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02.04.2015

17:50 Uhr

Autisten im Beruf

Der etwas andere Kollege

VonLisa Hegemann

Viele Autisten haben Probleme, einen Job zu finden – obwohl sie teils beste Qualifikationen mitbringen. Spezialprogramme wollen das ändern. Trotzdem traut sich nicht jeder Autist, seine Diagnose öffentlich zu machen.

Der Autist geht offen mit seiner Diagnose um und hat drei Bücher über seine Erfahrungen geschrieben. privat

Peter Schmidt auf der Frankfurter Buchmesse 2014

Der Autist geht offen mit seiner Diagnose um und hat drei Bücher über seine Erfahrungen geschrieben.

Gadenstedt/KölnAls das Team-Treffen in Paris auf den Tag des jährlichen Firmenlaufs fällt, ist für Peter Schmidt klar: An dem Meeting wird er nicht teilnehmen können. Denn der Lauf ist seit dem Jahr 2000 ein fester Bestandteil seines Lebens. Schmidt, Angestellter bei einem französischen Pharmakonzern, kann ihn nicht ausfallen lassen.

Als der IT-Spezialist zu seinem Chef geht und ihn über die Problematik informiert, betont dieser, wie wichtig das Treffen sei, schließlich wolle das Pariser Team ihn, Schmidt, gerne kennenlernen. Er müsse mitkommen. „Dann bin ich in den nächsten vier Wochen für Sie nicht zu gebrauchen“, sagt Schmidt zu seinem Chef. Der Ausfall des Laufes würde seine Struktur durcheinander bringen. Und die Struktur ist für ihn lebenswichtig.

Peter Schmidt ist Autist. Der promovierte Geophysiker hat das Asperger-Syndrom. Für ihn sind kurzfristige Änderungen in seinem Terminplan ein Problem. Gerät seine Struktur durcheinander, dann sei er „wie ein Computer, der sich aufgehängt hat“, erklärt Schmidt beim Gespräch in seinem Haus in Gadenstedt: „Dann geht nichts mehr.“ Deshalb braucht er klare Regeln. Seine Kollegen und Vorgesetzten müssen Schmidt beispielsweise 24 Stunden vorher warnen, wenn sie für einen Termin in sein Büro kommen oder wenn ein Treffen ansteht.

Schmidt zeigt damit ein Verhalten, das nicht untypisch für Autisten ist. Denn Veränderungen können eine Person mit der Diagnose Autismus oder speziell dem Asperger-Syndrom vor Probleme stellen. Das macht es für sie nicht nur im Job schwierig, sondern das macht es für sie schwierig, überhaupt eine Anstellung zu finden.

Diagnose Autismus

Was ist Autismus?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Autismus als „tiefgreifende Entwicklungsstörung“. Diese beginnt gewöhnlich im frühkindlichen Alter und zieht sich durch das gesamte Leben. Allerdings unterscheiden sich die Ausprägungen. Deshalb ist heute oft von der Autismus-Spektrum-Störung die Rede. Der Begriff soll zeigen, dass es auch Übergänge zwischen den einzelnen Formen gibt.

Was sind Merkmale für Autismus?

Experten definieren drei Kernbeeinträchtigungen, die auf alle Formen von Autismus zutreffen: Beeinträchtigung bei der sozialen Interaktion, Beeinträchtigung bei der Kommunikation – bei der Sprache sowie bei nonverbaler Kommunikation – und auffällige Fixierungen auf bestimmte Interessen.

Welche Formen von Autismus gibt es?

Autismus kann in verschiedenen Ausprägungen auftreten. Experten unterscheiden mehrere Formen, hauptsächlich zwischen dem frühkindlichen Autismus, dem Asperger-Syndrom und dem atypischen Autismus.

Was sind Anzeichen für frühkindlichen Autismus?

Der frühkindliche Autismus beginnt in den ersten drei Lebensjahren. Er zeigt sich zum Beispiel durch ein gestörtes Kontaktverhalten oder verzögerte Sprachentwicklung. Die ersten Anzeichen können sich auch im Spiel zeigen, etwa durch immer die gleichen Bewegungen oder Handlungen. Der Autismus ist gewöhnlich eine geistige Behinderung, teilweise können Menschen mit frühkindlichen Autismus aber auch normal bis hochintelligent sein.

Was sind Anzeichen für das Asperger-Syndrom?

Der wesentliche Unterschied zum frühkindlichen Autismus zeigt sich darin, dass Asperger-Autisten gewöhnlich keine verzögerte Sprachentwicklung oder beeinträchtigtes kognitives Verhalten aufweisen. Asperger-Autisten haben oft ein ausgeprägtes Spezialinteresse. Ihr Verhalten kann, wie bei frühkindlichen Autisten auch, zwanghaft sein und ständig wiederholt werden. In der Kommunikation kann es Probleme dadurch geben, dass Asperger-Autisten nonverbale Kommunikation – etwa Gestik und Mimik – nicht wahrnehmen oder deuten können. Asperger-Autisten weisen gewöhnlich eine normale bis hohe Intelligenz auf.

Was sind Anzeichen für atypischen Autismus?

Der atypische Autismus unterscheidet sich insofern vom frühkindlichen, als dass die Anzeichen auch nach dem dritten Lebensjahr auftreten können oder nicht alle drei Kernmerkmale aufweisen.

Was kann ein Autist auf dem Arbeitsmarkt leisten?

Das kommt auf die Form von Autismus an. Voraussetzung für einen Job sind kognitive Fähigkeiten. Nach Angaben von Hermann Cordes, erster Vorsitzender am Institut für Autismusforschung in Bremen, sind nur sehr wenige Autisten für den Arbeitsmarkt interessant. Etwa 40 bis 50 Prozent der Autisten sind schwerbehindert und finden nicht oder nur sehr selten in das Berufsleben, auch für die anderen 35 bis 50 Prozent ist der Arbeitsmarkteintritt selten. Aber auch bei den zehn bis fünfzehn Prozent, die einen Beruf ergreifen können, gibt es Unterschiede. Manche können ohne große Probleme Karriere machen, andere scheitern immer wieder an kommunikativen oder sozialen Schwierigkeiten.

Allerdings gibt es Unterschiede: „Nicht alle Autisten können ein normales Arbeitsverhältnis eingehen“, sagt Hermann Cordes, erster Vorsitzender des Instituts für Autismusforschung an der Jacobs University Bremen. Das Spektrum reiche von Autisten mit Professoren-Niveau, deren Intelligenzquotient zwischen 140 und 150 liegt, bis hin zu Schwerbehinderten, die niemals einen Job ausüben könnten.

Die autistische Störung ist nach Definition der Bremer Forschungseinrichtung eine „tiefgreifende Entwicklungsstörung, die durch eine neurobiologische Störung der Hirnentwicklung verursacht wird und eine massiv veränderte Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung zur Folge hat“. Forscher unterscheiden dabei zwischen mehreren Ausprägungen, der allgemeine Begriff lautet Autismus-Spektrum-Störung. Dazu zählt etwa der frühkindliche Autismus oder eben das Asperger-Syndrom, das bei Schmidt diagnostiziert wurde. Menschen wie er haben „hohe kognitive Fähigkeiten“, erklärt Cordes weiter. In der Fachsprache werden sie als hochfunktionale Autisten bezeichnet. Wenn es um Autisten im Beruf geht, dann – größtenteils – um sie.

Dass Autisten als Arbeitnehmer eigentlich interessant sein müssten, liegt an ihren Fähigkeiten. „Autisten bringen viele positive Eigenschaften mit“, erklärt Cordes. Sie seien ehrlich, zuverlässig, motiviert, ja fast zwanghaft in ihrer Arbeit und würden selten Fehler machen. Hochfunktionale Autisten sind einer Studie der Uniklinik Köln zufolge sogar besser qualifiziert als der Durchschnittsbürger. 77 Prozent der Autisten haben Abitur, einen Hochschulabschluss können 35 Prozent von ihnen vorweisen. Im Bundesdurchschnitt hingegen sind es laut der Statistik der Bundesarbeitsagentur lediglich 33 Prozent beziehungsweise 15 Prozent – also jeweils weniger als die Hälfte.

Trotzdem ist die Arbeitslosenquote unter Menschen mit einer autistischen Veranlagung fast drei Mal so hoch: 18 Prozent von ihnen haben keinen Job – im bundesdeutschen Mittel sind es knapp sieben Prozent. Die Daten beziehen sich spezifisch auf die Erwachsenenforschung an der Uniklinik Köln und die Autisten, die sich dort vorstellen, sind also nicht hundertprozentig repräsentativ. Trotzdem geben sie einen Einblick dessen, wie stark sich Qualifikation und Berufstätigkeit im Autismus unterscheiden.

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