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26.11.2013

18:26 Uhr

Bankenkritiker

Hellwig erwartet keine Marktbereinigung nach EZB-Stresstest

VonPeter Köhler

ExklusivÖkonom Martin Hellwig sieht keine größere Konsolidierung in der europäischen Bankenbranche kommen, nachdem die EZB ihren Stresstest durchführen wird. Hellwig spricht sich für eine supranationale Aufsicht von Banken aus.

Die Euro-Skulptur in Frankfurt vor der Europäischen Zentralbank (EZB). Hellwig sieht das Risiko, dass die EZB ihre Geldpolitik von ihrer Rücksicht auf die Geschäftsbanken geprägt wird. dpa

Die Euro-Skulptur in Frankfurt vor der Europäischen Zentralbank (EZB). Hellwig sieht das Risiko, dass die EZB ihre Geldpolitik von ihrer Rücksicht auf die Geschäftsbanken geprägt wird.

FrankfurtDer prominente Ökonom Martin Hellwig glaubt nicht daran, dass es als Folge der Bilanzprüfung und des anschließenden Stresstests der Europäischen Zentralbank (EZB) im kommenden Jahr zu einer größeren Konsolidierung in der europäischen Bankenbranche kommt. „An sich wären Asset Quality Review und der anschließende Stresstest durch die EZB eine Chance dafür. Jedoch wird der politische Wille dazu fehlen. Politiker in allen Mitgliedsstaaten sehen Banken nur als eine mögliche Quelle von Geld, nicht als eine Quelle von Risiken“, sagte der Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in einem Interview mit dem Handelsblatt (Mittwochausgabe). „Man muss auch einmal daran denken, Banken zu schließen“, ergänzte der Wissenschaftler.

Zur Begründung rechnet der Professor vor, dass die aggregierte Bilanzsumme des Finanzsektors in Europa etwa 400 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmache. 1990 seien es dagegen nur rund 100 Prozent gewesen. „Ohne Konsolidierung werden die Banken wieder zocken müssen, nur um zu überleben“, sagt Hellwig.

Die drei Stufen der EZB-Bankenprüfung

1. Stufe

Risikobewertung
In einem ersten Schritt prüft die EZB die Risiken in den Bankbilanzen. Dabei schaut sie auf die kurzfristig zur Verfügung stehenden Mittel (Liquidität), die Verschuldung und die Refinanzierung der Bank.

2. Stufe

Asset Quality Review
Im zweiten Schritt schaut sich die EZB mit einem einheitlichen Bewertungsmaßstab etwa für faule Kredite die Bestandteile der Bilanzposten an. Auf dieser Basis wird beurteilt, ob etwa ausreichende Rückstellungen gebildet worden sind. Dabei sind acht Prozent hartes Kernkapital als Zielquote vorgegeben – Banken, die darunter liegen, sollen voraussichtlich auf staatliche Auffangmechanismen zurückgreifen müssen.

3. Stufe

Stresstest
Als letzter Schritt vollzieht die EZB einen Stresstest: Wie reagieren die Bankbilanzen auf gewisse Risikoszenarien? Die Details für den Stresstest sind noch nicht bekannt. Alle drei Schritte sollen bis November 2014 vollzogen sein, wenn die EZB offiziell die Aufsichtsfunktion übernimmt.

Grundsätzlich spricht sich Hellwig für eine supranationale Aufsicht und Abwicklung von Banken aus. „Jedoch hätte ich dafür lieber eine unabhängige Behörde. Bei der EZB sehe ich das Risiko, dass die Geldpolitik dauerhaft durch die Rücksicht auf die Geschäftsbanken geprägt wird“, sagt das Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums.

Das Problem des „Too Big to Fail“ sieht der Ökonom nach wie vor nicht gelöst. So sei die Deutsche Bank mit einer Bilanzsumme von rund zwei Billionen Euro zweieinhalbmal so groß wie die 2008 gescheiterte US-Investmentbank Lehman Brothers. Bei einer Insolvenz der Deutschen Bank würde die Einheit des Unternehmens sofort zerschlagen, denn die rechtlich unabhängigen Töchter in London und New York würden von den dortigen Behörden übernommen. „Das gäbe ein Chaos“, meint Hellwig.

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