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02.11.2015

19:01 Uhr

Baudienstleister

Insolvenzverfahren bei Imtech wird mehrere Jahre dauern

Die skandalumwitterte Baufirma Imtech kann weitermachen - am Berliner Flughafen und auf 500 weiteren Baustellen. Dem Insolvenzverwalter ist es in einem knappen Zeitfenster gelungen, die Firma in neue Hände zu überführen.

Über das Vermögen des Baudienstleisters Imtech Deutschland ist das Insolvenzverfahren eröffnet worden. dpa

Imtech

Über das Vermögen des Baudienstleisters Imtech Deutschland ist das Insolvenzverfahren eröffnet worden.

HamburgÜber das Vermögen des Baudienstleisters Imtech Deutschland ist das Insolvenzverfahren eröffnet worden. Das teilte Insolvenzverwalter Peter-Alexander Borchardt am Montag in der Hansestadt mit. Für ihn und sein Team beginne nun die Umsetzung der Übertragung der Betriebe sowie die aufwendige Bearbeitung von Gläubigerforderungen, Prozessen und sonstigen Altlasten zur Befriedigung der Gläubiger. Die Schulden von Imtech Deutschland betragen aktuell rund 150 Millionen Euro.

Mit einem Abschluss des Insolvenzverfahrens rechnet Borchardt frühestens in sechs Jahren. Solange laufen noch Garantiefristen für Bauprojekte der insolventen Imtech Deutschland und vorher sei auch nicht mit einem Abschluss der vielen Bauprozesse zu rechnen. „Ich plane, schnellstmöglich eine Abschlagverteilung vorzunehmen. Dies wird aufgrund der zahlreichen noch ungeklärten Forderungen jedoch keinesfalls vor Ende 2017 möglich sein“, sagt Borchardt.

Imtech und der BER – Sorgen um Flughafenprojekt

Der Termin, der wackelt – schon wieder

Der neue Hauptstadtflughafen gleicht einem taumelnden Boxer: Kaum hat er sich aufgerappelt, setzt es den nächsten Schlag. Ein paar Monate schien es, als gäbe es für das Krisenprojekt einen guten Plan, der nur noch abgearbeitet werden muss. Jetzt trifft die Pleite der wichtigen Baufirma Imtech die Baustelle wie einen Boxer die rechte Gerade. Die Verantwortlichen sind besorgt. Und alle fragen sich, ob die für 2017 geplante Eröffnung abgesagt werden muss – es wäre das fünfte Mal.

Welche Arbeiten erledigt Imtech in Schönefeld?

Der Gebäudetechnikausstatter arbeitet neben anderen wie Siemens an der Brandschutzanlage, deren unzureichendes Zusammenspiel neben schweren Mängeln seit Jahren den Flughafenstart verzögert. Mit dem Partner Caverion unterteilt Imtech etwa den zu großen Anlageabschnitt im zentralen Terminal, damit das „Monster“ (Flughafengesellschaft) beherrschbar wird. Imtech kümmert sich auch um Stromversorgung, Heizung, Sanitär und Lüftung. „Sanierung im Bestand“, hat Technikchef Jörg Marks das genannt, was momentan im Terminal läuft.

Lief die Arbeit immer reibungslos?

Nein. Projektbeteiligte berichten im Berliner Untersuchungsausschuss immer wieder von Schönrednerei und von Baufirmen, die machen was sie wollen. Einige Vorwürfe trafen auch Imtech. Die Firma soll mitunter monatelang mehr Bauarbeiter abgerechnet haben als tatsächlich im Terminal am Werk waren, kritisierte einer der Architekten.

Imtech habe mehr als 300 Millionen Euro vom Flughafen erhalten, teils aber ohne Gegenleistung, berichtete ein anonymer Hinweisgeber, der einen mutmaßlichen Bestechungsfall aufdeckte. Das Unternehmen soll einen leitenden Mitarbeiter des Flughafens bestochen haben, damit die Betreiber 65 Millionen Euro überweisen, ohne dass entsprechende Nachforderungen geprüft werden. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen gegen die Verdächtigen nahezu abgeschlossen, der Flughafen-Mitarbeiter sitzt seit Mai in U-Haft.

Warum hat der Flughafen Imtech nicht rausgeworfen?

Die Verantwortlichen fürchteten, Zeit und Wissen zu verlieren. Imtech galt ihnen als „Schlüsselfirma“ für das Projekt. „Es gab den Glauben, dass in der Sekunde, wo die abziehen, was sie auf der Baustelle haben, der Termin tot ist“, sagte der frühere Technikchef Horst Amann einmal mit Blick auf den einst angestrebten Starttermin Oktober 2013.

Wie kam es zur Insolvenz?

Die deutsche Imtech-Tochter war in den vergangenen Jahren durch erhebliche Unregelmäßigkeiten aufgefallen. Nach Konzernangaben hatte sie über Jahre Umsätze ausgewiesen, die es nicht gab. Das führte zu höheren Boni für die Führungsetage. Dann folgten millionenschwere Abschreibungen und Stellenstreichungen. Das neue Management konnte die Gesellschaft offensichtlich nicht aus der Schieflage befreien.

Welche Folgen hat das für den Flughafen?

Das wird wohl erst in den nächsten Tagen deutlich. „Maximale Unterstützung“ habe der Chef der deutschen Imtech, Felix Colsman, dem Flughafen zugesagt, heißt es. Doch wie viel ist die Zusage wert, wenn das Gehalt der Imtech-Leute nur bis Oktober gesichert ist? Die ersten erschienen schon am Freitag nicht mehr zur Arbeit. Der Insolvenzverwalter muss entscheiden, welche Aktivitäten des Großunternehmens mit 4000 Beschäftigten er am Laufen halten kann.

Kippt damit schon wieder der Eröffnungstermin?

Das ist nicht ausgeschlossen. Noch ist geplant, im zweiten Halbjahr 2017 an den Start zu gehen - mit sechs Jahren Verspätung. Die Situation jetzt erinnert an den Sommer 2010, als der Flughafen den ersten Eröffnungstermin im Oktober 2011 verschob - unter anderem wegen der Pleite einer Planungsfirma.

„Imtech ist eine der wichtigsten Baufirmen auf der BER-Baustelle“, sagt Flughafenchef Karsten Mühlenfeld. Im fliegenden Galopp die Pferde zu wechseln, bringt Großprojekte in der Regel aus dem Tritt. Und der Zeitplan ist ohnehin angespannt. Erst am Donnerstag hatte Mühlenfeld die Planungs- und Baufirmen zu mehr Engagement aufgefordert, weil man einigen wichtigen Zwischenterminen hinterherhinke.

Die wichtigsten Entscheidungen über die Zukunft des Unternehmens sind bereits in den vergangenen Wochen im vorläufigen Insolvenzverfahren gefallen. Einige Tochtergesellschaften und Beteiligungen wurden verkauft, das Kerngeschäft wird von einer Tochtergesellschaft der Bremer Gustav Zech Stiftung weitergeführt. Zech plant, einen erheblichen Anteil der noch 500 Imtech-Baustellen mit den Mitarbeitern fortzuführen, darunter auch die Arbeiten am Hauptstadtflughafen BER.

Imtech hatte am 6. August Insolvenz angemeldet. Das Unternehmen war durch Missmanagement schon 2012 in Turbulenzen geraten und wird mit Korruption, überhöhten Forderungen, unerlaubten Absprachen und undurchsichtigen Transaktionen in Verbindung gebracht. Verschiedene Staatsanwaltschaften ermitteln gegen Imtech. Auch die niederländische Muttergesellschaft Royal Imtech ist insolvent und teilweise bereits verkauft. Ihr gegenüber machte die deutsche Tochter Forderungen in Höhe von 21 Millionen Euro geltend. Der Imtech-Umsatz in Deutschland und Osteuropa betrug zuletzt 860 Millionen Euro, der Verlust (Ebitda) 126 Millionen Euro.

Von

dpa

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