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23.11.2016

09:05 Uhr

Baukonzern Vinci

Bilanzmanipulation, Finanzchef gefeuert – alles nur ein Fake

VonThomas Hanke

Gefälschte Mitteilungen haben bei Vinci für Aufruhr gesorgt – der Aktienkurs des französischen Baukonzerns brach um bis zu 18 Prozent ein. Wer steckt hinter der kriminellen Aktion?

Der französische Baukonzern Vinci hat mit einer gefälschten Pressemitteilung über einen angeblichen Bilanzskandal zu kämpfen. AFP; Files; Francois Guillot

Konzernchef Xavier Huillard

Der französische Baukonzern Vinci hat mit einer gefälschten Pressemitteilung über einen angeblichen Bilanzskandal zu kämpfen.

ParisNach dem Kurssturz der Aktie des Bau- und Dienstleistungskonzerns Vinci diskutiert man in Frankreich darüber, wie ein grotesker Betrug so erfolgreich sein konnte. Die Betrüger hatten ein gefälschtes Kommuniqué verschickt, in dem angebliche Bilanzmanipulationen gemeldet wurden, die zur Entlassung des Finanzchefs geführt hätten. Vinci müsse seinen Jahresabschluss für 2015 und das erste Halbjahr 2016 erneuern und vermutlich einen Verlust ausweisen. Der Fake wurde an mehrere Nachrichtenagenturen und Zeitungen geschickt. Bloomberg verbreitete kurz nach 16 Uhr eine Meldung.

Das Kommuniqué war unterzeichnet mit dem Namen des echten Pressechefs. Unter einer falschen Telefonnummer soll sich eine Person gemeldet haben, die die vermeintliche Bilanzfälschung bestätigt haben soll. Rund 20 Minuten später folgte ein weiteres Kommuniqué, das energisch dementierte, dass der Finanzchef entlassen werde. Die Bilanzprobleme seien aufgrund einer Indiskretion bekannt geworden. Dieses zweite Fake-Kommuniqué, unterzeichnet von einer anderen Person, löste offenbar noch größere Bestürzung aus.

Ausgewählte Manipulationen an der Wall Street

Flash Crash (2010)

Ein „Flash Crash“ wurde im Mai 2010 durch den Hochfrequenzhandel ausgelöst: Durch einen blitzartigen Kurseinbruch lösten sich innerhalb weniger Minuten fast eine Billion Dollar Marktwert in Luft auf. Der Kurs des Dow Jones fiel um rund 1.000 Punkte. Einige Aktien verloren in der Zeit rund die Hälfte ihres Wertes. Der Spuk dauerte eine halbe Stunde lang an. Der sogenannte Hochfrequenzhandel, bei dem Tausende Transaktionen binnen Millisekunden durch Computer ausgelöst werden, stand schon vorher in der Kritik.

Ausgelöst haben soll den Sturz ein Spekulant, der aus einer Londoner Wohnung heraus handelte. Der Beschuldigte habe die Kurse sogenannter E-Mini-Futures auf den wichtigen Index S&P 500 manipuliert, so die Vorwürfe der Ermittlungsbehörden. Das sei der Auslöser des kurzzeitigen Crashs gewesen.

Dow Jones (2013)

Am 23. April 2013 meldete der Twitter-Account der US-Nachrichtenagentur eine Explosion im Weißen Haus. Die Meldung war jedoch falsch – Hacker hatten das Nutzerkonto übernommen. Dennoch brach die Börse innerhalb von Sekunden um mehr als ein Prozent ein. Möglicher Grund: Computer werteten die Meldung als wahr und lösten Verkaufssignale aus.

Intel (2014)

Eine gefälschte Pressemitteilung, vermeintlich vom Chip-Hersteller Intel abgesetzt, kündigte das Ende eines Sechs-Milliarden-Dollar-Projekts des Konzerns in Israel an.

Avon (2015)

Die Aktie des Kosmetiksunternehmens setzte am 14. Mai 2015 zu einer rasanten Achterbahnfahrt an wegen einer angeblichen Übernahmeofferte, die sich letztlich als Fälschung entpuppte. Das Angebot wurde elektronisch an das Meldesystem der US-Börsenaufsicht SEC übermittelt, war voller Tippfehler und Extra-Leerzeichen. Sogar der vermeintliche Käufer wurde unter zwei verschiedenen Namen aufgeführt. Dennoch reagierten Handelscomputer.

Twitter (2015)

Eine gefälschte Webseite, die dem Angebot der Finanznachrichten-Agentur Bloomberg täuschend ähnlich sah, meldete im Juli 2015 eine bevorstehende Übernahme des sozialen Netzwerks Twitter. Die Meldung war eine Fälschung, doch die Aktie machte kurzzeitig einen Satz nach oben, bevor sie sich wieder auf normalem Niveau einpendelte.

Tesla (2015)

Einen April-Scherz verbreitete der Elektroauto-Hersteller am 1. April 2015 kurz vor Börsenschluss. Das Problem: Die Überschrift klang wie die tatsächliche Ankündigung eines neuen Produkts. Die Überschrift wurde von Finanzagenturen in ihre Systeme übernommen und Computer starteten Aktienkäufe – fälschlicherweise in Erwartung einen neuen Automodells.

Innerhalb kürzester Zeit stürzte die Vinci-Aktie um bis zu 18 Prozent ab. Kurz nach 17 Uhr schließlich dementierte Vinci die Bloomberg-Meldung, der Aktienkurs begann, sich wieder zu erholen. Das Papier schloss aber leicht im Minus. Der falsche Pressesprecher soll sich später bei der Agentur gemeldet und als Mitarbeiter einer Nichtregierungs-Organisation (NGO) bezeichnet haben, die Rache an Vinci nehmen wolle, weil der Baukonzern sich in Russland und Frankreich Verfehlungen zuschulden kommen lasse und in Katar Bauarbeiter unmenschlich behandele.

Der Vorgang erinnert an frühere Falschmeldungen, wie die Imitation der Bloomberg-Webseite im vergangenen Jahr, um den Kurs von Twitter zu manipulieren. Innerhalb von nur vier Tagen mieteten Unbekannte die Webadresse „bloomberg.markets“ an und konstruierten eine Webseite, die dem Angebot der Finanznachrichten-Agentur Bloomberg täuschend ähnlich sah. Die Betrüger stellten einen gefälschten Artikel mit Autorenzeile eines echten Bloomberg-Mitarbeiters online und schickten die gefälschte Nachricht ins Internet: Twitter stehe kurz davor, für rund 31 Milliarden Dollar übernommen zu werden.

Kurssprünge nach Falschmeldungen: Schmu an der Wall Street

Kurssprünge nach Falschmeldungen

Schmu an der Wall Street

Der automatisierte Börsenhandel führt zu Problemen: Computer nehmen Falschmeldungen für bare Münze, das Internet erleichtert Kursmanipulationen. Doch es sind nicht immer Kriminelle, die falsche Kursschwankungen auslösen.

Die Aktie des Kurznachrichtendienstes aus San Francisco schoss nach dieser Mitteilung um fast neun Prozent in die Höhe. Nachdem sich die Nachricht als falsch entpuppt hatte, rutschte der Aktienkurs des angeschlagenen Unternehmens wieder ab.

Während früher Kurse über Gerüchte von Mund zu Mund beeinflusst wurden, um mit dem Anstieg oder Fall eines Kurses auf kriminelle Weise Geld zu verdienen, werden heute gleich ganze Medien-Identitäten missbraucht. Der automatisierte Aktienhandel begünstigt die Verbreitung von Panikwellen wie der um Vinci. Allerdings spielt auch der – damit verbundene – enorme Zeitdruck in Agenturen eine Rolle, der die sofortige Verbreitung von Fakes begünstigt.

Ein Anruf beim echten Pressechef von Vinci hätte ausgereicht, um den Betrug auffliegen zu lassen. Der Baukonzern hat juristische Schritte angekündigt.

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