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20.03.2017

17:25 Uhr

Hypo-Real-Estate-Prozess

Ex-HRE-Manager bestreiten Bilanzfälschung

In München steht seit Montag die deutsche Symbolfigur der internationalen Finanzkrise vor Gericht: der ehemalige HRE-Chef Georg Funke. Am ersten Verhandlungstag kam der mitangeklagte Ex-Finanzchef Markus Fell zu Wort.

Prozessbeginn für Ex-HRE-Chef

Warum der Skandalbanker ungeschoren davon kommen könnte

Prozessbeginn für Ex-HRE-Chef: Warum der Skandalbanker ungeschoren davon kommen könnte

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MünchenNach jahrelangen Verzögerungen hat der Strafprozess gegen die deutsche Symbolfigur der internationalen Finanzkrise begonnen: Georg Funke, früherer Vorstandschef der Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE), steht seit Montag vor dem Landgericht München I. Die Staatsanwaltschaft warf Funke und dem mitangeklagten früheren HRE-Finanzchef Markus Fell zum Prozessauftakt vor, die Krise der Bankengruppe im Geschäftsbericht 2007 und im ersten Halbjahr 2008 verschleiert und geschönt zu haben - „eine unvertretbar und evident falsche Darstellung der Liquiditätslage der HRE“, sagte Staatsanwältin Franziska Schmidt am Montag zum Auftakt des Prozesses.

Der frühere Finanzchef Fell versuchte, alle diese Vorwürfe zu entkräften. Sachlich erläuterte der 52-Jährige vor dem Gericht seine Sichtweise und ging dabei auf zahlreiche Details der Geschäftslage und der damalige Finanzberichte der HRE ein. Jahrelang geübt in Vorträgen vor Investoren, blickte Fell zwar immer wieder in sein Manuskript, sprach aber weitgehend frei. „Zusammenfassend ergibt sich eine weit differenziertere Darstellung der Liquiditätslage, als sie die Staatsanwaltschaft München I in ihrer Anklageschrift suggeriert“, erklärte er.

Mit der spektakulären Rettung des einstigen Dax-Konzerns im Herbst 2008 war die internationale Finanzkrise endgültig in Deutschland angekommen. Der Staat pumpte aus Angst vor Ansteckungseffekten fast zehn Milliarden Euro in die HRE, hinzu kamen Garantien bis zu 124 Milliarden Euro. Für Deutschlands Steuerzahler war die HRE damit der teuerste Schadenfall der Krise. Eine Insolvenz der „systemrelevanten“ Bank hätte nach damaliger Einschätzung im Dominoeffekt weitere große Bankpleiten nach sich gezogen.

Deutsche Banken im Strudel der Finanzkrise

BayernLB

Die Landesbank hatte sich im Zuge der US-Hypothekenkrise verspekuliert und musste mit Notkrediten von zehn Milliarden Euro gestützt werden. Die EU-Kommission verordnete eine radikale Schrumpfkur mit Halbierung der Bilanzsumme. Für das vergangene Jahr konnte die BayernLB wieder einen Nettogewinn von 545 Millionen Euro vermelden - zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

Commerzbank

Die zweitgrößte deutsche Privatbank geriet nach der riskanten Übernahme der Dresdner Bank mitten in der Finanzkrise in Turbulenzen. Der Staat sprang ein. Die direkten Staatshilfen haben die Frankfurter vor einigen Jahren zurückgezahlt. Der Bund ist mit rund 15 Prozent aber weiterhin größter Einzelaktionär der Commerzbank.

HRE

Der Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate war im Jahr 2008 fast kollabiert und musste mit staatlichen Milliardenhilfen aufgefangen werden, um den Finanzplatz Deutschland nicht zu gefährden. Ein Jahr später wurde die Bank notverstaatlicht. Die Altlasten wurden 2010 in eine Abwicklungsanstalt ausgelagert, die weiter im Staatsbesitz ist. Die profitable Kernbank Deutsche Pfandbriefbank kam 2015 an die Börse, doch blieb der Bund Großaktionär.

HSH Nordbank

Die Landesbank geriet 2008 in den Strudel der Finanzkrise und musste von den Ländern Hamburg und Schleswig-Holstein gerettet werden. Im Gegenzug für die Genehmigung milliardenschwerer Ländergarantien setzte die EU-Kommission den Verkauf des Instituts bis 2018 durch.

IKB

Die IKB Deutsche Industriebank war eines der ersten Opfer der Krise. Sie verspekulierte sich mit US-Hypotheken und wurde 2007 von der staatlichen Förderbank KfW, dem Bund und anderen Banken mit Milliarden gerettet. 2008 übernahm der US-Finanzinvestor Lone Star die Mehrheit an der IKB.

LBBW

Die Eigner - das Land Baden-Württemberg, die Sparkassen im Südwesten und die Stadt Stuttgart - stützten das Institut 2009 mit einer milliardenschweren Kapitalspritze und Bürgschaften. Als Auflage für die Hilfen verordnete die EU der Bank eine Schrumpfkur und einen strengen Sparkurs. Inzwischen ist das Institut wieder auf Kurs.

SachsenLB

Das Institut stand im Sommer 2007 wegen fragwürdiger Kreditgeschäfte in Milliardenhöhe am Rand des Abgrunds. Die Bank wurde an die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) notverkauft.

WestLB

Die einst größte deutsche Landesbank ist mittlerweile Geschichte. Das Institut war durch Fehlspekulationen tief in die roten Zahlen gerutscht und musste von ihren Eigentümern - dem Land NRW und den Sparkassen - mit Milliarden gestützt werden. Im Gegenzug verlangten die EU-Wettbewerbshüter eine Zerschlagung. Mitte 2012 wurde der Düsseldorfer Konzern aufgespalten. Das Sparkassengeschäft übernahm die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba).

Funke und sein damaliger Finanzvorstand Markus Fell verfolgten die Verlesung der Anklage im Landgericht mit regungslosen Gesichtern. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Bilanzfälschung vor, bei Fell geht es zusätzlich um mutmaßliche Marktmanipulation. Der Finanzchef habe noch wenige Tage vor der Rettung die existenzbedrohende Lage der Bank vor Investoren schöngeredet.

Bei einer Verurteilung drohen den Managern im äußersten Fall mehrjährige Freiheitsstrafen. Beide haben die Anschuldigungen zurückgewiesen. Fell wollte sich noch am Montag vor Gericht äußern. Funke plant nach Angaben seines Verteidigers am Dienstag eine ausführliche Stellungnahme.

Im Vorfeld der Verhandlung hatte Funke den damaligen SPD-Finanzminister Peer Steinbrück und die Umstände für das Desaster verantwortlich gemacht. Im September 2008 hatte der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers zur Folge, dass die wechselseitige Kreditvergabe der Banken quasi über Nacht zum Erliegen kam – der HRE ging das Geld aus. „Das war die eigentliche Ursache“, sagte Funkes Verteidiger Wolfgang Kreuzer vor Beginn der Verhandlung. „Ganz entscheidend war am Ende Herr Steinbrück mit der sehr unbedachten Bemerkung, die Bank müsse abgewickelt werden.“

Die beiden Staatsanwältinnen Schmidt und Hildegard Bäumler-Hösl schilderten ausführlich, wie die HRE in den Jahren 2007 und 2008 immer tiefer in den Strudel der Finanzkrise geraten war. Die Krise hatte ihren Ursprung in den USA, wo der Häusermarkt wegen fauler Immobilienkredite zusammengebrochen war. Viele dieser Darlehen waren in den Boomjahren in hochkomplexe Wertpapiere gebündelt und rund um den Globus an Banken als vermeintlich sicheres Investment verkauft worden. Als der Markt in sich zusammenfiel, erwiesen sich auch diese Bonds als wertlos.

Die Folge war ein enormer Abschreibungsbedarf bei vielen Banken, etliche Häuser gerieten ins Schlingern. Dass auch die HRE den Wert dieser Kreditverbriefungen abschreiben musste, spielt in dem nun angelaufenen Strafprozess aber keine wesentliche Rolle. Die Staatsanwaltschaft konzentriert sich vielmehr darauf, dass die HRE aufgrund des Misstrauens an den Finanzmärkten schließlich kein frisches Geld mehr bekam, das sie zur Refinanzierung von Krediten dringend benötigte.

Die heraufziehende Gefahr der austrocknenden Geldmärkte hätten Funke und Fell bereits im Sommer 2007 erkannt, sagte Bäumler-Hösl. Das werde auch dadurch deutlich, dass die Manager im August 2007 erste Konsequenzen gezogen hätten, indem sie das Neugeschäft mit gewerblichen Immobilienfinanzierungen vorübergehend einstellten.

Hypo Real Estate-Prozess

Jetzt steht das deutsche Gesicht der Finanzkrise vor Gericht

Hypo Real Estate-Prozess: Jetzt steht das deutsche Gesicht der Finanzkrise vor Gericht

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Kommentare (5)

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Herr Peter Grassmann

20.03.2017, 14:13 Uhr

Holt Ex-Minister Steinbrück nun sein größter Fehler ein? Er kannte die warnenden Vorzeichen der Finanzkrise: http://www.huffingtonpost.de/peter-grassmann/peer-steinbruck-cdu-politik_b_12295944.html

Rainer von Horn

20.03.2017, 14:43 Uhr

Der Vorstand ist immer selbst verantwortlich. Und sonst gar keiner.

Allerdings wurden von dem Angesprochenen mit seinem "Investment-Modernisierungsgesetz" tatsächlich die Grundlagen gelegt, für eine immer weitergehende Deregulierung im Bankensektor (was sich jetzt ggfs. mit Mnuchins Aktivitäten in den USA wiederholt).

http://www.wiwo.de/politik/deutschland/eurokrise-finanzministerium-rechnet-mit-ex-chef-steinbrueck-ab/7861464.html

Herr Rudolf Ott

20.03.2017, 15:33 Uhr

Der Bericht macht endlich klar, wo die Finanzkrise ihren Ausgangspunkt hatte. Den USA. Soweit ich mich erinnere wollte die Clinton-Administration jedem Amerikaner ein Eigenheim ermöglichen, auch denen die nicht kreditwürdig waren. Die eingeleitete Deregulierung machte aus dem "Geschäft Immobilienfinanzierung" ein Casino. Leider haben sich Banken wie die HRE und auch die DB an diesem Roulette beteiligt. Chefs wie Funke und Ackermann sind diese Risiken eingegangen. Funke hat es halt erwischt. Ackermanns Nachfolger und die Belegschaft der DB zahlen Milliarden an die US-Behörden wegen angeblichen Unregelmäßigkeiten in einem angeblich deregulierten Markt. Deutsche Behörden sollten nun die 183 Mrd € für die Bankenrettung bei Trump einfordern!

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