist der ehemalige Metro -Chef Hans-Joachim Körber. Zum Präsidium gehört zudem Ex-RWE -Chef Dietmar Kuhnt. Die Zahl der Mitglieder soll in diesem Jahr auf 500 von derzeit knapp 100 steigen.

Thyssen-Krupp Geschäftsjahr 2011/12 (bis 30.9.)

Netto-Finanzschulden

5,8 Milliarden Euro (plus 62 Prozent)

Ergebnis nach Steuern

minus 5 Milliarden Euro (Vorjahr: minus 1,8 Milliarden Euro)

Betriebsergebnis (Ebit) der fortgeführten Aktivitäten

plus 976 Millionen Euro (minus 66 Prozent)

Betriebsergebnis (Ebit)

minus 4,3 Milliarden Euro (Vorjahr: minus 988 Millionen Euro)

Umsatz der fortgeführten Aktivitäten

40,1 Milliarden Euro (minus 6 Prozent)

Umsatz

47 Milliarden Euro (minus 4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr)

Das „Handelsblatt“ hatte zuvor von einem Offenen Brief des Verbandes an Cromme berichtet (lesen Sie den Beitrag im ePaper). Eine Antwort habe es bislang nicht gegeben, sagte Dehnen. In dem Schreiben vom 11. Januar sorgen sich die Mitglieder wegen der Vorgänge bei Thyssen-Krupp um den Ruf aller Aufsichtsräte. Der mit Milliardenverlusten und den Folgen von Kartellverstößen kämpfende Konzern lässt derzeit prüfen, ob das Kontrollgremium seinen Pflichten auseichend nachgekommen ist.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

Umgang mit Geschäftspartnern

Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

Umgang mit Geschäftspartnern (2)

Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

Umgang mit Gewerkschaftern

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

Querelen im Vorstand

ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

Korruptionsvorwürfe

Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

Das Werk in Brasilien (1)

Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

Das Werk in Brasilien (2)

Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

Das Werk in den USA

Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

„Die Vorgänge in Ihrem Hause machen uns betroffen und sind geeignet, ein falsches Licht auf die Aufsichtsratstätigkeit und die Mandatsträger zu werfen, die in ihrer Funktion mit großer Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit versuchen, gute Unternehmensführung zu praktizieren und weiterzuentwickeln“, heißt es in dem Brief. Cromme solle sein Amt niederlegen und damit ein Signal setzen. Verbands-Vize Dehnen rief ihn dazu auf, auf der Hauptversammlung die Vertrauensfrage zu stellen. Wenn Cromme nicht das Vertrauen aller Aktionäre habe, könne er den Konzern kaum repräsentieren.

Mehrere Aktionäre haben Cromme zum Rücktritt aufgefordert und wollen auf der Hauptversammlung am Freitag in Bochum Druck machen. An Cromme perlen die Rücktrittsforderungen bislang ab. Er wird dabei von der Krupp-Stiftung mit der 99-jährigen Konzernlegende Berthold Beitz an der Spitze unterstützt, der im Handelsblatt Cromme den Rücken gestärkt hatte. Die Stiftung hält gut 25 Prozent an dem Konzern und kann drei Vertreter direkt in den Aufsichtsrat entsenden. Einer davon ist Cromme. „Die Stiftung sollte ihn zurückrufen“, sagte Dehnen.

Von

rtr

Kommentare (6)

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dagobert

14.01.2013, 13:51 Uhr

warum ist herr cromme ein schlechtes vorbild? das verstehe ich nicht, cromme ist doch nur authentisch - oder?

Revisor

14.01.2013, 14:57 Uhr

Der Fisch stinkt am Kopf und für Thyssen scheint sich dies einmal mehr zu bewahrheiten.

Die jahrelangen Fehlentwicklungen kommen ja nicht von ungefähr. Zumindest liegt es genau und gerade an der Besetzung des Aufsichtsrats, wenn Unternehmen nicht mehr erfolgreich sind.

Herr Cromme scheint jenen Managertyp zu verkörpern, der Wasser predigt und im Wein ersäuft. Offensichtlich hat der Wein seine Sinne so stark vernebelt, dass er der Realität nicht mehr ins Auge schauen kann. Wer nicht selbst den Hut ziehen kann, muss mit der öffentlichen Schmach des Vertrauensentzugs auf der Aktionärsverhandlung konfrontiert werden. Meinem Vorredner kann ich mich nur anschließen, auch ich empfinde Herrn Cromme authentisch. Wie gesagt, der Fisch stinkt zuerst am Kopf.



An_Interested_Reader

14.01.2013, 15:14 Uhr

Chromme has, in this function, multiple responsibilities and obligations like setting strategic targets and then monitoring progress toward those targets and taking swift and decisive action when those targets are endangered; setting the tone at the top and the culture and policies that reflect and reinforce this, and taking swift decisive action violations occur; defining organizational roles and responsibilities, populating it with honest effective management, and taking timely decisive action to remove underperformers/violators; and understands the power of his actions and their importance of impregnating this via signal-effect into the cultural fiber and ethical sinew of his employer.

Who needs or benefits from a Chair that is a serial failure in each of these areas? After 25 years with the company and the last 15 or 20 at the top, if this is the best he can achieve, financial destruction and scandal after scandal, isn't it time for a change at the top?

Furthermore, one needs to question the relevance and value of Chromme's boss and mentor and to what degree the symbiosis between these two has brought Die Firma to its current sorry state. What benefit is there to 75% of shareholders when 25% of shares have supported thus person and his engineering of this slow-motion train wreck?

One further question: one may notice that the former Chair of Siemens, who departed that firm under the cloud of a bribery scandal, is a member of the TK supervisory board. Regardless of the qualifications of this person, what signal does it send that TK is happy to have him? I can't think of any better symbol of TK's Corporate Filz than this.

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