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12.01.2009

13:06 Uhr

Commerzbank

Kleinlaute Töne aus dem Tower

VonSven Afhüppe

Vor vier Monaten kündete ein optimistischer Commerzbank-Chef die Übernahme der Dresdner-Bank an, heute steht Martin Blessing vor einem Scherbenhaufen: Die Dresdner erweist sich als Fass ohne Boden, und auch die eigene Bilanz ist voller Risiken. Warum die Commerzbank nicht ohne staatliche Hilfen auskommt.

Die schlimmsten Belastungen stehen der Commerzbank nach Ansicht von Experten noch bevor. Foto: dpa Quelle: dpa

Die schlimmsten Belastungen stehen der Commerzbank nach Ansicht von Experten noch bevor. Foto: dpa

BERLIN/FRANKFURT. Martin Blessing wirkt kleinlaut an diesem bitterkalten Donnerstagabend. Abgekämpft sitzt er in der Vorstandsetage des Commerzbank-Towers in Frankfurt. Die blauen Augen sind müde von den zahlreichen Verhandlungsrunden bis tief in die Nacht. Der 45-Jährige hat sich verausgabt beim Ringen um die Rettung von Deutschlands zweitgrößtem Geldhaus. Der Kollaps ist vorerst abgewendet - aber zu welchem Preis? Mit gut 25 Prozent Beteiligung ist der Bund künftig der größte Anteilseigner der Bank. Blessing hat lange Zeit versucht, das zu verhindern. Mit letzter Kraft. Nun sagt er: "Ich habe Verständnis, dass der Bund, wenn er so viel investiert, irgendwo auch stärker draufgucken will." So viel, das sind zehn Mrd. Euro Staatshilfe - zusätzlich zu den 8,2 Mrd. Euro, die sich die Frankfurter schon Anfang November beschafft hatten.

Vor vier Monaten, am 1. September, bei der Ankündigung der Dresdner-Bank-Übernahme, hatte die Öffentlichkeit noch einen ganz anderen Blessing erlebt. Zwar auch übermüdet, keine Frage - aber aufgekratzt, stolz, optimistisch, voller Tatendrang. "Wir ergreifen eine einmalige Chance", frohlockte der Marathon-Läufer damals.

Heute steht Blessing vor einem Scherbenhaufen. Verhindern konnte er es nicht. Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers hat die gesamte Branche schwer getroffen. Die Commerzbank-Aktie hat mit 4,47 Euro den tiefsten Stand ihrer Geschichte erreicht; gerade einmal 3,4 Mrd. Euro ist die Bank noch an der Börse wert. Die Dresdner erweist sich als Fass ohne Boden, und auch die eigene Bilanz ist voller Risiken. Die schlimmsten Belastungen durch die Rezession stehen aber erst noch bevor. Zu allem Überfluss könnte der Bund Blessing künftig kräftig hineinregieren. "Wer die Musik bezahlt, bestimmt auch die Melodie - wie sollte es sonst sein", ätzt man bei der Konkurrenz.

Glaubt man den Beteiligten, wurde erst um die Weihnachtsfeiertage deutlich, wie katastrophal das Schlussquartal für Dresdner und Commerzbank gelaufen ist. Die Verhandlungen über eine erneute Hilfe wurden konkret. Kleinere Anzeichen dafür gab es aber schon zwei Monate vorher, erfuhr das Handelsblatt aus Regierungskreisen. Seit der ersten Rettungsaktion am 3. November hätten sich Vertreter des bundeseigenen Finanmarktstabilisierungsfonds SoFFin wöchentlich mit Blessing und Allianz-Chef Michael Diekmann oder dessen Vorstandskollegen Paul Achleitner getroffen. Anders als bei der Münchener Hypo Real Estate sei Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) deshalb auch nicht aus allen Wolken gefallen, als er vom weiterem Kapitalbedarf der Commerzbank erfuhr.

Dass alles so lange unter der Decke blieb, verdankt Blessing seinen guten Kontakten nach Berlin. Von seinem Vorgänger Klaus-Peter Müller hat er es gelernt, ein vertrauensvolles Netzwerk zu den wichtigsten Entscheidungsträgern in der Politik aufzubauen. Während der vergangenen Wochen konnte sich der Commerzbank-Chef deshalb auf die Unterstützung von gleich drei Regierungsbeamten verlassen: Jens Weidmann, der Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sowie Steinbrücks Staatssekretären Jörg Asmussen und Axel Nawrath. Letzterer sitzt praktischerweise dem Lenkungsausschuss des SoFFin vor. Blessing und Nawrath duzen sich, eine persönliche Bekanntschaft, die noch aus der Zeit des Staatssekretärs als Managing Director bei der Deutschen Börse stammt.

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