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15.01.2009

20:22 Uhr

"Million Dollar Trader"

Reale Verluste im Reality TV

VonMichael Maisch

Auf dem britischen Fernsehsender BBC handeln Laien wie Hedge-Fonds. Mit einer Millionen Dollar sollten die Kandidaten in der Reality-TV-Serie "Million Dollar Trader" eigentlich beweisen, dass jeder als Händler Erfolg haben kann. Doch bisher können die Kandidaten nur dicke Verluste vorweisen.

Verluste im Fernsehen: Die "Million Dollar Trader" kommen eher schlecht als recht durch die Krise. Foto: Reuters Reuters

Verluste im Fernsehen: Die "Million Dollar Trader" kommen eher schlecht als recht durch die Krise. Foto: Reuters

LONDON. Cleo strahlt. Der Iran hat gerade einen Raketentest durchgeführt, und die Spannungen mit den USA erreichen einen neuen Höhepunkt. Für Cleo ist das eine gute Nachricht, denn der Ölpreis schießt nach oben, ein weiterer Tiefschlag für die Fluglinien dieser Welt. Auf dem Bildschirm, auf den die junge Frau starrt, beginnt der Kurs von British Airways rot zu blinken. Die Aktie rauscht in den Keller, und damit ist die Wette auf Kursverluste der Fluggesellschaft, die Cleo vor wenigen Minuten über ihr Händlertelefon bei einem Broker platziert hat, voll aufgegangen.

Cleo ist eigentlich Tierärztin und hat vom professionellen Wertpapierhandel keine Ahnung, trotzdem arbeitet sie für einen Monat bei einem Hedge-Fonds, genau wie sieben andere Kandidaten der neuen Reality-TV-Serie "Million Dollar Trader" der BBC. Der Londoner Hedge-Fonds-Manager Lex van Dam stellt für das Experiment tatsächlich eine Million echter Dollar zur Verfügung um zu beweisen, dass letztlich aus jedem, der Einsatz und Geschick beweist, ein erfolgreicher Trader werden kann.

Mit dem Timing der Serie hat die BBC allerdings kein besonders glückliches Händchen. Vor zwölf Monaten waren Hedge-Fonds noch cool und angesagt. Doch mit der Finanzkrise kam der große Einbruch. Die Fonds häufen Verluste auf, Anleger ziehen Milliarden ab, Banken kappen ihre Kredite. In der Branche hat ein Massensterben eingesetzt. Experten befürchten, dass am Ende jeder zweite Hedge-Fonds aufgeben muss. Das macht sich inzwischen auch im Straßenbild bemerkbar. Rund 900 Hedge-Fonds tummelten sich einmal in London, und wer etwas auf sich hielt, der ließ sich im vornehmen Mayfair oder dem benachbarten St. James nieder. Nirgends auf der Welt waren die Büromieten höher als in den schmucken Stadthäuschen aus leuchtend rotem Ziegelstein in der Grosvernor Street oder am St. James?s Square.

Aber weil Fondsschließungen mittlerweile fast schon an der Tagesordnung sind, macht die Immobilienkrise auch vor der prestigeträchtigen Postleitzahl W1 nicht mehr halt. Erstmals seit 2005 fallen die Mieten der Edeladressen im Londoner Westend und immer mehr der schmucken Häuschen stehen leer. Aber nicht nur in Mayfair bekommt London die Auswirkungen der Finanzkrise zu spüren. Der Marktforscher Oxford Economics befürchtet, dass bis Ende 2010 in der britischen Hauptstadt 107 000 Jobs wegfallen. Im Finanzsektor, der 2008 in London noch 315 000 Menschen beschäftigte, dürften wegen der Kreditkrise mehr als 60 000 Arbeitsplätze verschwinden. Volkswirte beziffern die Steuerausfälle durch die Krise der City auf stolze zehn Mrd. Pfund. Das wäre genau so viel wie die olympischen Spiele in London im Jahr 2012 kosten sollen.

An den trüben Aussichten für die City werden wohl auch die Hobby-Hedge-Fonds-Manager der BBC nichts ändern können. Denn ganz wie ihre echten Vorbilder haben sie in den ersten zwei Wochen ihrer TV-Händlerkarriere erst einmal einen dicken Verlust eingefahren.

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