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13.01.2009

21:05 Uhr

GLS-Bank

Die gläserne Bank

VonMichael Detering

Der Ansatz der kleinen GLS Bank ist radikal: Alle Geschäftskredite und Investitionen werden veröffentlicht. Jetzt, da der Ruf nach mehr Transparenz bei den Banken laut wird, könnte sich die zuvor belächelte Nischenbank als Vorbild erweisen, sagen Experten.

Bei den Finanzierungen sind die meisten Banken schweigsam. Foto: AP ap

Bei den Finanzierungen sind die meisten Banken schweigsam. Foto: AP

FRANKFURT. Es ist klirrend kalt an diesem Montagmorgen im Hamburger Schanzenviertel. Jonas Puschke-Rui schwingt sich auf sein schwer beladenes Fahrrad. Die Kisten vor dem Lenker und auf dem Gepäckträger und die zwei großen Seitentaschen sind prall gefüllt. In ihnen stecken kleine und große Papiertüten, oben schauen Äpfel und Bananen heraus. Die Kälte kann dem 37-Jährigen wenig anhaben. "Beim Fahren wird einem schon warm", sagt der schlanke Mann mit den langen schwarzen Haaren.

Zusammen mit einer Freundin hat Puschke-Rui einen Lieferservice für Biolebensmittel aufgemacht. Um ihren Traum vom eigenen Unternehmen zu finanzieren, benötigten sie aber viel Geld. Sie bekamen es von der ökologisch orientierten GLS Bank. Wie viel, kann jeder im Internet nachlesen: 80 000 Euro. "Ich habe mir vorher gar keine Gedanken gemacht, dass der Kredit veröffentlicht wird", sagt Puschke-Rui. Doch das ist Bedingung bei der GLS Bank.

Das kleine Geldinstitut hat sich der umweltbewussten Geldanlage verschrieben - und der Transparenz. Keine andere Bank in Deutschland legt ihr Geschäftsgebaren so detailliert offen wie die alternativ-ökologische Bank aus Bochum. "Das gibt den Kunden, die uns ihr Geld anvertrauen, mehr Sicherheit", sagt der GLS-Bankchef Thomas Jorberg. Jetzt, da der Ruf nach mehr Transparenz bei den Banken laut wird, könnte sich die zuvor belächelte Nischenbank als Vorbild erweisen,sagen Experten.

Der Ansatz der GLS Bank ist radikal. Viermal im Jahr verschicken die Bochumer die Kundenzeitschrift "Bankspiegel". Darin finden sich alle aktuellen Geschäftskredite: 1,3 Mio. Euro für eine neue Wasserkraftanlage der Renertec GmbH im hessischen Brachttal. 1,8 Mio. Euro für den Bau eines Alten- und Pflegeheims in Mühlhausen. 40 000 Euro für das "Regenbogenhostel", eine Art Jugendherberge in Berlin. Und 80 000 Euro eben an "Biobob", den Lieferservice von Puschke-Rui. Die Bank gibt auch an, in welche Anleihen und Aktien sie ihr Geld steckt. Das alles kann die Öffentlichkeit auch im Netz nachlesen.

Der 51-jährige GLS-Bankchef Thomas Jorberg trägt einen dunklen Anzug, blaues Hemd und dunkle Krawatte, so wie es sich für einen Banker gehört. Er hat Ökonomie studiert, und doch redet der Mann mit dem etwas lichten, leicht angegrauten Haar statt über Renditeziele lieber darüber, wie man "mit der eigenen Geldanlage einen Beitrag für eine lebenswerte Welt liefern kann". Die Kunden, die ihr Geld zur GLS-Bank tragen, wollen nicht den höchsten Zinssatz, sondern ein gutes Gefühl.

"Unsere Kunden können selbst beurteilen, ob ihr Geld sinnvoll angelegt ist", sagt Jorberg. Sie wollten nicht, dass ihre Mittel an Unternehmen fließen, die Atomkraftwerke oder spritfressende Autos bauen. Kredite für Solaranlagen, Kindergärten oder den Biolieferservice, die sind in Ordnung. Es sei schon vorgekommen, dass Kunden sich über bestimmte Kredite beschwert hätten und dann ihr Geld zurückgezogen hätten, erzählt Jorberg.

Doch wirkt so viel Offenheit nicht auch abschreckend? Für viele Unternehmen wäre es eine Horrorvorstellung, wenn ihre finanziellen Verhältnisse offengelegt würden. Biounternehmer Puschke-Rui sieht das gelassener. Als ihm der Kundenberater erklärte, dass sein Kredit veröffentlicht wird, sei er schon ins Nachdenken gekommen, erzählt der 37-Jährige. "Doch der Betrag ist ja nach wie vor eine abstrakte Größe", sagt er. Niemand wisse etwa, wie viel Eigenkapital er in das Unternehmen gesteckt habe. "Das sagt doch alles mehr über die Bank aus als über uns."

Datenschutzrechtlich ist die Veröffentlichung der Kreditnehmer erlaubt, da die GLS-Bank nur Geschäftskunden-Daten veröffentlicht. Privatkunden bleiben außen vor. Auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat mit dem Geschäftsmodell keine Probleme.

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