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10.04.2015

17:39 Uhr

Beben im Volkswagen-Reich

Piëch gehabt

VW-Patriarch Piëch rückt von seinem Ziehsohn ab. Konzernchef Martin Winterkorn hat wohl keine Chance mehr auf den Aufsichtsratsvorsitz. Es wäre keine Premiere, dass Piëch Top-Manager über die Klinge springen lässt.

Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch (rechts) hat Vorstandschef Martin Winterkorn öffentlich kritisiert.

Volkswagens Führungsspitze

Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch (rechts) hat Vorstandschef Martin Winterkorn öffentlich kritisiert.

HamburgVolkswagen-Patriarch Ferdinand Piëch rückt völlig überraschend ab von Konzernchef Martin Winterkorn. „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Piëch dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Es sind nur 28 Buchstaben, doch sie haben am Freitag ein Beben beim Autobauer Volkswagen ausgelöst.

Mit den Schockwellen dieses völlig überraschenden, offensichtlichen Bruchs zwischen dem Patriarchen aus dem Kontrollgremium und dem Konzernlenker steht eine Führungskrise bei VW im Raum. Winterkorns Zukunft ist nun fraglich. Es galt bei Konzerninsidern als gesetzt, dass Winterkorn zum Ende seiner Amtszeit Anfang 2017 Piëch an der Aufsichtsratsspitze beerbt.

Auch eine Vertragsverlängerung über 2016 hinaus stand bisher im Raum. „Man weiß es nie“, sagte der 67-jährige Winterkorn dem „Stern“ erst vor wenigen Wochen. Insider zeigten sich nun durch die Bank verwundert.

Volkswagen in Zahlen

Umsatz

108,8 Milliarden Euro im 1. Halbjahr 2015 (+10,1 Prozent)

Auslieferungen an Kunden

5,039 Millionen Fahrzeuge (-0,5 Prozent)

Gewinn nach Steuern

5,663 Milliarden Euro (-0,9 Prozent)

Mitarbeiter

597.800 am 30. Juni 2015 (+0,9 Prozent im Vergleich zum 31. Dezember 2014)

Mitarbeiter im Inland

273.900 (+1,0 Prozent)

Werke

118 (Vorjahr: 106)

Piëch – der selbst die Konzernspitze vor Winterkorn geführt hatte – ist berüchtigt für Sätze oder sogar nur Halbsätze, die das Ende von Managerkarrieren einläuten können. Die Familien Porsche und Piëch besitzen die Stimmenmehrheit im Konzern. Piëch, der am 17. April 78 Jahre alt wird, ist das VW-Machtzentrum – nach der eisernen Regel: Ohne sein Okay fällt keine wichtige Entscheidung.

Nun aber hat der VW-Patriarch seinen langjährigen Wegbegleiter Winterkorn mächtig angezählt – und zwar in aller Öffentlichkeit. Nach Piëchs Aussagen steht damit die gesamte künftige VW-Machtarchitektur auf dem Prüfstand. Das Tandem Winterkorn/Piëch galt bislang als der Weichensteller für die mittelfristige Zukunft. Winterkorns Vertrag läuft Ende nächsten Jahres aus, dann geht er auf die 70 zu.

Neben der Distanz-Aussage hat ein weiterer Satz von Piëch aus dem an diesem Samstag erscheinenden „Spiegel“ Gewicht: „Ich strebe an, dass an die Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstands die Richtigen kommen.“ Dabei falle die Entscheidung, wer VW künftig lenkt, erst 2017 – und zwar „kurz vor meinem Ausscheiden“, wie Piëch sagte. Die Kandidaten dafür seien bereits im Unternehmen. In Vorstand und Aufsichtsrat müssten jeweils Techniker die Führung bekleiden, das sei so gesetzt.

Damit kommen zwei Varianten nicht mehr infrage: Audi-Chef Rupert Stadler dürfte demnach als Betriebswirt nicht auf Winterkorn folgen. Der Manager, der als ehrgeizig und bodenständig gilt, hat sich zu möglichen Ambitionen nie geäußert. „Die Frage stellt sich nicht“, sagte er am Jahresanfang. Das dürfte nun auch so bleiben. Dabei gilt Stadler als Vertrauter von Winterkorn und von Piëch, dessen Büro als VW-Vorstandchef er einige Jahre leitete. Zudem war Stadler als Audi-Boss quasi von Amts wegen ein möglicher Kronprinz, denn auch Piëch und Winterkorn waren zunächst Chefs in Ingolstadt.

Ursula Piëch, Ehefrau des Patriarchen, ist nun auch keine Alternative mehr für die Spitze des Aufsichtsrats, in dem sie schon sitzt. Über die Variante hatten VW-Kenner zumindest diskutiert. Piëch schloss nun aber nicht nur seine Frau namentlich aus, die als gelernte Erzieherin ohnehin keinen Technikerhintergrund hat – sondern verneinte generell, dass für die Nachfolge als Chefkontrolleur ein Familienmitglied infrage komme.

Kommentare (18)

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Herr Teito Klein

10.04.2015, 17:01 Uhr

Das Tischtuch ist zerschnitten
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Ferdinand Piëch kritisiert Martin Winterkorn.
Zuvor waren sie ein erfolgreiches Tandem. Das ist jetzt vorbei.
Winterkorn will Nachfolger von Piëch werden.
Piëch will aber seine Frau als seine Nachfolgerin.

Herr peter Spirat

10.04.2015, 17:29 Uhr

Offenbar hat der Konzernchef keine Chance mehr, den Aufsichtsratsvorsitz zu übernehmen
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Diese Möglichkeit war noch nie voresehen. Darüber muss hier auch nicht weiter gesprochen werden. Volkswagen muss eben sicher stellen, dass nur die Besten in so ein wichtiges Amt gehoben werden.

Sergio Puntila

10.04.2015, 17:46 Uhr

Offenkundig hat sich Piech zu einem etwas operettenhafteren Abgang entschieden.
Gleichwohl sollte man seine Leistung nicht unterschätzen.

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