Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

25.01.2008

07:23 Uhr

Wie die Kontrollsysteme von Banken aussehen

Lücken mit Tücken

VonHolger Alich und Sonia Shinde

Eigentlich war er nur ein kleiner Händler, doch innerhalb eines Jahres wurde er zum Riesenbetrüger: Verluste in Höhe von 4,9 Mrd. Euro hat der Aktienhändler Jérôme Kerviel bei der Société Générale (SocGen) verursacht - der bislang mit Abstand größte Einzelskandal in der Finanzgeschichte. Das Kontrollsystem der französischen Großbank versagte völlig. Auch andere Institute müssen sich fragen, ob ihre Risikosystem eiffzient genug ist.

Ein Betrugsskandal kostet die Société Générale mehr als die Subprime-Krise im vierten Quartal. Foto: dpa

Ein Betrugsskandal kostet die Société Générale mehr als die Subprime-Krise im vierten Quartal. Foto: dpa

HB PARIS/FRANKFURT. Kerviel habe mit Terminkontrakten (Futures) auf steigende Aktienkurse gesetzt, teilte die Bank mit. Damit diese riskanten Wetten nicht den internen Kontrollen auffallen, habe er entsprechende Gegengeschäfte gebucht, also Wetten auf fallende Kurse geschlossen. Das Problem: Diese Gegenwetten waren nur in einem fiktiven Konto gebucht, glichen also die eingegangenen Risiken nicht tatsächlich aus. Gemerkt haben will all das niemand. Der Mann habe jahrelang in der Kontrollabteilung gearbeitet und gewusst, wie er das System aushebeln konnte, sagt die Bank.

Wie ein Insider erklärte, hätten die fraglichen Aktienwetten im Jahr 2007 sogar Gewinn eingebracht. Als die Bank die Positionen am vergangenen Sonntag entdeckte, musste sie diese in aller Eile auflösen. Da es um enorme Summen ging, hat der Verkauf drei Tage gedauert. Zum Pech der Bank fielen die Verkäufe in die Baisse der letzten Tage und verstärkten den Abwärtstrend an den Börsen zusätzlich - daher der Milliardenverlust.

Immer wieder tauchen solche Fälle von Milliardenverlusten, verursacht durch einzelne Händler, auf. Der bislang berühmteste: Nick Leeson, dessen Spekulationen in den Neunzigern zum Kollaps der Barings Bank führte. Das Muster ist immer dasselbe: Die Vorfälle kommen erst ans Licht, wenn der Schaden zu groß ist, um ihn weiter zu vertuschen. Zuvor gibt es keinerlei Reaktionen oder Proteste - weder intern noch extern.

Experten wundern sich allerdings, dass bei Geschäften der SocGen in dieser Größenordnung keiner etwas bemerkt hat. "Das muss aufgefallen sein", sagt ein deutscher Bankvorstand. Er rechnet vor: Um rund fünf Mrd. Euro Verluste zu produzieren, hätten mindestens 20 Mill. Kontrakte Bund Futures ihren Wert komplett verloren haben müssen. Und das geht nicht unauffällig. "Da muss ich mich doch fragen, was da los ist, wenn jeden Tag Liquidität abfließt", sagt er.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×