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04.11.2016

10:18 Uhr

Baukosten höher als gedacht

Geheimsache Elbphilharmonie

VonChristoph Kapalschinski

Die Hamburger Elbphilharmonie wird heute teileröffnet. Doch das Gebäude war deutlich teurer als die von der Stadt genannten 866 Millionen Euro. Denn es gibt noch einen privaten Teil, über den fast nichts bekannt ist.

Das Gebäude hat in Wirklichkeit noch mehr Geld gekostet als verbreitet worden ist. Denn die Kosten für den spitzen Westteil des Gebäudes sind in den veröffentlichten Zahlen nur teilweise enthalten. dpa

Teure Elbphilharmonie

Das Gebäude hat in Wirklichkeit noch mehr Geld gekostet als verbreitet worden ist. Denn die Kosten für den spitzen Westteil des Gebäudes sind in den veröffentlichten Zahlen nur teilweise enthalten.

Hamburg866 Millionen Euro, Platz zwölf im Ranking der teuersten Gebäude der Welt: Das sind die Zahlen zu den Kosten, die zur Eröffnung der Plaza der Hamburger Elbphilharmonie an diesem Freitag verbreitet werden.  Diese Summe ergibt sich aus dem von Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) vor gut drei Jahren ausgehandeltem Rettungspaket, mit dem der Bau mit heftigen Kostensteigerungen und langjähriger Verspätung doch noch fertig geworden ist.

In Wirklichkeit allerdings ist das Gebäude noch deutlich teurer. Denn die Kosten für den spitzen Westteil des Gebäudes sind in den veröffentlichten Zahlen nur teilweise enthalten. Das bestätigten die Hamburger Kulturbehörde und das Bauunternehmen Hochtief auf Anfrage. In dem Gebäudeteil entstehen 45 Luxuswohnungen, für die derzeit diskret Käufer gesucht werden.

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Vom Symbol für öffentliche Verschwendung zum neuen Liebling der Hamburger: die Elbphilharmonie ist endlich fertig. Und es zeigt sich: Die vermeintliche Diva ist in Wahrheit ein ganz patentes Mädchen.

Denn, worüber heute niemand mehr gern spricht: Das Gebäude ist seit der ersten Entwurfsskizze 2003 als Private-Public-Partnership geplant worden. Die Ursprungsidee war, dass Erlöse aus dem Bau einer Garage, eines Hotels und von Wohnungen die Konzertsäle weitgehend finanzieren. Tatsächlich baute die Stadt alles auf ihre Rechnung – bis auf die Wohnungen.

Diese Wohnungen tauchen in den Senatsdrucksachen nur an Rande auf: Gerade einmal 7,6 Millionen Euro kann die Stadt von den Baukosten abziehen. Diese zahlten die Wohnungsbauer für ihren Anteil am Grundstück an die Stadt. Wieviel aber die Errichtung der Wohnungen konkret kostet, wollen die Erbauer Hochtief und Quantum nicht sagen. Über das erwartete Ergebnis sprechen sie sowieso nicht.

Elbphilharmonie: Chronologie einer Kostenexplosion

Jahrelange Querelen

Nach neuneinhalb Jahren Bauzeit und jahrelangen Querelen um Kostensteigerungen und Bauverzögerungen übergibt der Baukonzern Hochtief die Elbphilharmonie an die Stadt Hamburg. Eine Chronologie der Ereignisse.

2001-2005: Gläserne „Welle“ auf dem alten Kaispeicher

Oktober 2001: Der Architekt Alexander Gérard tritt an den Hamburger Senat mit der Idee heran, eine neue Konzerthalle auf dem Kaispeicher A zu realisieren.

Juni 2003: Die Schweizer Star-Architekten Herzog & de Meuron präsentieren den ersten Entwurf der Elbphilharmonie: eine gläserne „Welle“ auf dem alten Kaispeicher.

Juli 2005: Die erste Machbarkeitsstudie geht von Gesamtkosten in Höhe von 186 Millionen Euro aus. Der Anteil der öffentlichen Hand soll bei 77 Millionen Euro liegen. Geplante Eröffnung 2010.

2006-2008: Es wird teurer

November 2006: Bürgermeister Ole von Beust (CDU) gibt bekannt, dass die Elbphilharmonie teurer wird als geplant. Die Kosten steigen auf 241,3 Millionen Euro, der Anteil der Stadt auf 114,3 Millionen Euro.

April 2007: Grundsteinlegung Elbphilharmonie.

November 2008: Kultursenatorin Karin von Welck räumt ein, dass sich die Kosten für den Steuerzahler um 209 Millionen Euro auf 323 Millionen Euro erhöhen. Neuer Eröffnungstermin ist im Mai 2012. Tatsächlich steigen die Kosten für die Stadt durch diesen vereinbarten Nachtrag auf 495 Millionen Euro.

2010: Richtfest

Mai: Der von der Hamburger Bürgerschaft eingesetzte parlamentarische Untersuchungsausschuss nimmt seine Arbeit auf, um die Ursachen der Kostensteigerungen herauszufinden.

Mai: Richtfest auf der Baustelle der Elbphilharmonie. Die Feierlichkeiten werden von Protesten begleitet.

2011: Stillstand auf der Baustelle

Juli: Der Baukonzern kündigt erneut eine Verzögerung an. Nun soll die Elbphilharmonie am 15. April 2014 übergeben werden.

November: Stillstand auf der Baustelle: Hochtief stellt die Arbeiten am Dach wegen Sicherheitsbedenken ein.

2012: 200 Millionen Euro mehr für Hochtief

2. Februar: Ex-Bürgermeister Ole von Beust (CDU) sagt vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss aus. Er übernimmt die politische Verantwortung, würde aber wieder so entscheiden.

14. April: Der Senat legt einen Plan zum Weiterbau der Elbphilharmonie vor. Gleichzeitig setzt die Stadt Hochtief ein Ultimatum, das Dach bis zum 31. Mai abzusenken.

23. November: Das Saaldach der Elbphilharmonie wird erfolgreich abgesenkt, d.h. mit dem Gebäude verbunden. Der Streit darüber war einer der wesentlichen Gründe für den Baustillstand.

15. Dezember: Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) verkündet, dass die Stadt die Elbphilharmonie mit Hochtief zu Ende bauen will. Dafür erhält der Baukonzern erneut 200 Millionen Euro, übernimmt aber auch sämtliche Risiken. Fertigstellungstermin: Oktober 2016.

2013: Zehnmal so teuer wie geplant

Juni: Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) gibt bekannt, wie viel die Elbphilharmonie insgesamt - mit Hotel und Parkhaus - die Stadt kosten wird: 789 Millionen Euro, zehnmal so viel wie geplant.

2014: Überforderte Politiker

April: Der parlamentarische Untersuchungsausschuss legt seinen Abschlussbericht vor. Danach sind eine unfertige Planung und überforderte Politiker für das Baudesaster verantwortlich.

2015: „Da bleibt einem die Spucke weg“

26. Juni: Die öffentliche Plaza in 37 Metern Höhe wird der Presse vorgestellt. Kommentar von Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos): „Da bleibt einem die Spucke weg.“

2016: „FERTIG“

3. Februar: Die „weiße Haut“ des japanischen Akustikers Yasuhisa Toyota im Großen Saal ist fertig. Die innovative Wandverkleidung soll auf 2100 Plätzen vollen Klanggenuss ermöglichen.

11. April: Generalintendant Christoph Lieben-Seutter stellt das Programm für die erste Saison in der Elbphilharmonie vor. Das NDR Elbphilharmonie Orchesters unter Leitung von Thomas Hengelbrock wird das Konzerthaus am 11. Januar 2017 unter anderem mit einer Uraufführung von Wolfgang Rihm eröffnen.

30. Juni: Der große Konzertsaal mit 2100 Plätzen wird vom Bauunternehmen Hochtief an die Stadt übergeben. Neben Restarbeiten stehen nun die Abnahme des Saals und der technische Probebetrieb an.

September: Erste Geheimprobe des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter Leitung von Thomas Hengelbrock. Sein Kommentar: „Prima, Herr Toyota. Den nehmen wir!“

31. Oktober: Der Baukonzern Hochtief übergibt intern das fertige Gebäude an die Stadt Hamburg. Auf der gläsernen Fassade erscheint durch erleuchtete Fenster das Wort „FERTIG“.

4. November: Festakt zur Übergabe des Gebäudes. Die Plaza, das Hotel und die Gastronomie werden für die Besucher geöffnet.

Quelle: dpa

2017: Eröffnung

1. Januar 2017: Uraufführung der Performance „Figure Humaine“ von Sasha Waltz & Guests in den Foyers der Elbphilharmonie.

11. Januar 2017: Eröffnung der Elbphilharmonie mit einem Festakt und einem Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter Leitung von Thomas Hengelbrock. Erwartet werden auch Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die Wohnungen gelten als die teuersten in der Hansestadt. Im Schnitt sind sie 190 Quadratmeter groß, der Preis je Quadratmeter soll zwischen 15.000 und 36.000 Euro liegen. Diese Preise will sich Hochtief offenbar durch die Veröffentlichung der Baukosten nicht verderben lassen: „Wenn Sie bei einem Bauträger eine Wohnung oder ein Haus kaufen, wird er Ihnen auch nicht sagen, welche Kosten er für die Realisierung hatte. Sie zahlen einen verhandelten Marktpreis“, teilte ein Hochtief-Sprecher mit.

Rechnerisch ergibt sich aus den bekannten Daten ein Verkaufserlös irgendwo zwischen 150 und 300 Millionen Euro. Die Stadt sieht davon keinen Cent. Sie verpachtet lediglich das Hotel für 20 Jahre an die Kette Westin. Das bringt sechs Millionen Euro im Jahr – oder 120 Millionen über die gesamte Vertragslaufzeit. Glück für Hochtief: Die Hamburger Immobilienpreise sind seit dem Projektbeginn deutlich gestiegen.

Der Baukonzern ist also wesentlich glimpflicher aus dem Pannenbau hervorgegangen als die öffentliche Hand. Der Hochtief-Sprecher drückt das diplomatischer aus: „Sie wissen, dass das Projekt zwischendurch schwierig für uns war. Wichtig ist für uns, dass wir seit der Neuordnung 2013 stabile wirtschaftliche Verhältnisse haben. Die Wohnungen haben einen positiven Anteil daran.“ Im Klartext: Zumindest mit dem Wohn-Teil verdient das Unternehmen gutes Geld.

Kommentare (10)

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Herr Peter Delli

04.11.2016, 10:34 Uhr

So werden bleibende Werte geschaffen, ein gutes Beispiel daran haben wir in den Domen errbaut von den Kirchen zu Ehren Gottes. So ein Bauwerk gibt es jetzt auch endlich in Hamburg. Wie lange mussten wir darauf warten um diese Herrlichkeit zu sehen.

Herr Lung Wong

04.11.2016, 11:04 Uhr

Delli, Sie hätten die Pyramiden noch erwähnen sollen. Erbaut auf dem Rücken unzähliger gequälter Menschen, nur wegen einer paranoiden Idee der Unsterblichkeit ein paar weniger Feudalisten. Nun bröckelt der gigantische Haufen Steine in einer vermüllten Atmosphäre vor sich hin. Dem Kölner Dom bleibt auch nur noch geringe Zeit, bis nur noch ein Sandhaufen übrig bleibt und das wahnsinnige Streben der Größenwahnsinnigen unter uns ad Absurdum führt. Die "Herrlichkeit" welche Sie in der Elb-Philharmonie erkennen wollen, ist nur dem Verblendeten vorbehalten, der stets in seinem Wahn, ohne Rücksicht auf die Schöpfung, seinem unvermeidlichem Ende entgegen strebt.

Rainer von Horn

04.11.2016, 11:04 Uhr

@Alessandro Grande

Die Politik ist schon lange privatisiert, nur haben die Käufer das bei Abschluß nicht an die große Glocke gehängt.Und wie man an den Kosten sieht (Philharmonie, BER, Stuttgart21, Energiewende, "Flüchtlings"hilfe etc.) zahlt sich das Investment für die Investoren doch aus.

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