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19.07.2000

13:47 Uhr

Ausblick

Wissensmanagement - was wird möglich sein, was darf möglich sein?

VonUte Latzke

Das FBI schnüffelt mit dem Programm "Carnivore" E-Mails aus, um Verdächtige Personen aufzuspüren. Benutzerprofile von Internetanbietern liefern dem User seine persönlichen Informationen, dem Internethändler aber auch jede Menge Daten über den Kunden. Wissensmanagement macht transparent, "George Orwell lässt grüßen" - gefragt ist deshalb eine Ethik der Geschäftswelt.

DÜSSELDORF Das Programm „Carnivore“ des FBI schnüffelt E-Mails aus, was Datenschützer und die großen Onlinedienste in den USA sehr beunruhigt. Das als Fleischfresser bezeichnete Programm der amerikanischen Bundespolizei kann unter Millionen elektronischer Botschaften jede Mail eines Verdächtigen aufspüren. Außerdem lässt sich damit verfolgen, in welchen Chat-Room sich eine suspekte Person aufhält und welche Seiten sie sich im Internet anschaut. Nach Information des Wall Street Journal muss das Programm dafür mit dem Netzwerk eines Internetproviders wie zum Beispiel AOL verbunden werden, was in den USA allgemeine Proteste erregt hat.

Das FBI versichert, dass es Carnivore nur mit richterlicher Genehmigung einsetzen werde. Das Programm stelle lediglich den Versuch dar, mit den modernen Technologien Schritt zu halten. Datenschützer sind skeptisch, da nicht nachzuvollziehen sei, ob das Programm wirklich das macht, was das FBI behauptet. Außerdem lasse sich nicht nachprüfen, ob die Bundesbeamten tatsächlich nur die Mails von Verdächtigen lesen oder auch von Unbescholtenen. Der erste Internetprovider sei schon vor Gericht gezogen, da das Programm auf der Suche nach einem Verdächtigen zunächst alle Mails seiner Kunden überprüfen müsse. Datenschützer David Sobel schätzt diese Methode wesentlich gravierender als eine Telefonüberwachung ein und vergleicht sie mit dem berüchtigten Echelon-Abhörprogramm. Bei diesem wurden internationale Ferngespräche abgehört und auf Schlüsselwörter wie Bombe oder Kokain überprüft.

Bei einer ersten Anhörung im Rechtsunterausschuss für Verfassungsfragen des US-Repräsentantenhauses stieß "Carnivore" sowohl bei den Republikanern als auch Demokraten auf Widerspruch. Nach der Anhörung veröffentlichte der republikanische Mehrheitsführer Richard K. Armey eine Stellungnahme, in der er starke Bedenken äußerte, "dass die Regierung den grundlegenden verfassungsmäßigen Schutz der amerikanischen Bürger vor ungerechtfertigter Durchsuchung und Beschlagnahme verletzt". Deshalb forderte er, Carnivore abzuschalten, bis alle Bedenken ausgeräumt seien.

...Szenenwechsel...

Kauft ein Kunde bei einem Internet-Buchladen wie zum Beispiel Amazon, kennt der virtuelle Buchhändler den Kunden und sein Leseprofil bisweilen sehr genau. Das hat Vorteile: Der Kunde erhält entsprechende Vorschläge für weitere Literatur zu bestimmten Interessensgebieten, oder er wird rechtzeitig über Preiserlasse, Sonderaktionen und Neuerscheinungen etc. informiert. Lädt ein User sich einen Routenplaner aus dem Internet, wird er mit den seinem persönlichen Profil entsprechenden Informationen versorgt: Reisewetter am Zielort, Informationen zur Infrastruktur, Hotellerie, kulturelle Veranstaltungen etc. Als Gegenleistung erhält der Anbieter selbstredend jede Menge Einblick in die Vorlieben und das Kaufverhalten des Kunden – als Gegenleistung sozusagen.

...Ethik der Geschäftswelt...

„Wissensmanagement in seiner Reinform mit EDV-Unterstützung bedingt, dass ich mich als Individuum entblöße und der Software mein Kommunikationsverhalten, meinen gesamten Datenspeicher, meine Präferenzen und Interessen offen lege. Man wird so zum gläsernen Menschen bzw. gläsernen Kunden. Technologisch ist mit den modernen Wissensmanagement-Tools heute mehr möglich, als George Orwell sich je hätte träumen lassen. Deshalb wird im Zusammenhang mit Wissensmanagement in Zukunft das Thema „Ethik der Geschäftswelt“ sehr wichtig werden. Was mache ich als Unternehmer mit den mir anvertrauten Kundendaten? Was mache ich als Arbeitgeber mit den Informationen über meine Mitarbeiter?

Hier höre ich schon den Ruf nach dem Gesetzgeber, aber der wird sicherlich in diesem Bereich immer hinter den Realitäten hinterherlaufen. Wahrscheinlich wird sich ein Mechanismus zur Selbstregulation ausbilden. In Amerika gibt es bereits Fälle, bei denen unsensibler Umgang mit Kundendaten durch die Kunden bestraft wird – indem die Kunden einfach weggelaufen sind. Wissensmanagement ohne Auseinandersetzung mit der Frage der Vertraulichkeit ist jedenfalls nur eine halbe Sache, die auf Dauer nicht funktionieren kann und wird“, so Wolfgang Sturz von wissensmanagement.net.

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