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26.11.2014

06:18 Uhr

Aussteiger

Wenn ein üppiges Gehalt nicht mehr reicht

VonJohannes Steger

Eine Architektin, die hauptberuflich Hundekekse backt, und Unternehmensberaterinnen, die sich lieber Gartengestaltung und Inneneinrichtung widmen. Warum Menschen ihren Job hinschmeißen und sich selbstständig machen.

Was wäre, wenn Sie nicht mehr mit dem Strom schwimmen müssten, sondern einfach Ihr eigenes Ding machen könnten? Getty Images

Was wäre, wenn Sie nicht mehr mit dem Strom schwimmen müssten, sondern einfach Ihr eigenes Ding machen könnten?

DüsseldorfJohanna Spielberg wacht auf und weiß nicht, in welcher Stadt sie ist. Es dauert einige Schrecksekunden, bis ihr es wieder einfällt. Sie ist in einer Stadt in Süddeutschland. In einem jener Hotelzimmer, die überall auf der Welt gleich aussehen.

Spielberg ist Unternehmensberaterin, reist viel, auch an Feiertagen. Sie erledigt als Interims-Managerin Feuerwehrprojekte: kurzfristige, schnelle Problemlösung – überall in Europa. „Es hat mich nicht gestört, dass ich viel reisen oder aus dem Koffer leben musste“, sagt Spielberg. „Es war das Orientierungslose, das mir zeigte, dass ich auf dem Holzweg war.“ In ihren Projekten fühlt sie sich häufig als Buhmann. Gebucht, um die harten Entscheidungen der Konzerne durchzusetzen. Mit der Unternehmensberatung, die sie eigentlich machen wollte, hatte das nicht mehr viel zu tun.

Spielbergs Leidenschaft für Inneneinrichtung führt sie 2013 auf die Brüsseler Antikmesse: Viele Händler sind in dieser Zeit verreist und stellen ihre Geschäfte externen Kollegen zur Verfügung. In ihr beginnt eine Idee zu reifen: Was wäre, wenn man dieses Konzept ins Internet bringen würde? Also einen Raum, in dem Designer und Produzenten auf schon vorhandene Strukturen zurückgreifen können.

2014 wagt die 36-Jährige den Schritt: Sie steigt aus der Unternehmensberatung aus und gründet mit ihren Lebenspartner Yooyama: Einen Online-Shop für Interieur-Design, der neben Produkten auch Inspiration in Form eines Blogs bietet.

Für Buchautor und Unternehmensberater Thorsten Reiter ist der Schritt in die Selbstständigkeit einer der großen Trends unserer Zeit: „Heute steht oft der Lifestyle im Mittelpunkt – Selbstverwirklichung, Freiheit, Kreativität und Selbstbestimmung.“ Dafür macht Reiter zum einen das deutsche Standardangebot der deutschen Arbeitswelt verantwortlich, das an den Vorstellungen gerade junger Arbeitnehmer vorbei gehe.

Aber auch bei Vollberufstätigen herrsche oft Unzufriedenheit über den Berufsalltag. Denn die erwarteten aufgrund des Geleisteten mehr, als ihnen  geboten würde: „An diesen beiden kritischen Punkten – also zu Beginn des Arbeitslebens und auf dem selbst wahrgenommenen `Höhepunkt` – müssen die Arbeitnehmer feststellen, dass sie lediglich Sold für Lebenszeit bekommen, nicht mehr“, sagt Reiter. Gehalt reiche dann eben nicht mehr aus, um die Leere zu füllen.

Die 10 besten Ratschläge für Unternehmer

Hab Spaß

„Das Leben ist ein Marathon und kein Sprint“, sagt Thorsten Reiter, dessen Buch „Start up – Jetzt! Endlich loslegen und es richtig machen“ gerade im Campus-Verlag erschienen ist. Genauso verhält es sich auch mit dem Bestreben als Unternehmer. Reiter: „Wer lange durchhalten will, sollte Spaß an der Sache entwickeln, der er täglich nachgeht, und vor allem daran, wie er es tut.“

Glaub an dich

Unternehmer sollten sich laut Reiter darauf konzentrieren, ihre Marke auszubauen sowie ihre Arbeit zu erledigen, und aufhören, über sich und ihr potentielles Versagen nachzudenken. „Wenn sie eines Tages scheitern, werden sie es schon merken und haben genug Zeit, im Nachhinein darüber nachzudenken.“

Glück ist eine Einstellungssache

„Jeder Gründer sollte sich entscheiden, stets Glück zu haben“, rät Thorsten Reiter. Seiner Lebensphilosophie nach liegt es in den eigenen Händen, Glück zu haben. Dabei ist für den Gründer-Experten genauso richtig, dass jeder einzelne der Herr seines Schicksals ist wie der Glaube daran, dass alles, was wir erleben, durch etwas oder jemanden vorherbestimmt ist.

Versuchen ist gut, machen ist besser

Reiter rät jungen Unternehmern nicht zu „entscheiden“, wann sie gescheitert sind. „Scheitern passiert und es bleibt keine andere Wahl, als das Scheitern zu akzeptieren und daraus zu lernen.“ Getreu dem Motto von Meister Yoda in Star Wars: „Do or do not. There is no try!“.

Nutze alle Ressourcen

Haben Sie Spaß daran, Teil von etwas zu sein und nutzen Sie das für sich. Als Unternehmer erhalten Sie Zugang zu Ressourcen, für die man sonst große Summen bezahlen müsste. Reiter: „Ein Marketingplan-Wettbewerb an einer lokalen Hochschule beispielsweise gibt der Einrichtung sowie ihren Studierenden Stoff, um sich weiter zu qualifizieren“, und Ihnen als Unternehmer einen enormen Pool an neuen Ideen.

Manchmal hilt nur: Zähne zusammenbeißen!

Jungunternehmer sollten sich schnell daran gewöhnen, die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit nicht nur auszutesten, sondern sie regelmäßig zu überschreiten. Thorsten Reiter: „Nur so können sich Gründer und Erfolgssuchende sicher sein, wo sie verlaufen.“ Und: „Im gemütlichen Nine-to-Five-Sessel lassen sich keine Märkte revolutionieren und keine Konsumentenerfahrungen erschaffen, die zu wahren Ereignissen im Leben der Kunden werden.“

Gib dein Wissen weiter

Behalten Sie niemals die Dinge, die Sie auf Ihrem Weg gelernt haben, für sich. Teilen Sie, wann immer sie können, lautet die Empfehlung des Start-Up-Experten Reiter. Halten Sie also Vorträge, geben Sie Workshops oder seien sie selbst ein Mentor für andere Entrepreneure. Reiter: „Dadurch wird auch der Gründer selbst besser, versteht seine Herangehensweisen und erhöht sein Exposure.“

The winner shares it all

Steuern Sie auf Ihrem Weg gezielt Win-Win-Win-Effekte an und ermöglichen Sie es so einer größeren Anzahl von Menschen, sich mit Ihrer Idee und der Sache, für die Sie stehen, zu identifizieren. Keine Angst, das bedeutet nicht, dass Sie etwas vom Kuchen abgeben müssen; es bedeutet, so Reiter, dass alle am Ende mehr haben. Wenn jemand also einen WLAN-produzierenden Baum entwickeln würde, wäre der zusätzliche Klimafaktor solch ein Effekt.

Verändere das Spiel der Könige

Was hat Unternehmertum mit Schach zu tun? Reagieren Sie im Business nicht nur auf die Züge des Gegners, sondern gehen Sie einen Schritt weiter über die Grenzen des Bretts hinaus, rät Thorsten Reiter. So werden die Regeln des Spiels neu definiert, das Feld wird erweitert und die Möglichkeiten sind plötzlich unzählig. Wer als Unternehmer gelernt hat, das Spiel zu durchschauen, hält einen Trumpf in der Hand, der die Konkurrenz ins Chaos stürzen kann. Reiter: „Manchmal ist ein vermeintlich irrationaler Zug der entscheidende Schlag, und was von außen wie Chaos erscheint, ist lediglich die strategische Wendung hin zum eigenen Competitive Advantage und ein echter Game Changer.“

Finde deine Antworten

Sind Sie ein Unternehmer? Haben Sie den Mut dazu, Ihr Leben – egal ob angestellt oder selbstständig – nachhaltig zu verändern? Ist das der richtige, der einzige Weg? Diese Fragen möchten Thorsten Reiter jedem potentielen Gründer mit auf den Weg geben, denn er kann lediglich Denkanstöße geben. Die Antworten darauf muss jeder für sich selber finden. Reiter: „Ob du ins Abenteuer Unternehmertum aufbrechen wirst, ob diese Reise für dich bestimmt ist, kannst nur du selbst sagen. Nur du kannst diese Antworten geben.“

Auch für Spielberg war dieser Punkt erreicht. Statt von Hotel zu Hotel zu reisen, sucht sie heute für ihre Kunden nach passenden Produkten und Designern, bietet Marketing, professionelle Bezahlmethoden, eine Grossistenstruktur und die Platzierung der Produkte in Blogbeiträgen – alles auf eigene Rechnung. Mittlerweile betreibt sie in der Düsseldorfer Carlstadt einen Showroom, in dem Ausstellungsfläche gebucht werden kann.

Doch der Weg zur Gründung war nicht leicht. Als sie ihren Businessplan den Banken vorlegte, stieß sie auf Skepsis: „Die Bankberater waren alle „versamwert“ und fragten nach Vergleichbarem“, sagt sie. Damit spielten sie auf die Methode der Samwer-Brüder an, die mit ihren Inkubator Rocket Internet in Geschäftsideen investieren, die bereits erfolgreiche Modelle kopieren. „Wir haben aber nicht kopiert, sondern etwas Eigenes entwickelt“, sagt Spielberg.

Ein Problem, das auch Karriereexpertin und Buchautorin Svenja Hofert kennt. Ihr Motto: „Vergiss die Banken!“ Die bankentypische Frage nach Vergleichsmodellen bei Gründern funktioniere nicht in einer sich immer weiter spezialisierenden Arbeitswelt. Zudem stünden Aufwand und die nötigen Versicherungen meist in keinem Verhältnis zu dem gewünschten Kreditrahmen. Bei Spielberg klappte es dann dank eines Bankers, der sie schon als Privatkundin kannte.

Rezension „Start-up Jetzt!“: „Jeder hat das Zeug zum Unternehmer“

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„Jeder hat das Zeug zum Unternehmer“

Was wäre wenn Sie sich nicht mehr von Ihrem Chef knechten lassen müssen, sondern einfach Ihre eigenes Ding machen könnten? Machen Sie es!, sagt Autor Thorsten Reiter. Denn er ist überzeugt: Wir brauchen mehr Unternehmer!

Aber auch dann, wenn man einen Kredit in der Tasche hat, ist die Gründung ein Vorhaben, dass man sich leisten können muss. So finanzieren Spielberg und ihr Lebenspartner den laufenden Geschäftsbetrieb aus dem Gründerkredit, die Gewinnschwelle ist noch nicht erreicht. Für den Lebensunterhalt muss das Ersparte dran glauben.

Für das nötige Startkapital empfiehlt Expertin Hofert das eigene Umfeld oder Methoden wie Crowdinvesting. Einen Weg, den auch Christina Hochhausen gegangen ist. Die Wahlhamburgerin gründete 2011 den Webshop Greenbop. Eine Plattform, die sich auf Produkte und Services rund um das Thema Garten und Pflanzen spezialisiert hat und Balkongestaltung für Privatkunden und Bürobegrünungskonzepte bietet.

Sie entschied sich gegen Fremdkapital, auch gegen Angebote von Finanzinvestoren: „Das sind Firmen, die meist unter Hochdruck Wachstum fordern – für den Aufbau eines gesunden Unternehmens ist das aber oft nicht förderlich“, sagt Hochhausen. Sie finanzierte Greenbop selbst: „Ich musste also von Anfang an so handeln, dass am Ende des Monats immer etwas Geld übrig blieb und das Wachstum allein aus den Gewinnen finanziert wird.“

Kommentare (8)

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Herr wulff baer

26.11.2014, 09:27 Uhr

Das Beispiel der Unternehmensberaterin steht stellvertretend für ein erschreckend kaltes und unpersönliches Klima z.B. bei börsennotierten Unternehmen.

Dort pflegen rabiate, überbezahlte Kurzfrist-Ceos überwiegend ihren Börsenkurs.

Sie agieren ungefähr genauso wie unsere Polit-Dilettanten von Wahl zu Wahl, oder auf die Wirtschaft bezogen, von Berichtstermin zu Berichtstermin.

Irgendwann werden sie dann wie Big-T oder abgehalfterte politische Ministerpräsidenten mit absurd hoher Versagens-Abfindung gefeuert.

Zurück bleibt eine Heerschar gefeuerter Arbeitsloser mit schlechter Perspektive.

Herr Dr. Peter Lustig

26.11.2014, 10:30 Uhr

Selbstverwirklichung steht in der menschlichen Bedürfnispyramide (nach Maslow) an der Spitze und bedingt, dass sämtliche Grundbedürfnisse (Nahrung, Sicherheit, Liebe etc.) erfüllt sind.

Deshalb sollte die Überschrift wohl eher lauten "Was man Dank eines üppigen Gehalts mit seinem Leben anfangen kann".

Wieviele Freiberufler verdienen unter Hartz IV nach Abzug der Kosten, Steuern und Krankenversicherungsbeiträge?

Herr Helmut Paulsen

26.11.2014, 10:36 Uhr

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